Redelings Nachspielzeit

Redelings über einen harten Hund Meniskus mit der Eckfahne wieder reinhauen

Gyula Lorant war der härteste Trainer der Bundesliga. Seine Sprüche sind legendär. Charly Körbel sollte Zahnpasta auf seinen Bänderriss schmieren. Dr. Müller-Wohlfahrt trieb er in den Wahnsinn. Und Deutsche mochte der Ungar nicht!

Mit Fug und Recht kann man wohl sagen: Gyula Lorant war der härteste Trainer, den die Bundesliga je gesehen hat. Als Verletzungen gingen bei ihm einzig und allein glatte Brüche durch. Und dann auch nur die, die man sofort als solche erkennen konnte. Der Verteidiger Amand Theis hatte sich einmal bei einem Pressschlag ein dickes Knie zugezogen. Humpelnd kam er zum Training, zeigte Lorant sein geschwollenes Körperteil und meinte, er könne leider nicht mittrainieren. Lorant ignorierte die Worte seines Spielers: "Amand, zieh dich um!" Verdutzt ging der Verteidiger los und kam wenige Minuten später auf den Sportplatz zurück. Dort erwartete ihn der Trainer bereits: "Amand, zieh die Hose runter!" Erstaunt und überrascht befolgte er Lorants Anweisungen. Der Trainer zeigte auf das Knie: "Amand, was hast du da?" Ehe Theis antworten konnte, schlug der Coach mit voller Wucht gegen das dick angeschwollene Knie. Theis schrie vor Schmerzen. Am folgenden Samstag spielte er.

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Bei einem anderen Profi spuckte Lorant während einer laufenden Bundesliga-Partie auf das verletzte Knie, rieb die Spucke mit den eigenen Händen ein, hob den Spieler hoch und schob ihn zurück aufs Feld: "Jetzt ist wieder alles in Ordnung. Spiel – sonst bist du tatsächlich Invalide!"

"Boxer kämpfen auch mit Platzwunde"

Diese und andere Geschichten kursierten in der Bundesliga zuhauf. Jeder Spieler hoffte, dass der Kelch Lorant in seiner Karriere an ihm vorüberging. Doch irgendjemanden musste es ja treffen. Und so spielte der Eintracht-Profi Charly Körbel acht Wochen mit einem Bänderriss im rechten Knöchel, weil er sich nicht traute, seinem Trainer Gyula Lorant etwas zu sagen. Als der Mannschaftsarzt schließlich die Initiative ergriff, antwortete der Ungar nur: "Boxer kämpfen auch mit Platzwunde, soll Charly Zahnpasta auf Fuß schmieren."

Als sich der spätere Rekordspieler der Bundesliga irgendwann doch seinem Trainer anvertraute, war das Ergebnis höchst zweifelhaft: "Einmal war mein Knöchel so dick, die Schmerzen so groß, dass ich wirklich nicht spielen konnte. Lorant nahm mich zur Seite: Charly, kannst du essen mit Zahnschmerzen? Als ich nickte, stand für ihn fest: Also kannst du auch spielen mit Schmerzen im Knöchel. Ich habe tatsächlich gespielt."

Müller-Wohlfarth verzweifelt an Lorant

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Während Lorants Münchner Zeit herrschte Stunk abseits des Platzes. Vereinsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt plauderte damals aus dem Nähkästchen: "In der Bundesliga gibt es Vereine, bei denen der Trainer und nicht der Arzt entscheidet, wann ein verletzter Spieler den Gips abgenommen bekommt." Der Bayern-Doktor kehrte in diesem Moment vor der eigenen Haustüre – ohne den Namen Lorant direkt auszusprechen. Jahre später wurde Dr. Müller-Wohlfarth konkret: "Wegen Gyula Lorant hätte ich beinahe aufgehört. Er hat mir mal erklärt, dass man einen herausgesprungenen Meniskus am besten mit der Eckfahne wieder reinhaut."

Es war eine wilde und harte Zeit damals beim FC Bayern. Dies musste auch das junge Talent Karl-Heinz Rummenigge am eigenen Leib erfahren. Bei einem Trainingszwischenfall zog sich "Rotbäckchen" ein paar Monate vor der WM 1978 einen Daumenbruch zu. Ein Reporter erinnert sich: "Als Kalle am Freitag beim FC Bayern vorbeischaute, lachte ihn Trainer Lorant aus. Er hatte ja vorher sogar beim schwerer verletzten Branko Oblak (Zehenbruch) angeordnet, dass der Gips sofort entfernt wird. Er selbst hatte sich zeitlebens nie operieren lassen. Obwohl in beiden Beinen der Meniskus total kaputt war. Also, sagte er verächtlich, was willst du mit dem gebrochenen Daumen viel Theater machen. Du spielst morgen gegen Saarbrücken. Rummenigge war so verwundert, dass es ihm die Sprache verschlug. Er packte seine Tasche und stieg ein in den Bus, der ins Trainingslager fuhr, und Kalle spielte tatsächlich gegen Saarbrücken."

"Pal, lass uns rausgehen, die Deutschen quälen!"

Gyula Lorant war trotz seiner irritierenden Methoden und Aussetzer in Deutschland ein anerkannter und geschätzter Fachmann. Doch eine Sache konnte er dem Land, in dem er als Fußballlehrer Erfolge feierte, nie verzeihen: Die WM-Pleite 1954, als Lorant Stopper der ungarischen Nationalmannschaft war, hatte er einfach nie verwunden. Und so trabte er eines Tages als Bayern-Trainer mit Pal Csernai auf den Platz und flüsterte seinem Landsmann zu: "Pal, lass uns rausgehen, die Deutschen quälen!"

Was er von seinen deutschen Profis hielt, veranschaulicht gut eine Anekdote, die sein Spieler Erwin Kostedde zum Besten gab: "Gyula Lorant kam eines Tages zu mir und sagte: Erwin, du bist doch kein Deutscher? Na, klar, hab ich gesagt, ich bin Deutscher. Lorant: Aber dein Vater war doch keiner. Soll ich dir zeigen, was ein richtiger Deutscher ist? Lorant sagte zu Herbert Meier, der damals auch in Offenbach spielte: Meier, laufen Sie. Und Meier lief. Siehst du, feixte Lorant, ein Deutscher macht genau das, was man ihm sagt."

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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