Redelings Nachspielzeit

Redelings über den Pokalschreck Dieses Mal ist der FC Bayern fällig!

imago02754021h.jpg

Selbst beim Champions-League-Auftritt der Bayern in Mailand 2007 war der VfL Bochum mit dabei.

Wenn die Bayern kommen, ist überall Halligalli. So wie jetzt beim VfL Bochum, dem nächsten Gegner im DFB-Pokal. Die Fans des Gastgebers freuen sich über den hochkarätigen Gegner und buhlen um die wenigen Plätze im Stadion. Doch nicht alle Anhänger sind froh über den Trubel.

Eines vorab: Dieses Mal sind sie fällig! Ende Oktober ist es mal wieder soweit: Der FC Bayern München gibt sich in der fußballerischen Provinz die Ehre - und eine ganze Stadt rastet aus. In der zweiten DFB-Pokalrunde beehrt der Rekordmeister den VfL Bochum. Vor einigen Jahren waren diese Duelle noch jährliche Highlights im Fanleben der Blau-Weißen - nun kommen sie nur noch alle Jubeljahre vor und werden dementsprechend zelebriert. Mittlerweile reiht sich der VfL nahtlos ein in die Heerschar von unterklassigen Klubs, die einen Besuch des FC Bayern abfeiern wie eine Stippvisite der englischen Königin im Heino Café in Bad Münstereifel.

Und selbstverständlich wollen bei diesem speziellen Event alle Mann (und Frau) mit dabei sein. Das führt dazu, dass man als Dauerkarten-Besitzer oder Vereinsmitglied auf einen Streich viele neue Freunde in aller Welt hat und Mails längst verschollen geglaubter Kollegen aus Kindheitstagen im eigenen Postfach auftauchen. Wer sich da plötzlich nach Jahren kompletter Funkstille wieder meldet, ist schon hochinteressant. Wäre man ein personifiziertes Tinder-Date, man hätte in den nächsten zehn Jahren an jedem Abend ein Match - so begehrt sind die Tickets, die jedem Stammkunden des Vereins bei solchen Partien vorab und exklusiv zustehen.

"Anrufen bringt nix"

imago06760573h.jpg

Bochumer Fans zeigen sich vor dem DFB-Pokal-Halbfinale 1968 gegen die Bayern optimistisch.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch diese plötzliche und temporäre Liebe zum Stadionbesuch gefällt traditionell nicht jedermann. Vielen Allzeit-dabei-Fans stinkt es gewaltig, dass sich gewisse Anhänger nur zu solchen Delikatess-Spielen auf den Weg zu ihrem Klub machen. Das Motto der Proteste lautet: Wer gegen Sandhausen und Wehen Wiesbaden zu Hause bleibt, der soll gefälligst auch gegen die Bayern die Couchpotato machen. Diese Art von Gefühlsregung kann man nachvollziehen - wenn man denn glaubt, dass Besuche der Partien gegen Erzgebirge Aue oder Jahn Regensburg wirklich gut fürs eigene Karma sind.

wige Vereinstreue ist was ganz Feines, aber man kann nun wirklich nicht von jedem verlangen, sich Woche für Woche ebenfalls die Peitschenhiebe jeder dahergelaufenen Provinz-Domina abzuholen. Wenn jemand meint, er möchte es sich nur von Damen mit Champions-League-Rang besorgen zu lassen - bitte. Jedem das Seine. Wir leben schließlich in einem freien Land. Und außerdem sei noch bedacht: Es wäre doch schade um die vielen freien Plätze, wenn das Stadion auch gegen die Bayern wie stets gegen Sandhausen oder Wehen Wiesbaden nur halb gefüllt wäre.

Was allerdings sauer aufstößt, ist der Schwarzmarkt. Den gab es schon immer, aber man wird das Gefühl einfach nicht los, dass seit Anbeginn des Internets die Masche der Kleinstkriminellen noch abgezockter geworden ist. So dauerte es auch diesmal nur wenige Minuten, ehe die ersten Angebote auf der schon oft gescholtenen Web-Plattform "viagogo" auftauchten. Dabei stand zu diesem Zeitpunkt weder ein Termin fest, noch hatte es überhaupt Andeutungen gegeben, wann der Vorverkauf denn offiziell starten würde. Ganz im Gegenteil. Die Online-Abteilung des VfL Bochum witzelte sogar: "Ach ja, unsere Kollegen aus dem Ticketing machen jetzt erstmal zwei Wochen Urlaub. Anrufen bringt also nix." Außer wenn man vielleicht Leon Goretzka heißt. Der fragte grinsend im VfL-Trikot via Twitter, wie man denn an Karten für diese Begegnung kommen würde. Äußerst sympathisch, dieser Tweet des gebürtigen Bochumers.

Haut sie weg!

*Datenschutz

Doch bei aller Freude, die in der Stadt herrscht, gibt es auch Zeitgenossen, die das Bayern-Los mit gemischten Gefühlen sehen. Ihr Argument: Sie wären lieber erst noch zwei, drei Runden weitergekommen, bevor es gegen den Rekordmeister geht. Das sind durchaus ehrbare Ziele, doch leider sind kleinere Vereine im Allgemeinen und der VfL Bochum im Speziellen nicht dafür bekannt, dass sie im DFB-Pokal des Öfteren das Halbfinale erreichen. Ein frühes Ausscheiden gegen egal welchen Gegner auch immer ist also ohnehin eher die Regel denn die Ausnahme. Ein Finaleinzug mit dem VfL liegt mittlerweile sogar bereits über 31 Jahre zurück.

Und noch etwas irritiert an dieser Sichtweise: Auch wenn die Wahrscheinlichkeit im untersten Promillebereich liegen mag, dass man gegen den großen FC Bayern München eine Runde weiterkommt, so sollte man als treuer Anhänger seines Vereins doch stets an diese minimalste aller Möglichkeiten glauben. Und wenn man sich im tiefen Tal des Zweifels befindet, dann richte man eben den Blick weit zurück in das sagenumwobene Jahr 1968. Damals gelang dem kleinen Underdog und Regionalligisten VfL Bochum gegen den Bundesligisten FC Bayern im Halbfinale die Sensation. Der "Pokalschreck" schickte die Münchener nach großem Kampf im proppevollen Stadion an der Castroper Straße mit 2:1 nach Hause und zog ins Finale ein.

So soll es Ende Oktober gerne wieder sein! Denn neben den vielen Kartenwünschen, die einen als VfL-Fan seit Sonntagabend erreichten, waren auch eine Menge Menschen dabei, die nicht nur zum Los an sich gratulierten, sondern auch gleich noch eine eindeutige Botschaft hinterherschickten: Haut sie weg! Da hätten wohl alle VfL-Fans nichts dagegen. Und so soll dieser Text mit den Worten vom Anfang enden: Dieses Mal sind sie fällig!

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs" bei Amazon bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema