Redelings Nachspielzeit

Fatale Skandal-Enthüllung Als Canellas die Bundesliga fast zerstörte

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Horst-Gregorio Canellas wollte nicht verlieren.

Heute vor fünfzig Jahren löste eine spektakuläre Tonbandaufnahme im Garten des Präsidenten der Offenbacher Kickers, Horst-Gregorio Canellas, den Bundesliga-Skandal aus. Die Auswirkungen waren nicht nur für die Liga existenzgefährdend!

Horst-Gregorio Canellas, der Importkaufmann für Südfrüchte, der vor genau 50 Jahren an seinem 50. Geburtstag auf einer Gartenparty den bis heute größten Bundesliga-Skandal ins Rollen brachte, saß einige Jahre später zusammen mit seiner Tochter auf dem planmäßigen Flug von Mallorca nach Frankfurt in dem berühmten Flugzeug "Landshut". Diese Maschine wurde damals von Terroristen entführt und schließlich in Mogadischu von der deutschen Spezialeinheit GSG9 befreit.

Der frühere Präsident der Offenbacher Kickers hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine schwere Tbc-Erkrankung hinter sich und war vom Leben gezeichnet. Rückblickend sagte er jedoch über die Flugzeug-Entführung: "Der Skandal war schlimmer, viel schlimmer. Mogadischu hatte noch menschliche Züge."

An diesem 6. Juni 1971, als die Bombe platzte, die beinahe die Bundesliga zerstörte, hatte Canellas eine illustre Runde aus Journalisten und Prominenten in seinen Garten geladen. Darunter befanden sich auch der amtierende Bundestrainer Helmut Schön und der DFB-Ligasekretär Wilfried Straub. Als gegen Mittag alle Gäste gerade mit einem Glas auf den Jubilar anstoßen wollten, gab der Präsident der Offenbacher Kickers, die zwei Tage zuvor aus der ersten Liga abgestiegen waren, einem Mitarbeiter ein Zeichen.

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Dieser reagierte sofort und drückte unter den Worten von Canellas - "Und nun, meine Herren, hören Sie mal!" - den Knopf eines Tonbandgeräts. Was danach passierte, kann man nicht anders beschreiben als so: Die krächzenden Worte aus dem Abspielgerät lösten fast den endgültigen Exodus der noch immer jungen Bundesliga aus.

Der Tag der Abrechnung

Der Skandal stellte von einem Tag auf den nächsten eine Erfolgsgeschichte auf den Kopf. Über 800.000 Menschen (!) kamen in der Saison nach dem Schock weniger in die Stadien. Die Fans verziehen ihren Protagonisten offensichtlich nicht, dass mit ihnen und dem Fußball in Deutschland auf plumpe Art und Weise ein falsches Spiel gespielt wurde. Heute weiß man, dass damals mindestens 18 Partien der Spielzeit 1970/71 für üppige Geldbeträge verschoben worden waren. Mittendrin in diesem dreckigen Sumpf voller Betrüger war auch Horst-Gregorio Canellas.

Der Präsident von Kickers Offenbach hatte mit allen Mitteln versucht, seinen Klub in der ersten Liga zu halten. Als er kurz vor Schluss der Runde mitbekam, dass dieses Unterfangen aussichtslos war, weil auch andere Vereine dieses falsche Spiel mitspielten, zog er die Reißleine. Als schlechter Verlierer, der bei seiner eigenen Niederlage möglichst viele Rivalen mit in den Abgrund reißen wollte, begann er Gespräche mit Protagonisten der Bundesliga zu führen - einzig und allein mit dem Ziel, diese Unterredungen später gegen die jeweiligen Personen zu verwenden. Zusammen mit einem Reporter der "Bild"-Zeitung nahm er diese Gespräche auf.

