Redelings Nachspielzeit

Schalke rätselt: Nübel rein? Man müsste es machen wie einst Oliver Kahn

imago13551586h.jpg

Heiko Herrlich bekam die Aggressivität von Oliver Kahn zu spüren.

(Foto: imago images/Team 2)

Man möchte derzeit nicht in der Haut des Schalker Trainers David Wagner stecken. Seine Entscheidung in der Torwartfrage zwischen Alexander Nübel und Markus Schubert könnte über Jahre nachwirken. Wagner wird sich wohl etwas Ruhe und Abstand gönnen müssen.

Man wünscht in diesen Tagen David Wagner, dem Trainer des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, nichts sehnlicher als ein wenig Abstand zu den Dingen. Denn man kennt das ja selbst: Manchmal möchte man einfach an einem anderen Ort sein und alles hinter sich lassen. Alle Probleme, Sorgen und Fragen des Alltags. David Wagner wird all das nicht können. Er wird sich stellen müssen. Aber vielleicht findet er dennoch im Trubel des Augenblicks diesen einen Moment der Ruhe und Stille, um ein wenig Abstand zwischen sich und die drängende Torwartfrage zu bringen. Schubert oder Nübel? Man möchte in diesen Tagen nicht in der Haut des Schalker Trainers stecken. Seine Entscheidung könnte schließlich lange Zeit nachwirken.

imago42919186h.jpg

Nübel oder Schubert? Diese Frage wird Trainer Wagner beschäftigen.

(Foto: imago images/RHR-Foto)

In München haben sie zwischen 1994 und 2008 vierzehn Jahre den Luxus genossen, sich um die Position Eins im Kader keine Gedanken machen zu müssen. Seit dem Tag, als Oliver Kahn im Sommer 1994 vom Karlsruher SC zu den Bayern kam, stand fest: Er hütet den Kasten der Münchener - komme da, was immer auch wolle. Und dieser positiv Verrückte, den sie den "Titan" nannten, hat diesen Posten mit allen legalen und manchmal auch mit herrlich-skurrilen illegalen Mitteln und Tricks verteidigt. Wenn Sie dem ehemaligen BVB-Profi Heiko Herrlich Ihr Ohr schenken, wird er sicherlich eindrucksvoll davon berichten, wie es damals war, wenn man Oliver Kahn zu nahe kam.

"Der Einzige, den ich gesiezt habe, war Olli Kahn"

Der Bayern-Keeper war gefürchtet. Bei den Gegnern - und den eigenen Mitspielern. Mehmet Scholl hat einmal auf die Frage, wovor er Angst habe, geantwortet: "Vor Krieg - und Oliver Kahn!" Und auch Bastian Schweinsteiger hat eine Geschichte aus diesen Tagen zu erzählen: "Jeder Spieler hat bei uns ein Handtuch in der Kabine. Nur komischerweise war bei mir nie eines da. Ich dachte immer, wo ist nur mein Handtuch? Dann sehe ich neben mir den Olli, wie er sich seine Haare schön macht, wie er seine Handschuhe poliert und alles Mögliche - mit zwei Handtüchern!" Natürlich hat Schweinsteiger nie ein Wort gegenüber Oliver Kahn darüber verloren - er hat sich sein Handtuch lieber woanders besorgt. Der Respekt war viel zu groß.

Letztens plauderte der Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Gräfe aus dem Nähkästchen und erzählte: "Der Einzige, den ich gesiezt habe, war Olli Kahn. Ich war Mitte 20 und hatte Angst." Der Mann, der um sich herum einen Schutzwall des Grauens gezogen hat, schien in seiner Karriere unverletzlich. Dass er das innerlich gar nicht war, hat er später einmal zugegeben. Auf dem Platz war davon allerdings nie etwas zu erahnen, geschweige denn zu sehen. Doch auch der stolze Titan hatte seine Momente im Kasten des FC Bayern, in denen ihm alles zu viel wurde. Wie das dann auf dem grünen Rasen aussah, wusste der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer neulich an einem launigen Abend in geselliger Runde zu berichten.

Das aktuelle Buch ...

... unseres Kolumnisten Ben Redelings - "Das neue Buch der Fußballsprüche" - können Sie jetzt direkt bei seinem Verlag bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Eines Tages habe er, Kinhöfer, im Mittelkreis gestanden, als Kahn plötzlich zum wilden Mann wurde, wie Hulk aus seinem Tor stürmte und erst direkt vor ihm zum Stehen kam. Kinhöfer wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er hatte zuvor nichts bemerkt, dass diese Wut von Kahn hätte rechtfertigen können. Und so fragte er auch etwas unsicher: "Olli, was ist los?" Der Torwart der Bayern habe den Rücken noch etwas mehr durchgestreckt, einmal tief eingeatmet und dann gesagt: "Nichts. Ich musste nur mal raus!"

Abstand zwischen sich und die Sorgen bringen

Was für ein Satz! Kinhöfer konnte das Lachen nur mühsam unterdrücken. Dann wandte er sich an Kahn: "Du weißt schon, dass ich dir jetzt 'nen Ticket geben muss?" Kahn riss den Mund noch einmal weit auf - nickte dann aber schließlich. Kinhöfer zeigte die gelbe Karte und sagte: "Na, und jetzt ab zurück ins Tor." Und das tat Oliver Kahn. Er trottete wieder guten Mutes zurück in seinen Kasten. Er hatte sein Ziel erreicht. Ein Signal gesetzt - und einfach einmal für einen Moment durchgeschnauft.

Manchmal ist es eben nicht schlecht, wenn man ein wenig Abstand zwischen sich und die Sorgen des Augenblicks bringen kann. Auch David Wagner wird sich diesen einen Moment bis Freitag (20.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) zum Spiel bei der Hertha in Berlin nehmen. Und dann kann man dem FC Schalke 04 nur wünschen, dass sie ähnlich viele Jahre Ruhe auf der Position Eins haben werden, wie einst die Bayern zu Zeiten eines Torhüters Oliver Kahn.

Apropos Bundesliga: Mit dem Torwart-Problem der Schalker befassen sich auch unsere Spieltags-Lehren. Außerdem: Der alte FC Bayern ist zurück. Mit überzeugenden Siegen und viele Toren. Mehr lesen Sie hier!

Quelle: ntv.de