Fußball

BVB-Star Marco Reus im Interview "Meisterschaft ist nicht oberste Priorität"

Fußballprofi Marco Reus nutzt die Zwangspause, um sich nach einer Verletzung wieder in Form zu bringen. Im Interview erzählt der Kapitän von Borussia Dortmund, warum der Bundesliga-Titel gerade weniger wichtig ist und was über die Corona-Einschränkungen denkt.

ntv.de: Hallo Herr Reus, Ihr Bart wächst, Ihr Haar wächst, ist das bereits ein Corona-Look?

Marco Reus: Das würde ich so sagen. Wobei ich meinen Bart schon ein wenig gestutzt habe, aber die Friseure machen ja jetzt erst auf. Das werde ich dann diese Woche auch in Anspruch nehmen, meine Haare sind schon lang. Aber ich wollte sie eigentlich schon immer ein bisschen länger haben, deswegen ist es schon okay.

Wie sehr halten Sie sich an die Regeln in der Corona-Zeit? Ist es für Sie selbstverständlich, sich an die Regeln zu halten?

Auf jeden Fall. Ich habe meine Eltern und meine Geschwister schon seit Wochen nicht gesehen, nur über Skype oder Facetime halten wir Kontakt. Wenn es hilft, dann bin ich natürlich voll dabei, wenn die Regierung sagt, das sollen wir einhalten, dann tun wir das sowohl privat als auch im Fußball. Im Fußball ist es natürlich etwas schwieriger, weil Du natürlich auf dem Platz unterwegs bist.

Corona wird uns noch lange begleiten. Marco, wie große Sorgen machen Sie sich auch als Vater um die Gesundheit? Gibt es bei Ihnen bereits ein Umdenken?

Ich bin erst seit einem Jahr Familienvater, von daher habe ich mich schon ein wenig geändert. Wir haben schon ein privilegiertes Leben. Wir können zum Beispiel bei schönem Wetter in den Garten gehen, andere nicht. Es ist eine schwierige Situation, aber ich denke positiv. Wir können die Situation nicht alleine verändern, nur alle zusammen.

Sie und Ihre Ehefrau Scarlett übernehmen jetzt auch Verantwortung mit dem Projekt "Help your hometown". Wie kam es zu der Idee?

Wir wollten schon immer etwas machen, gerade auch für meine Heimatstadt Dortmund. Da kam uns die Idee mit "Help your hometown", denn wir wussten, dass es für die Gastronomie und kleine mittelständische Unternehmen in der Corona-Zeit richtig schwierig wird, die Miete oder die Mitarbeiter zu bezahlen. Von daher kam die Idee, den Leuten zu helfen, wir haben natürlich gehofft, dass viele da mitmachen und so war es auch. Wir haben viele tolle E-Mails bekommen, wir haben Spenden bekommen, und es ist einfach schön zu sehen, dass die Stadt so zusammenarbeitet und dass auch jeder helfen möchte.

Jeder geht doch hier zum gleichen Friseur, zum Bäcker, den er liebt - und wenn das nicht mehr da wäre, dann fehlt doch irgendwas.

Und so kam die Aktion zustande, wir sind mittendrin und haben noch etwas Budget offen. Jedes Unternehmen kann sich bei uns anmelden oder registrieren, und dann versuchen wir zu helfen.

Wie zum Beispiel?

Das erste Unternehmen zum Beispiel, das wir unterstützt haben, war das Theater in Dortmund-Hörde, wo wir den Kontakt aufgenommen haben. Da war es so, dass sie sich total gefreut haben und auch überrascht waren. Meine Frau und ich unterstützen auch das SOS-Kinderdorf in Dortmund, es gibt noch so viele andere Beispiele. Und dann die E-Mails zu lesen, wie glücklich und dankbar sie sind, das macht einen schon stolz.

Ihr Mitspieler Erling Haaland hat sich spontan Ihrem Projekt angeschlossen ...

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In 19 Bundesliga-Einsätzen in dieser Saison kommt Reus auf elf Tore und sechs Vorlagen.

