Redelings Nachspielzeit

Kuriose Transfer-Schnäppchen Biete 15 Kilo Grillfleisch für einen Verteidiger!

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Für Alexander Borodjuk reisten Reiner Calmund und Günter Eichberg mit einer Prothese nach Russland.

(Foto: imago sportfotodienst)

In der Krise müssen einige Profi-Klubs jeden Cent dreimal umdrehen, bevor sie ihn investieren. Besonders Transfers sind so nur schwer zu realisieren. Es sei denn, als Gegenleistung lässt man sich was Besonderes einfallen.

Grillfleisch, eine Gasleitung oder eine Ladung Shrimps als Transferentschädigung? Ja, tatsächlich, all das hat es im Fußball schon gegeben. Aber natürlich eher nicht auf Champions League Niveau. Wie wohl: Ein Bundesligist hat doch wirklich einmal einen neuen Spieler komplett in Alltagsgegenständen bezahlt. Darunter befand sich auch ein - Obacht! - Mähdrescher. Welcher Verein das war? Dazu später mehr.

Beginnen wir aber zuerst mit etwas Essbarem. Im wahrsten Sinne verschachert wie ein billiges Stück Fleisch wurde Marius Cioara bei einem der kuriosesten Transfers der Fußballgeschichte. 2006 wechselte der Rumäne für genau 15 Kilogramm Grillfleisch von UT Arad zu Regal Horia. Gnadenbrot für das alte Schlachtross Cioara. Als ihm das beim ersten Training auf direkteste Art gewahr wurde, schmiss er augenblicklich hin.

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Seine neuen Mitspieler hatten da bereits einige schmerzhafte Kübel Spott über ihn ergossen. Genau darauf hatte Cioara verständlicherweise keine Lust. Er wolle lieber auf dem Bau arbeiten, als noch eine Sekunde diese blöden Scherze zu ertragen, sagte er den heimischen Journalisten und zog anschließend von dannen. Wer das Fleisch am Ende verköstigt hat, ist übrigens nicht überliefert.

Wie viel Shrimps sind genug Shrimps?

In Rumänien wird der gute alte Tauschhandel also offensichtlich noch rege gepflegt. Und so kann es ganz nützlich sein, wenn der Bürgermeister auch gleich noch Präsident des lokalen Vereins ist. Als sich beim rumänischen Zweitligisten Minerul Lupeni im Sommer 2007 der Transfer des begehrten Starkeepers Cristian Balgradean anbahnte, hatte der Zwei-Ämter-Mann nur eine Bedingung: Der aufnehmende Verein sollte seiner Stadt Lupeni doch bitteschön eine neue Gasleitung spendieren. Gesagt, getan.

Fast schon zu schön, um sie zu glauben, ist die Geschichte von Kenneth Kristensen. Der junge Mann hatte sich, wer mag es ihm verdenken, im Sommerurlaub verliebt. Dumm nur, dass er in den zwölf Monaten zuvor die Saison seines Lebens gespielt hatte. 14 Tore hatte er für den norwegischen Drittligisten Vindbjart geschossen. Doch nun wollte er nur noch weg. Hin zu seinem Ferienflirt nach Flekkerøy. Sein Glück: Der dortige Klub Fløy war bereit, ihn zu verpflichten.

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Doch leider konnten sich die beiden Vereine nicht auf eine entsprechende Transferentschädigung einigen. Bis dem Präsidenten von Vindbjart irgendwann der Kragen platzte und er mit der Faust auf den Tisch haute. Energisch forderte er für seinen verlorenen Stürmer eine Ladung Shrimps. Eine üppige Ladung. Genau 75 Kilogramm. Dem Gewicht von Kristensen entsprechend. Eine geniale Lösung, fanden alle. Und genau so wurde es schließlich auch gemacht.

Eine Prothese für den Ex-Torhüter

Und nun zum Abschluss noch zu dem Bundesligisten, der einen Spielertransfer einmal komplett in Alltagsgegenständen bezahlt hat. Dafür müssen wir zurück in das Jahr 1989 gehen. Der Spieler, um den es sich handelt, war der damalige Torschützenkönig der sowjetischen Liga und Olympiasieger von 1988, Alexander Genrichowitsch Borodjuk. Ein begehrter Mann im internationalen Fußball. Besonders auch deshalb, weil sich der eiserne Vorhang, der solche Transfers über viele Jahre verhindert hatte, langsam öffnete.

Dieser Umstand war auch dem damaligen Schalker Präsidenten Günter Eichberg nicht entgangen. Und so trat er seine Reise zum 60. Geburtstag der russischen Torwartlegende Lew Jaschin, die er zusammen mit dem Bayer-Manager Reiner Calmund absolvierte, bereits mit dem Hintergedanken an, jede sich ergebende Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Übrigens: Wie speziell Eichberg und Calmund damals tickten, zeigt eine kleine Randgeschichte von dieser Reise.

Da Jaschin aufgrund seines immensen Konsums von nikotinhaltigen Glimmstängeln kurz zuvor ein Bein abgenommen worden war, ließen Calli und der Schalke-Präsident extra eine Prothese für Jaschin anfertigen. Nach einer äußerst skurrilen Szene am Flughafen-Zoll - man stelle sich die beiden nur einmal vor, wie sie mit Köfferchen und Kunstbein wild gestikulierend vor den russischen Beamten standen - überreichten sie das Präsent mit einer Schleife versehen dem glücklichen Jubilar zur Feier des Tages.

Der Sonnenkönig und die Landmaschine

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Natürlich war bei dieser Party auch der Bürgermeister von Moskau anwesend. Praktischerweise war das auch genau der Mann, der die "Transferrechte" des so begehrten Dynamo-Spielers Alexander Borodjuk verwaltete. Und da dieser neben seinem politischen Amt auch noch ein landwirtschaftliches Unternehmen betrieb, wünschte er sich als Transferentschädigung kein Geld - sondern allerlei sehr nützliche Dinge. Auf der üppigen Liste befand sich neben einem Telefaxgerät, zwei elektrischen Schreibmaschinen, einer EDV-Anlage und einem PKW der Marke "Ford Scorpio" auch der bereits angesprochene Mähdrescher.

Glücklicherweise konnte der Schalker "Sonnenkönig" Eichberg genau das gewünschte Modell über einen Gütersloher Freund beim ostwestfälischen Landmaschinenhersteller Claas besorgen. Und so wurde eines Tages eine fette Ladung unterschiedlichster Gebrauchsgegenstände aus Gelsenkirchen auf den weiten Weg in die Sowjetunion geschickt und der Transfer damit dingfest gemacht.

Bereut haben anschließend alle drei Parteien dieses Tauschgeschäft nicht. Ganz im Gegenteil. Besonders die Schalker Kreativität bei der Beschaffung der gewünschten Gegenstände wurde reichlich belohnt. Borodjuk war mit seinen Toren maßgeblich am Wiederaufstieg der Königsblauen zur Saison 1991/92 beteiligt. Ein kurioses Transfer-Schnäppchen, das sich richtig bezahlt gemacht hat.

Quelle: ntv.de