Redelings Nachspielzeit

Zwei Legenden des Fußballs Neuer steigt phänomenal in Keeper-Olymp auf

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Neuer posierte 2012 vor einer Aufstellung einiger seiner Vorgänger.

(Foto: imago/HJS)

Heute Abend wird Manuel Neuer im Länderspiel gegen die Ukraine nicht nur seine 95. Partie im Dress der Nationalmannschaft bestreiten, sondern auch den 41 Jahre alten Rekord von Sepp Maier einstellen. Doch es gibt noch jemanden, der diesen verdient gehabt hätte.

Das Sommermärchen war gerade einmal ein paar Wochen Geschichte, als Manuel Neuer im August 2006 nach seiner Bundesliga-Premiere für den FC Schalke 04 auf dem Aachener Tivoli augenzwinkernd meinte: "Alle waren zufrieden mit mir. Ich darf wiederkommen."

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Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land hatte zuvor nicht der langjährige Stammkeeper der Nationalmannschaft, Oliver Kahn, im Kasten des DFB-Teams gestanden, sondern sein Rivale Jens Lehmann. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte damals dem Keeper des FC Arsenal den Vorzug vor Kahn gegeben und damit dem Torhüter des FC Bayern München die Chance genommen, seine Karriere erstens mit dem WM-Titel zu krönen und zweitens den Ur-Alt-Rekord von Sepp Maier zu knacken.

Maier selbst war da schon seit knapp zwei Jahren kein Bundes-Torwart-Trainer mehr. Ihn hatte Klinsmann bereits im Oktober 2004 durch Andreas Köpke ersetzt. Und so musste Sepp Maier damals mit ansehen, wie sein Schützling Oliver Kahn Stück für Stück von Klinsmann demontiert wurde. Eines der weniger rühmlichen Kapitel in der Zeit des Coachs des WM-Dritten von 2006.

Rekord-Verbindungen

Man sieht: Alles hängt mit allem irgendwie zusammen. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ausgerechnet Manuel Neuer nach seinem Debüt am 2. Juni 2009 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und der Verletzung von René Adler kurz vor der WM 2010 in Südafrika, der erste DFB-Torhüter nach Kahn sein sollte, der über viele Jahre den Kasten der Nationalmannschaft hütet. Und nun knackt eben dieser Manuel Neuer - und nicht Oliver Kahn - heute Abend im Länderspiel gegen die Ukraine den Ur-Alt-Rekord des Weltmeisters von 1974 und langjährigen Torwarttrainers der DFB-Auswahl, Sepp Maier. Der hatte zwischen 1966 und 1979 insgesamt 95. Mal im Tor der deutschen Nationalmannschaft gestanden und bis heute über unglaubliche 41 Jahre diese Bestmarke halten können.

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Was die beiden Legenden Sepp Maier und Manuel Neuer verbindet? Erstens natürlich ihre vielen Spiele für den FC Bayern München. Sepp Maier stand fabelhafte 442 Bundesliga-Partien ununterbrochen im Kasten des Rekordmeisters. Das sind 13 komplette Spielzeiten am Stück für ein und denselben Verein. Ein Rekord, den selbst Manuel Neuer nicht mehr wird einstellen können.

Zudem hat der gebürtige Gelsenkirchener seine Bundesliga-Karriere nicht nur beim FC Bayern München gespielt, sondern zuerst bei seinem Herzensverein, dem FC Schalke 04, das Tor gehütet. Und genau das sorgte bei seinem Wechsel nach München später für große Probleme. Denn Neuer hatte sich am 29. Spieltag der Saison 2008/09 eine Aktion erlaubt, die ihm die Bayern-Fans anfangs nicht verzeihen wollten ("Du kannst auch noch so viele Bälle parieren, wir werden dich nie in unserem Trikot akzeptieren").

"Die Steigerung von Titan"

Damals hatten die Schalker mit 1:0 in der Münchner Arena gewonnen und den FC Bayern im Titelkampf ein gutes Stück zurückgeworfen. Neuer genoss diese Momente des Triumphs besonders ausgiebig, weil er in diesen Sekunden an Oliver Kahn und seinen Jubel vom 19. Mai 2001 in Hamburg dachte, als die Bayern den Königsblauen im letzten Moment die Meisterschale wegschnappten. Damals zelebrierte Kahn seinen legendären Eckfahnen-Jubel, den Neuer nun imitierte: "Ich habe mich so wahnsinnig über unseren Sieg gefreut. Und in diesem Augenblick kam mir die Szene von damals wieder hoch. Ich stand damals im Parkstadion und habe mitgelitten. Da habe ich ganz schlimme Minuten erlebt. Vielleicht war das ja jetzt eine kleine Genugtuung für viele unserer Fans."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Viele Jahre später sollte dann Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge die beiden großen Torhüter der Münchner noch einmal in einen - allerdings gänzlich anderen - Kontext setzen, als er sagte: "Manuel Neuer ist die Steigerung von Titan - ich weiß nicht, wie man diese Legierung nennt."

Auch Sepp Maier gönnte sich von Zeit zu Zeit einige verrückte Aktionen. So baute er im Winter beispielsweise mitten auf dem Platz Iglus und im Frühling pflanzte der Bayern-Keeper in seinem Kasten Osterglocken an - versehen mit einem kleinen Hinweisschild: "Bitte nicht knicken!" Das sind natürlich Geschichten aus einer ganz anderen Zeit.

Der Kreis der drei

Genauso wie sich die kompletten sportlichen Rahmenbedingungen gravierend verändert haben, hat sich auch das Torwartspiel fundamental gewandelt. Wie Neuer bei seiner Jahrhundertpartie gegen Algerien bei der WM 2014 quasi als Libero agierte und mehr außerhalb als innerhalb des Sechzehners stand - so etwas hätte Sepp Maier niemals gemacht. Solche Dinge unternahm zu seiner Zeit nur der Torhüter des TSV 1860 München, Petar "Radi" Radenković - und zwar aus Spaß an der Freude.

Freuen darf sich jetzt auch Manuel Neuer über diesen neuen Rekord, der ihn endgültig in den Torwart-Olymp aufsteigen lässt. Sepp Maier hat dem Bayern-Keeper bereits gratuliert. Doch er hat auch noch etwas anderes Wesentliches gesagt, als er meinte: "Das hätte aber auch schon Oliver Kahn verdient gehabt." Wo er recht hat, hat er recht, der gute Sepp Maier. Und damit schließt sich der Kreis der drei endgültig. Irgendwie hängt eben alles mit allem zusammen.

Quelle: ntv.de