(Foto: imago images/Xinhua)

Überraschend, muss ich sagen ... eines Morgens beim Training kam er auf mich zu und hat mich gefragt, was da für ein Projekt sei. Und dann hat er spontan gesagt, dass er spenden möchte - eine richtig starke Aktion genau wie bei Nuri [Sahin, Anm. d. Red.], bei Lukas Piszczek oder einigen anderen.

Wie geht es Ihnen als Spieler, gerade jetzt wo man von den Corona-Fällen beim 1. FC Köln gehört hat? Machen Sie sich da auch Sorgen, wenn Sie wieder ins Mannschaftstraining gehen?

Solange sich jeder bei uns daran (an die Vorgaben) hält und es vermeidet, öffentlich irgendwo rumzulaufen, in Geschäften rumzulaufen oder ohne Maske - dann wird da wenig passieren. Aber natürlich denkst Du darüber nach, wie es weitergeht. Niemand hat eine solche Situation schon einmal gehabt, von daher ist das alles neu. Und ich denke, das größte Ding ist, dass wir nicht alle in Panik verfallen sollten. Wir müssen uns an die Situation gewöhnen und wenn uns das gelungen ist, gibt es keinen Grund, warum wir nicht Fußball spielen sollten. Wenn wir uns an die Richtlinien halten, dann wird es wieder eine neue Lockerung geben und dann noch eine und noch eine ... bis wir dann hoffentlich wieder die Freiheit genießen können.

Also, ein Re-Start wäre in Ihrem Interesse ...

Ja, natürlich. Wenn die Infektionszahlen wieder gesunken sind und es weitere Lockerungen gibt, bin ich natürlich dafür. Im Endeffekt muss es überall weitergehen. Natürlich ist es für die Regierung schwierig zu entscheiden, wo fangen wir wieder an. Aber ich bin ein Befürworter, weil wir auch unserem Job nachgehen wollen - wie alle anderen übrigens auch.

Wie bereiten Sie sich denn Geisterspiele vor?

Vor einigen Wochen bei Paris St. Germain, da hatten wir ja schon ein Geisterspiel. Da haben alle gemeckert, dass wir ein Geisterspiel hatten, heute wären wir froh, wenn wir mal ein Spiel hätten. Es ist wichtig, dass Du Dich vom Kopf her damit auseinandersetzt, wir werden bestimmt auch mal im Stadion trainieren, allein um die andere Atmosphäre einmal kennenzulernen, wie das ist, wenn man auf einmal seinen eigenen Namen hört oder wenn der Trainer ruft … Das ist keine alltägliche Situation und es wird spannend zu beobachten, wie sich andere anstellen oder damit umgehen.

Wie sieht es mit Ihrer Verletzung aus? Wie fit sind Sie jetzt? Sind Sie schon wieder bereit fürs Mannschaftstraining?

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Seit Anfang Februar fehlte Reus verletzt.

(Foto: imago images/Mika Volkmann)

Nee, ich bin kurz davor. Ich bin gut im Reha-Plan, die Corona-Krise war mein "Glück", ich hatte etwas mehr Zeit, die Verletzung auszukurieren. Ich bin gut im Soll, ich habe ja mal gesagt, dass ich im Mai wieder zurückkehren möchte - und jetzt hoffe ich, dass es so geschieht. Wann genau das ist, kann ich noch nicht sagen.

Der BVB hat nur 4 Punkte Rückstand auf Platz 1 - Marco Reus mit einer Schale wäre möglich ...

Ich sehe keinen Grund, warum das nicht funktionieren sollte. Im Moment ist das nicht die oberste Priorität, an die ich gerade denke. Das ist jetzt schon ein paar Schritte voraus ... Wenn es tatsächlich wieder losgeht, dann denke ich daran. Wenn die ersten zwei, drei Spiele absolviert sind und wir Siege eingefahren haben, dann denke ich darüber nach.

Mit Marco Reus sprach Felix Görner

Quelle: ntv.de

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