Redelings Nachspielzeit

Redelings über neue Zeiten Die Zukunft des Fußballs gehört den Fans

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Fußball für lau: Fans des TSV 1860 München unweit des Stadions an der Grünwalder Straße.

(Foto: imago/Lackovic)

In der breiten Öffentlichkeit sieht man die immer noch populärste Sportart der Deutschen mittlerweile eher negativ. Die Schattenseiten überdecken die schönen Aspekte des Spiels - und genau darin liegt die Chance für den Fußball und seine Fans.

Als ich hier vor knapp drei Wochen den Artikel des Kollegen Christian Bartlau - "Es reicht endgültig, moderner Fußball" - las, verstand ich jedes einzelne seiner Worte. Doch die Lösung von Christian, zu sagen "Ich bin raus", gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht. Und das hat einen einzigen, aber entscheidenden Grund: Ich lass mir meinen Fußball von nichts und niemandem nehmen! Denn ich weiß: Am Ende sitzen wir Fans, die Menschen, die den Fußball lieben und leben am längeren Hebel. Und das werden alle, die sich über so lange Zeit an uns bereichert und sich selbst die Taschen vollgemacht haben, noch merken. Vielleicht nicht sofort. Aber der Tag wird kommen. Ganz bestimmt. Und er rückt immer näher.

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"Irgendwann macht es Bumm": Ex-Profi Yves Eigenrauch.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Als wir vor über zwölf Jahren den Film "Wem gehört das Spiel?" drehten, rechneten wir damit, dass die Blase Profifußball vor dem Platzen steht. Yves Eigenrauch, Ex-Schalker Spieler, prognostizierte: "Irgendwann macht es Bumm - und alles fällt um." Doch es machte nicht Bumm. Die Geldmaschine Profifußball lief sogar immer schneller und die Melkkuh warf unaufhörlich größere Profite ab. Immer, wenn man dachte, dass es keine Steigerung mehr geben könne, knallten neue Phantasiebeträge durch die Decke.

Doch das wäre alles noch nicht einmal so schlimm gewesen, wenn nicht in den vergangenen 30 Jahren parallel etwas Frappierendes passiert wäre. Aus dem einfachen Spiel auf dem grünen Rasen, das viele Menschen so sehr lieben und leben, wurde etwas gemacht, das Leute anzog, die den Fußball als Projektionsfläche für ihre Geschäfte sehen. Und das Schlimme daran: Diese Leute glauben tatsächlich, sie würden uns, den Fans, etwas Gutes tun.

"Man braucht die Tribünen beim Fußball"

Wie das konkret aussieht, kann man anschaulich in der WDR-Dokumentation "Ungleichland" beobachten. Dort steht der Bau-Unternehmer und Millionär Christoph Gröner auf der Tribüne im Leipziger Fußballstadion des RasenBallsport Leipzig e.V. und sagt jovial grinsend in Richtung der Fankurve: "Wir in der Loge sorgen durch unsere hohen Beiträge dafür, dass deren Karten günstiger bleiben." Leider, und das ist eine Perversität des modernen Fußballs, muss man wohl sagen: Das ist eine Feststellung, die sicherlich im Kern - und das ist traurig genug - richtig ist. Aber es ist auch eine Äußerung, die etwas sehr Entscheidendes verschweigt: Ohne diese Menschen in den Kurven würde dieses Spiel an diesem Tag in Leipzig überhaupt nicht stattfinden. Oder wie es der Journalist Freddie Röckenhaus einmal allgemeiner formulierte: "Das, was die Fans für den Fußball bedeuten, ist, dass sie aus einem beliebigen Spiel im Park überhaupt erst das Ereignis Fußball machen."

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Gelbe Wand: Die Südtribüne im Westfalenstadion.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling führt diesen Gedanken noch etwas weiter aus: "Man braucht die Tribünen beim Fußball. Auch die Sponsoren und die VIPS brauchen die Tribünen. Denn wenn die VIPs im Stadion nur noch unter sich sind, dann ist das eine ziemlich dröge, langweilige und leise Angelegenheit." Und wieder Röckenhaus: "Ich konsumiere als Zuschauer im Stadion zu einem Teil das Spiel, aber zu einem weit größeren Teil die Atmosphäre. Und die Atmosphäre wird in ganz großem Maße gemacht von den Fans. Wenn ich mir das Westfalenstadion ohne Südtribüne vorstelle, ohne die knapp 28.000 Menschen, die da stehen, dann wäre es doch einmal ein interessantes Experiment, wie viel Interesse die anderen Verbliebenen dann noch an dem Fußballspiel hätten?!" Die Antwort gibt Röckenhaus selbst: "Vermutlich ein deutlich geringeres!" Und damit hat er natürlich Recht.

Doch was kann man Bartlau und den vielen frustrierten Fußballfans Positives entgegnen, wenn man als Anhänger dieses Sports den totalen Abschied vom Profifußball nicht als die beste Option erachtet - alleine schon deshalb vielleicht, weil man seinem eigenen Verein nicht so einfach Lebewohl sagen kann und will? Es ist eigentlich ganz simpel. Jeder von uns kann so konsumieren, dass er bewusst wie unbewusst dabei mithilft, den Geldhahn des Profifußballs langsam, aber beständig immer weiter zuzudrehen. Interessanterweise kann man genau diese Entwicklung bereits seit einigen Monaten, vielleicht sogar seit ein, zwei Jahren bei uns beobachten. Die Menschen wählen immer selektiver aus, was sie zum Beispiel im TV sehen und wofür sie bezahlen wollen. Auch im Stadion bleiben bei immer mehr Spielen Plätze frei. So zerbröckelt die Fassade des Top-Events Fußball sichtbar für alle nach und nach immer mehr.

Eine ziemlich gute Perspektive

Noch bei der WM 2006 hätte so mancher von uns für ein Ticket beim Spiel zwischen Togo und Südkorea seine eigene Großmutter verkauft, einzig und allein deshalb, weil man ein Held war, wenn man noch eine Karte für eine Partie der Weltmeisterschaft ergattern konnte. Egal welche. Doch der Coolness-Faktor des Fußballs schwindet immer mehr. In der breiten Öffentlichkeit sieht man die immer noch populärste Sportart der Deutschen mittlerweile eher negativ. Die Schattenseiten überdecken die schönen Aspekte des Spiels - und genau darin liegt die Chance für den Fußball und seine Fans.

Wo die Attraktivität für die Massen schwindet, wird auch nach und nach das Geld knapper werden. Ob es dann in diesem Prozess zum großen "Bumm" kommen wird, kann man im Moment noch nicht absehen. Aber eins ist jetzt schon sicher: Es wird der Tag kommen, da die Fans im weiten Rund wieder weitgehend unter sich sind. Denn eins ist auch klar, wie Schulze-Marmeling es richtig sagte: Den anderen Fall wird es nie geben. VIPs alleine im Stadion wären nicht nur eine dröge, langweilige und leise Angelegenheit - sondern es ist einfach undenkbar. Und das ist doch eigentlich eine ziemlich gute Perspektive.

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Quelle: n-tv.de

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