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"Herr Lattek, wollen Sie uns mit den dauernden Siegen das Geschäft kaputt machen?"
"Herr Lattek, wollen Sie uns mit den dauernden Siegen das Geschäft kaputt machen?"(Foto: dpa)
Dienstag, 30. August 2016

Redelings über das Ende einer Idee: FC Bayern ruiniert sich das eigene Geschäft

Von Ben Redelings

6:0 gegen Werder. Traumstart oder Desaster? Auf jeden Fall Frust und Langeweile unter den Fans. Wenn Dauer-Siegen zum Problem wird. Werden die Bayern am eigenen Erfolg irgendwann ersticken? Ein Blick zurück in selige Zeiten.

Bonjour Ödnis. Wem selbst als Bayern-Fan beim Start am Freitag noch einer abging, der hat die Idee Bundesliga nicht verstanden oder freut sich auch dann noch, wenn Dirk Nowitzki bei einer Runde Basketball gegen einen Liliputaner siegt. Um zu verstehen, wie das Modell Bundesliga einmal gedacht war, lohnt ein Blick zurück. Um genau 50 Jahre. In die Saison 1966/67.

Nach dem Titelgewinn des SV Werder Bremen (!) ein Jahr (1965) zuvor war die Meisterschaft von Eintracht Braunschweig am Ende der Spielzeit die zweite richtig große Überraschung in der nunmehr vier Jahre jungen Geschichte der Fußball-Bundesliga. Den neuen Deutschen Meister hatte vor der Saison niemand auf dem Zettel. Fritz Walter, der Kaiserslauterer Weltmeister von 1954, prophezeite gar einen Abstieg des niedersächsischen Klubs und musste anschließend ebenso Abbitte leisten wie der eigene Trainer der Eintracht.

Maximal einen sechsten Tabellenplatz hatte Helmut Johannsen vorhergesehen. Dabei waren die Voraussetzungen, aus der Rückschau betrachtet, gar nicht einmal so schlecht. Seit 1963 hatte Helmut Johannsen seine Mannschaft kontinuierlich nach seinen Vorstellungen aufgebaut. Im Meisterschaftsjahr ist er der einzige Trainer in der Fußball-Bundesliga, der seit Beginn der neuen Eliteliga noch bei seinem Verein angestellt ist. Das zahlt sich nun aus. Fast das komplette Team spielt durch. Zehn Akteure haben mehr als 30 Einsätze. Nach dem Gewinn des Titels sagt Johannsen deshalb auch einen Satz nicht ohne Grund, für den er in Deutschland viel belächelt wird: "Ein Wunder war das nicht. Das war harte Arbeit!"

Der "falsche Meister"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Allgemein gilt die Meisterschaft der Eintracht unter Experten nämlich eher als unverdiente Sensation. Der ehemalige Herausgeber des "kicker", Friedebert Becker, spricht gar davon, dass der Titel "vom Falschen gewonnen" wurde. Nur wenige können wie Bayern-Trainer Tschik Cajkovski nach der 2:5-Niederlage seiner Münchner in Braunschweig die Klasse der Eintracht anerkennen: "Gegner hat gespielt wie Weltmeister!" Gunther Baumann, der dritte Trainer in dieser Spielzeit bei 1860 München, sieht ebenfalls die Vorzüge des Deutschen Meisters: "Braunschweigs Mannschaft passt harmonischer zusammen als alle anderen."

Und diese Harmonie ist hausgemacht. Man ist bescheiden bei der Eintracht, achtet auf das Kollektiv und macht auch bei der Auswahl seiner Spieler keine großen Sprünge. Bis auf einen kommen alle aus Norddeutschland – selbst die prominenteste Neuverpflichtung, der Hannoveraner Stürmer Lothar Ulsaß. Das Engagement des Starspielers zahlt sich aus. 15 Tore macht er im Meisterschaftsjahr für die Eintracht und ist auch sonst sehr wichtig für den Kader, wie Helmut Johannsen einmal erzählte: "Lothar Ulsaß war unser Strahlemann, der positiven Einfluss auf die gesamte Mannschaft ausübte und jederzeit zu einem Spaß aufgelegt war. Auch außerhalb des Spielfeldes stellte er eine Persönlichkeit dar, die von jedermann geachtet wurde."

Hart gearbeitet wird in Braunschweig, konsequent aber nur an vier Tagen in der Woche und niemals in einem Trainingslager – von denen hält der Eintracht-Coach nämlich überhaupt nichts: "Von Montag bis Freitag lernt keiner Fußball. Er wird höchstens ein guter Skatspieler."

Meister? Eine ganz logische Rechnung

Braunschweigs Joachim Bäse reckt die Schale in die Luft.
Braunschweigs Joachim Bäse reckt die Schale in die Luft.(Foto: imago)

In einem Punkt muss man den Kritikern jedoch recht geben: Braunschweig spielt eine unaufgeregte, wenig spektakuläre, dafür aber sehr beständige Saison. Bis zum 28. Spieltag kassiert man zu Hause nur drei Gegentore. Insgesamt müssen die Torhüter Horst Wolter und Hans Jäcker nur 27 Mal hinter sich greifen. Zum Vergleich: Die nächstbeste Hintermannschaft kommt aus Dortmund und lässt 41 Tore gegen sich zu. Allerdings trifft die Eintracht auch nur ganze 49 Mal. Helmut Johannsen umschreibt die Kritik an seiner taktischen Ausrichtung so: "Der Gewinn der Meisterschaft ist auch abhängig von der Summe der schwachen Spiele. Und in dieser Beziehung hält unsere Bilanz doch wirklich jeden Vergleich aus."

Doch genau in dieser Saison beginnt der FC Bayern seinen unaufhaltsamen Aufstieg zu der uneingeschränkten Nummer eins im deutschen Fußball. Das ganze Land feiert einen neuen "Bomber der Nation": Gerd Müller. Bis zum 28. Spieltag sieht es so aus, als ob der Bayern-Stürmer die alleinige Nummer eins der Torjägerliste wird, doch dann trifft er 467 Minuten nicht mehr in den gegnerischen Kasten. Lothar Emmerich schießt am letzten Spieltag ausgerechnet gegen die Bayern die zwei Tore, die ihm noch auf Müller fehlen. Und so teilen sich die beiden Stürmer die Torjäger-Kanone. Zum "Fußballer des Jahres" wird aber nur das Jungtalent Gerd Müller gekürt!

In der nächsten Spielzeit holte mit dem 1. FC Nürnberg noch einmal eine Mannschaft überraschend den Titel. Doch schon im Jahr darauf gewann der FC Bayern München seine erste Meisterschaft in der noch relativ neuen Fußball-Bundesliga. 24 weitere Titel sollten folgen.

Die Langeweile haben sie sich verdient, die Bayern, keine Frage. Nun muss man langsam, aber sicher einmal schauen, ob ein Spruch aus der Saison 1972/73 doch noch Wirklichkeit wird und die Bayern indirekt ausbremst. Damals fragte Münchens Präsident Wilhelm Neudecker, der ob des anhaltenden Erfolgs einen Spannungsverlust in der Liga befürchtete, seinen Trainer: "Herr Lattek, wollen Sie uns mit den dauernden Siegen das Geschäft kaputt machen?"

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Quelle: n-tv.de