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Der 6. Juni 1971 war schließlich der Tag seiner persönlichen Abrechnung - und ging komplett nach hinten los. Denn was die Gäste der Gartenparty dann hörten, schlug im wahrsten Sinne des Wortes ein wie eine Bombe. Das Fundament der Liga war nur noch ein einziger Schutthaufen. Mühsam versuchte man in den Jahren danach - parallel zum Prozess gegen die Angeklagten - die Grundfesten der Bundesliga wieder neu zu errichten.

"Der größte Fehler meines Lebens"

Dass das auch bitter nötig war, zeigen die Worte des renommierten Sportjournalisten Richard Kirn, der sich damals in seiner populären Kolumne fragte, wie es nun weitergehen könne: "Wir unterhielten uns über die langsam und quälend dahinschleichende Affäre. Herr Beschwichtiger und ich. 'Das sind doch', sagte mein Gesprächspartner, 'nichts als Kinderkrankheiten.' Und ich: 'Auch an Kinderkrankheiten kann man sterben!' Der Patient heißt Bundesliga. Wenn seine Krankheit nicht mit glühenden Eisen ausgebrannt wird, wird das Ende bitter sein."

Die Verhandlungen vor Gericht zogen sich damals auch deshalb in die Länge, weil nicht alle Spieler ihre Schuld sofort eingestehen wollten. Besonders im Fokus der Öffentlichkeit war von Anfang an die Partie des 28. Spieltags vom 17. April 1971 zwischen dem FC Schalke 04 und Arminia Bielefeld. Die Begegnung endete mit einem 0:1 des S04. Für die Niederlage kassierten die Königsblauen eine Prämie von insgesamt 40.000 Mark, was eine verhältnismäßig läppische Summe von 2.300 Mark pro Spieler ausmachte. Alleine 1.000 Mark hätten die Schalker als Siegprämie an diesem Tag verdienen können. Doch da die Spieler viele Jahre vor Gericht leugneten, trägt der FC Schalke 04 unter Fußballfans bis heute den Beinamen "FC Meineid".

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Einer, der damals das Geld kassierte und später gesperrt wurde, war der Nationalstürmer Klaus Fischer. Durch die Sperren des DFB verpasste der Mann aus dem bayrischen Zwiesel auch die Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land. Kein Wunder, dass Fischer das Annehmen des Geldes im Jahr 1971 bis heute als den "größten Fehler meines Lebens" bezeichnet.

Nur das arme Opfer

Dieses Eingeständnis hat der ebenfalls schuldig gesprochene Torhüter des 1. FC Köln, Manfred Manglitz, bisher noch nicht geschafft. Der DFB hatte ihn auf Lebzeiten gesperrt und 1974 schließlich begnadigt. Doch Manglitz kehrte nicht mehr in die Bundesliga zurück. Canellas' Gespräch mit ihm ist eines der schauerlichsten Stücke der heimlich aufgenommenen Tonbandpassagen und eines der beeindruckendsten Dokumente des Bundesliga-Skandals. Mit welch kühler wie kühner Professionalität hier über den Betrug gesprochen wurde, ist auch nach fast fünf Jahrzehnten kaum zu fassen. Und noch etwas anderes.

Der Torhüter kannte später trotz der Geiselnahme durch Terroristen kein Erbarmen mit Canellas - sondern sah nur sich, das arme Opfer Manfred Manglitz: "Wissen Sie, als der Canellas aus Offenbach in der Maschine saß, die nach Mogadischu entführt wurde, da habe ich gedacht: Ich bin ja kein gläubiger Mensch, aber wenn es wirklich einen lieben Herrgott gibt, dann kennt der Gerechtigkeit. So, wie mich dieser Canellas damals hereingelegt hat …!" Wenn man diese Zeilen liest, kommt es fast einem Wunder gleich, dass die Bundesliga ihre "Kinderkrankheit" überstehen und in den Folgejahren immer populärer werden konnte. Vermutlich hat selbst Horst-Gregorio Canellas vor fünfzig Jahren nicht annähernd abschätzen können, welche tiefen menschlichen Abgründe diesen Skandal erst möglich gemacht haben.

Quelle: ntv.de

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