Redelings Nachspielzeit

Der "ewige" Rekord von Müller Bitte nicht, Robert Lewandowski

234271318.jpg

Robert Lewandowski steht vor einem ganz großen Stück Bundesligageschichte.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-POOL)

Gerd Müller hat vor knapp 50 Jahren einen Fabelrekord für die Ewigkeit aufgestellt - hat man wenigstens gedacht. Bis Robert Lewandowski kam. Nun hat der Bayern-Stürmer die Chance, diese Bestmarke zu übertrumpfen. Doch vielleicht kommt ja alles auch ganz anders?!

"Marmorkuchen, den ich sehr gerne esse, bäckt meine Frau, sooft ich Appetit darauf habe." Dieser Satz aus der Autobiografie "Tore entscheiden" des legendären Stürmers des FC Bayern München, Gerhard Müller (wie damals noch auf dem Cover stand), ist bei mir hängen geblieben, seitdem ich das erste Mal das Buch aus dem Jahr 1969 gelesen habe. Selbst erst 1975 im Ruhrgebiet geboren, habe ich von Anfang an immer das Bild von "kleines, dickes Müller" (so sein Trainer Tschik Cajkovski) im Kopf gehabt.

Als ich nun damals erstmals die Sätze vom leckeren Marmorkuchen las, den der Weltmeister von 1974 so gerne verspeiste, da passte das alles so wunderbar in meine kindliche Vorstellung des großartigen und, wie wir alle immer dachten, unerreichbaren Rekordtorschützen der Bundesliga. Doch dann kam bekanntermaßen Robert Lewandowski - und wirbelte die Gefühlswelt von Millionen Fußballfans durcheinander.

ANZEIGE
Das neue Buch der Fußballsprüche
19,90 €
Zum Angebot

Niemals hätten wir daran gedacht, dass irgendwann einmal das Undenkbare geschehen würde. Die 40 Tore aus der Saison 1971/72 des damals 26-jährigen Gerd Müller schienen wirklich für die Ewigkeit gemacht zu sein. Doch nun geht es offensichtlich nur noch um das Wann und nicht mehr darum, ob der Stürmer des FC Bayern München, Robert Lewandowski, es tatsächlich schaffen sollte, die Uralt-Bestmarke einzuholen und wohl noch zu überbieten.

Müller, der klare Favorit

Das muss man als Fußballanhänger, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, erst einmal sacken lassen. Denn überraschenderweise beschäftigt die ja eigentlich rein sportliche Frage zwischen Lewandowski oder Müller viele Fans auf eine ganz andere Art und Weise, als man vielleicht auf den ersten Blick annehmen würde. Ein Großteil der Anhänger berührt der "Kampf" um die Rekordtorschützen-Kanone tief in ihrem Herzen. Und dort gibt es einen klaren Favoriten. Der heißt Gerd Müller. Aber warum ist das so?

Vermutlich ist dies zu einem gewissen Prozentsatz der natürlichen, romantischen Verklärung zuzuschreiben. Viele von uns haben Gerd Müller nie leibhaftig und live Tore erzielen sehen. Und so haben sich in unserer Fantasie zu den TV-Szenen aus der Vergangenheit heroische Zitate gesellt, die den legendären Stürmer auf einen Sockel gehoben haben, den Normalsterbliche eigentlich nicht erreichen können.

"Aus keiner Chance zwei Tore"

ANZEIGE
Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs
19,90 €
Zum Angebot

Es sind Sätze wie von ARD-Reporter Oskar Klose ("Gerd Müller ist der einzige Torjäger der Welt, der aus keiner Chance zwei Tore macht") oder die Zeitungsnotiz aus der "L'Équipe" im Jahr 1976 ("Ihn zu stoppen, das ist etwa so, als wolle man einen fahrenden Bus mit bloßen Händen stoppen"), die unser Bild des Mannes aus Nördlingen aus sportlicher Sicht geprägt haben.

Treffer der Marke Gerd Müller waren und sind in unserer Vorstellung einmalig. "Drei Ballberührungen in nicht einmal einer Sekunde, genau 8/10", hat ZDF-Reporter Eberhard Figgemeier einmal handgestoppt. So etwas bleibt hängen. Genau wie all die unzähligen Tore, die Gerd Müller erzielt hat. Doch das ist nur die eine Seite. Vermutlich sogar die unspektakulärere - wenn man so etwas an dieser Stelle überhaupt schreiben darf.

Gerd Müller ist für viele von uns - trotz seiner fußballerischen Genialität - immer so herrlich "normal" gewesen. Und das lag auch an seiner körperlichen Konstitution. Kompakt und durchaus mit dem einen oder anderen Pfund zu viel auf den Rippen hatte er sich schon an die Spitze der Torjägerliste geschossen - als er auf seinen neuen Trainer Branko Zebec traf. Bei ihm nahm er damals zwölf Pfund ab, konnte man lesen, und wog anschließend "nur noch" 78 Kilo. Bei einer Körpergröße von 1,76 Meter.

Lewandowski, der knallharte Profi

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Wie Müller dieser Abnehmerfolg gelungen war, verkündete er in seiner sympathischen Art höchstpersönlich: "Kartoffeln kenne ich jetzt überhaupt nicht mehr. Früher konnte ich Riesenmengen fressen. Heute kann ich's nicht mehr. Ein bisschen zu viel ... und es kommt mir oben wieder raus." Wie kann man einen Menschen, der solche Sätze spricht, der Tor um Tor schießt, Erfolge für Erfolge feiert und in totaler Ekstase nur maximal einmal um die eigene Achse springt, nicht mögen? Unmöglich. Solch ein Mensch aus der Mitte des Lebens bewegt die Herzen. Auch abseits seiner vielen wichtigen und unvergesslichen Treffer.

Ob der einzigartige Stürmer Robert Lewandowski in 30 Jahren auch so "verklärt" wird? Man weiß es nicht. Im Moment scheint es eher nicht so - und das liegt nun wirklich nicht an zu wenigen Toren auf seiner Habenseite, wie wir alle wissen. Vielleicht menschelt es beim Bayern-Torjäger einfach ein bisschen zu wenig. Für viele ist Lewandowski eher der Typ des berechnenden und knallharten Profis als der Typ, der die Fans zu Emotionen auch abseits des grünen Rasens treibt. Aber wer weiß? Vielleicht täuschen wir uns ja auch alle in ihm und er überrascht uns am nächsten Spieltag mit einer spektakulären Aktion.

Wie die aussehen könnte? Robert Lewandowski erzielt bei der Partie in Freiburg erst kurz vor Schluss seinen 40. Treffer der Saison, zieht damit mit Gerd Müller gleich und reißt sich anschließend sein Trikot vom Leib. Auf seinem Shirt darunter prangt das Konterfei des Rekordtorschützen der Spielzeit 1971/72. Robert Lewandowski sieht die fünfte gelbe Karte und geht anschließend ohne ein weiteres Wort grinsend an den Reportern vorbei in die Kabine. Ach, ja. Träumen darf man ja mal. Gerne auch bei einem schönen Stück Marmorkuchen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.