Redelings Nachspielzeit

Dramatische Zeiten im Revier Als Günter Netzer Schalke 04 pfänden ließ

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Günter Netzer konnte beim FC Schalke nicht viel weiterhelfen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die finanzielle Lage ist auf Schalke aktuell alles andere als rosig, mal wieder. Doch so schlimm wie im Frühjahr 1993 ist die Situation beim Fußball-Bundesligisten nicht. Damals schickte sogar Weltmeister Günter Netzer den Gerichtsvollzieher zu den Königsblauen - ohne Erfolg.

Als der Gerichtsvollzieher im Januar 1993 beim FC Schalke 04 aufkreuzte, zog er Minuten später schon wieder enttäuscht und mit leeren Händen von dannen. Nicht einmal mehr 15.000 Mark waren damals aufzutreiben gewesen. Schalke stand finanziell nicht mehr nur am Abgrund - mittlerweile war man schon einen Schritt weiter.

Dabei schien die Welt bei den Königsblauen nur ein Jahr zuvor noch in Ordnung. Trotz 18 Millionen Mark Schulden präsentierte man der Öffentlichkeit ein Bild von heiler Welt. Nur vier Jahre zuvor hatte das noch ganz anders ausgesehen. Damals war die Lage beim Traditionsklub für jedermann ersichtlich außerordentlich dramatisch - bis unverhofft Rettung nahte, wie der legendäre Schalker Betreuer Charly Neumann einmal erzählte: "Als der Präsident Günter Eichberg zu uns kam, war Schalke mausetot. Der Verein hatte kein Geld mehr für Waschpulver. Und dann plötzlich kam der große Guru aus Düsseldorf."

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Der "große Guru" Eichberg krempelte den Klub komplett um, sicherte durch private Bürgschaften Transfers ab und gründete die damals revolutionäre Schalker Marketing Gesellschaft - im Grunde nichts anderes als ein Auffangbecken für Schulden, die der Verein alleine niemals mehr hätte bedienen können. Der erste Geschäftsführer dieser Gesellschaft war übrigens ein damaliger Novize im Bundesligabusiness, der später zu einem der führenden Herren der Liga werden sollte: Heribert Bruchhagen.

"Oberbuchhalter Bruchhagen"

Anfangs lief das Modell auch gut an. Der Verein war endlich wieder handlungsfähig und die Marketing-Gesellschaft erschloss unter "Oberbuchhalter Bruchhagen" (O-Ton Eichberg) laufend neue Einnahmefelder. Eine der kuriosesten Ideen dieser Jahre: Für gerade einmal 2000 Mark durfte sich jede Gaststätte auf der Welt das Recht erkaufen, fortan lebenslang unter dem besonderen Gütesiegel "Schalker Vereinslokal" zu firmieren. Noch heute findet man landauf, landab Kneipen, die die damals erworbene Plakette stolz an ihrem Lokal gut sichtbar präsentieren.

In diesen Tagen war man auf Schalke so geschäftstüchtig und einfallsreich wie selten zuvor. Und das sollte sich nach dem Aufstieg 1991 auch in Zahlen ausdrücken. Die Königsblauen verdienten auf allen Ebenen deutlich mehr Geld - doch leider gaben die Verantwortlichen dieses auch ebenso schnell und freizügig wieder aus. Besonders die Personal- und Sachkosten schossen dabei in Rekordtempo in die Höhe.

Einer, der damals gutes Geld verdiente, war der sogenannte "Schalker Frühstücksdirektor" Günter Netzer. Eichberg hatte den ehemaligen Gladbacher Meisterspieler auf Sylt im Urlaub getroffen und gleich als Berater für seine Königsblauen engagiert. Für Schalke durfte es in diesen Tagen eben nur das Beste sein. Und so gab es fortan jeden Montagmorgen eine Telefonkonferenz, bei der sich die S04-Verantwortlichen mit Netzer über die weitere Zukunft der Königsblauen austauschten. Die fachmännische Beratung ließ sich der ehemalige Manager des HSV natürlich fürstlich entlohnen.

"Morgen tun wir ihm vom Hof, ne?!"

Doch eines Tages hatten Präsident Eichberg und seine Gefolgschaft genug von den spitzen Kommentaren des Telefonmanagers aus Zürich und wollten Netzer feuern. Nur: Das ließ sich zwar sehr einfach entscheiden - aber wer aus dem Führungsgremium genau sollte das dem großen Mann des deutschen Fußballs verklickern? Viele Jahre später erzählte Günter Eichberg einmal lächelnd von diesem ganz speziellen Dilemma und erinnerte sich, dass man wochenlang energisch über die Frage gestritten hätte, wer die Rolle des Buhmanns denn nun übernehmen solle. Das dauerte so lange, bis man sich zu einem denkwürdigen und durchaus trinkfreudigen Abend in einem Gasthaus im Sauerland traf. Als man schließlich zusammen an der Pinkelrinne stand, schworen sich Eichberg und sein Schatzmeister Rüdiger Höffken in die Hand, es am nächsten Tag gemeinsam bei der Telefonkonferenz zu tun. Der herrliche Kommentar von Höffken in den gekachelten Räumlichkeiten soll wie folgt gelautet haben: "Morgen tun wir ihm vom Hof, ne?!"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Als die Welt auf Schalke noch in Ordnung und Günter Netzer als Frühstücksdirektor noch aktiv war, hatte Heribert Bruchhagen mit fester Stimme stolz erklärt: "Alle Verbindlichkeiten sind ordnungsgemäß mit beliehenen Werbeverträgen und Bürgschaften gedeckt." Das stimmte auch. Doch was er dabei tunlichst nicht erwähnte: Die beliehenen Verträge galten für mehrere Jahre. Und damit fehlte schon wenige Monate später genau dieses Geld in den Schalker Kassen. Da konnte Günter Netzer so viele Mahnbescheide aufsetzen lassen und den Königsblauen den Gerichtsvollzieher mit einer Pfändung über 15.000 Mark ins Haus schicken, wie er nur wollte: Die Kohle war und blieb auch erst einmal weg.

Das führte natürlich zu Turbulenzen und dramatischen Szenen auf Schalke - und letztendlich auch zu Eichbergs Demission im Oktober 1993. In den Monaten danach konnte Schalke nur mit Mühe und Not die Lizenz retten und sich fortan nach und nach um den Schuldenberg kümmern. Eine der letzten Personal-Entscheidungen von Günter Eichberg sollte sich allerdings im Nachhinein als Glücksgriff erweisen. Die Verpflichtung von Rudi Assauer als Manager sorgte dafür, dass der Verein in den Folgejahren wieder große Erfolge feiern durfte. Doch nicht zuletzt durch den Bau der Arena hat sich seit damals an einer Sache nichts Grundlegendes geändert: Geld ist auf Schalke immer noch kein Thema, über das man gerne spricht. Schon gar nicht mit dem Gerichtsvollzieher.

Quelle: ntv.de