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Sport
Glaube und Hoffnung können in dieser Saison wohl nichts mehr ausrichten.
Glaube und Hoffnung können in dieser Saison wohl nichts mehr ausrichten.
Dienstag, 06. März 2018

Redelings mit Wehmut: Der Hamburger SV geht niemals so ganz

Von Ben Redelings

Die Mauer fiel, Loriot hatte eine Nudel im Gesicht, die SPD war am miesen Sommerwetter schuld - doch auf eins konnte man sich verlassen: Der Hamburger SV war immer da! 55 Jahre Bundesliga, 55 Jahre voller Erinnerungen.

Als die Bundesliga 1963 startete, war ich minus 12. Heute bin ich 42 Jahre alt und der Hamburger SV spielt immer noch in der ersten deutschen Fußballiga. Eine schöne Konstante, die nicht nur mein Leben vom ersten Tag an begleitet hat. Doch leider gehört es zu den schmerzlichsten Erfahrungen eines jeden Menschen, zu lernen, dass nichts im Leben unendlich ist. Alles ist eines Tages vorbei - auch wenn man in den letzten fast 55 Jahren so manches Mal glauben konnte, der HSV würde dieses Naturgesetz aus den Angel heben.

Miroslav Okonski - ein klass(e/ischer) Spielmacher.
Miroslav Okonski - ein klass(e/ischer) Spielmacher.(Foto: imago sportfotodienst)

 Denn egal, was auch passierte, auf eine Sache konnte man sich verlassen: Der Hamburger SV war immer da. Er gehörte einfach dazu. Die Mauer fiel, Loriot hatte eine Nudel im Gesicht, die SPD war am miesen Sommerwetter schuld und aus Bonn wurde Berlin. Gerd hieß plötzlich Dieter und Dieter schließlich Thomas - alles Torjäger mit dem Nachnamen Müller. Die erste Freundin kam, die zweite ließ einen sitzen und irgendwann wurde geheiratet. An diesem Tag stand der HSV übrigens auf Platz 3 in der Tabelle.

Knallverliebt in Miroslav Okonski

Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich Mitte der 80er-Jahre einen gewissen Miroslav Okonski bei den Rothosen klasse fand. Ich glaube, er hatte eine Art auf dem Platz, die mich bis heute stets aufs Neue an Fußballern fasziniert. Der Typ klassischer Spielmacher. Ein Mann, der weiß, was er mit dem Ball anstellen möchte und genau diese Attitüde mit jeder Faser seines Körpers lebt. Wenn mein Herz zu dieser Zeit nicht bereits ohne Wenn und Aber dem VfL Bochum gehört hätte, Miroslav Okonski hätte es für den HSV entflammen können. So blieb es bei einer stillen Bewunderung aus der Ferne.

Kurz darauf hatten wir in Bochum ebenfalls einen Polen. Andrzej Iwan hätte der spielende Zwillingsbruder von Okonski sein können. Was habe ich diesen Mann geliebt! Und ausgerechnet gegen den HSV schoss dieser Iwan dann auch noch eines seiner wichtigsten Tore für den VfL. Im DFB-Pokal-Halbfinale 1988 murmelte er dem Hamburger Keeper Jupp Koitka (gebürtig aus Bochum 6, besser bekannt unter dem Namen Wattenscheid) die Kugel zum 2:0 durch die Flutschfinger ins Netz. Ich stand an diesem Abend mit einem Schulfreund nur wenige Meter hinter dem Tor von Koitka direkt am Zaun und jubelte, wie nur 12-Jährige jubeln können. Am nächsten Morgen schrieben wir eine Deutscharbeit. Gott sei Dank stand bei der Rückgabe ein "gut" darunter - so durfte ich von da an auch bei weniger bedeutsamen Partien abends ins Stadion gehen.

 Apropos "Flutschfinger". Eine Geschichte, die ich nie vergessen habe, obwohl so viele Spieler in all den Jahren in der Bundesliga kamen und gingen: Die Hamburger hatten damals Jupp Koitka in den Kasten gestellt, weil sie zuvor einen der größten Fehlgriffe in ihrer Geschichte getan hatten. Als 1987 Josip Skoblar neuer HSV-Trainer wurde, kam auch Mladen Pralija in die Hansestadt. Ein "Fliegenfänger" vor dem Herrn, wie die Fans ihn schnell bezeichneten. Trotz eines 5:1-Siegs gegen Kaiserslautern war damals der Trainer des kommenden Gegners im Europapokal, Michel Clement von Avenir Beggen aus Luxemburg, entsetzt ob Mladen Pralija als Hamburger Keeper: "Gegen uns mag es mit dem Torwart noch gehen. Wenn der HSV aber die nächste Runde erreichen sollte, werden sie mit dem Jungen Schwierigkeiten bekommen. Ich kann nicht verstehen, dass ein Spitzenklub wie der HSV auf so einen schlimmen Torwart setzen kann." Und Bayerns ehemaliger Weltmeister Paul Breitner rang sogar um Fassung: "Kein Wunder, dass dem Jakobs die Muffe geht. Mit dieser Praline im Tor spielt kein Abwehrrecke sicher." Mladen Pralija. Die Praline. Unvergessen.

Van der Vaarts verkörperten hanseatische Eleganz

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Viele Jahre später begeisterte ich mich für einen anderen Hamburger Spieler. Ich fand, dass Rafael van der Vaart perfekt in die Hansestadt passte. Zusammen mit seiner damaligen Frau Sylvie verkörperte er etwas, dass ich schon immer mit Hamburg und dem HSV verband. Eine gewisse hanseatische Eleganz. Eines Tages besuchte ich meine Hamburger Familie. Wir fuhren damals extra nach Eppendorf in den modernisierten und architektonisch aufgemöbelten Komplex der ehemaligen Fahrzeugwerkstätten am Falkenried, weil dort die beiden extravaganten Niederländer namens van der Vaart eine Wohnung bezogen hatten. Ich vergesse nie, wie meine Tante aus dem Fenster zeigte und auf ein ehemaliges Pförtnerhäuschen deutete, auf dem oben unter dem Dach ein Schild angebracht war, auf dem "Marsbar" stand. "Da sitzen die ganz häufig und trinken ihren Latte Macchiato", sagte meine Tante und ich, ein Bochumer Junge mitten aus dem Herzen des Ruhrgebiets vom Scheitel bis zur Sohle, dachte nur: Genau so hatte ich mir das hier in Hamburg auch immer vorgestellt - ein bisschen wie von einem anderen Stern!

Ach, HSV, wie gerne würden wir auch in der 56. Bundesliga-Saison weitere (erstklassige) Erinnerungen - im Großen wie im Kleinen - zusammen mit dir sammeln. Aber gut, es war klar: Irgendwann musste es auch dich treffen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, dann wird es eben in dieser Spielzeit passieren. Aber einem Anliegen, das ich die Tage auf Twitter las, schließe ich mich bedingungslos an: "Was ich mir wünschen würde? Dass wir in den letzten Spielen in Liga 1 unseren Verein feiern, die besonderen Momente und Erinnerungen und es bei uns keinen schwarzen Klüngel gibt, der allen anderen ‚normalen’ Fans den Abstieg noch bitterer macht." Alles Gute, HSV, und ein herzliches Glück auf von einem stillen Bewunderer aus dem Ruhrgebiet!

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Quelle: n-tv.de