Redelings Nachspielzeit

Wenn Fußballeltern ausrasten "Papa, nicht - du bist doch auf Bewährung!"

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Dann doch lieber zugucken.

(Foto: imago/Ulmer)

Eltern, die ihre Kinder über die Ziellinie ziehen? Ungläubig staunten wir vergangene Woche über dieses Bild aus Österreich. Doch es geht noch schlimmer. Gerade beim Fußball vergessen Eltern sich gerne. Schon immer, wie unser Kolumnist weiß.

Beim Fußball habe ich die skurrilsten Typen getroffen. Jeder kennt die Lautsprecher-Eltern, die schon bei den Minikickern den Bundestrainer an der Außenlinie für ihre Kinder geben: "Damian, hörst du nicht? Du machst heute die falsche Neun!". Im Nachhinein bin ich immer noch froh, dass meine Eltern eher selten bei meinen Spielen dabei waren. Doch es gab diesen einen Tag, da hätte ich sie gerne um mich gehabt.

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Damals lief bei uns im Klub eine Ausnahmegestalt herum. Ingo "Minipli" Horstmann. Auch der "Schreihals mit Schnäuzer" genannt. Sein zwergwüchsiger Sohn hieß Marvin. Und sein Papa wollte immer, dass Marvin "Spitze geht". "Marvin, geh Spitze", rief er in einer Ausdauer, die schon beim Hören weh tat. Ich werde diese Stakkato-Rufe nie vergessen. Minipli hatte nur ein Ziel: Sein Sohn sollte nach vorne laufen und Tore machen. Hat er aber eher selten. Zu eingeschüchtert war er von der penetranten Präsenz seines Erzeugers.

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Und dann kam dieser eine Tag und diese ganz spezielle Szene, die ich am liebsten nie erlebt hätte. Bei irgendeinem saublöden, völlig unbedeutenden Kick hatte der Schreihals mit Schnäuzer genug von der Leistung seines Sohns. Und das wollte er ihm auch direkt und unmittelbar sagen. Nach Spielschluss, mitten auf dem staubigen Aschenplatz. Marvin ahnte wohl oder wusste gar, auf welche Art sein Vater Kritik vermittelte und rannte weg. Einmal quer über den ganzen Platz, hinter die stählernen Wellenbrecher, mitten hinein in einen Dornenbusch. Dort, muss sich Marvin gedacht haben, war es immer noch besser als in der Nähe seines Erzeugers. Und so stand Vatta Minipli mit hochrotem Kopf vor dem Busch und rief immer wieder, mit betont sanfter Stimme: "Marvin, komm raus. Papa tut dir nichts!"

Noch heute schießen mir die Tränen in die Augen

Doch Marvin kam nicht raus. Offensichtlich traute er den Worten seines Vaters nicht. Mittlerweile hatte sich eine größere Menschenmenge zu den beiden dort draußen gesellt und schaute interessiert zu, was passierte. Den Schnäuzer störten die neugierigen Anwesenden nicht und so rief er geduldig und scheinbar lammfromm immer wieder aufs Neue: "Marvin, komm raus. Papa tut dir nichts!" Nach einer gefühlten Ewigkeit und nachdem es sich der komplette Platz um den Busch herum gemütlich gemacht hatte, kam Marvin ganz langsam und mit hängenden Schultern aus dem dornigen Gewächs heraus. Vermutlich hegte er die Hoffnung, dass sein Vater ("Papa tut dir nichts!") in diesem größeren öffentlichen Rahmen seine Kritik anders als gewohnt äußern würde. Doch, leider, weit gefehlt.

Als Marvin nur noch eine Armlänge vom Schnäuzer entfernt war, hob dieser seine Hand und donnerte unserem armen Kameraden eine Ohrfeige auf die Wange, wie ich sie niemals zuvor und niemals danach gesehen habe. Noch heute schießen mir die Tränen in die Augen, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Und ich werde wieder genauso wütend wie damals. Warum niemand der Erwachsenen etwas gegen Minipli unternahm, weiß ich nicht. Vielleicht hatten sie auch einfach nur Angst. Aber ich wusste seit diesem erbärmlichen Tag: Auch beim Fußball laufen nicht nur nette Kerle rum. Eine frühe Erfahrung, die mir später im Leben noch an vielen Stellen helfen sollte. Ingo Horstmann habe ich nach meiner Zeit im Verein nie wieder gesehen. Aber seine Brüder im Geiste zuhauf.

Doch so wollen wir diesen Text nicht enden lassen. Deshalb zum Abschluss noch eine Geschichte, die auch mit Vätern und Söhnen und Vorbildern zu tun hat, die aber komplett andersherum verlaufen ist. Erzählt hat sie mir vor einigen Jahren einmal ein Fan von Rot-Weiß Essen. Der junge RWE-Anhänger stand eines Tages wie immer mit ein paar Kumpels in der Kurve. Plötzlich sei ein Mittvierziger laut fluchend von hinten angestürmt gekommen und auf den Zaun gestiegen. Wie wild habe er an diesem gerüttelt und schließlich ernsthafte Anstalten gemacht, auf den Platz zu stürmen. Alle schauten voller Neugierde und gebannt auf den Mann, bis auf einmal ein etwa sechsjähriger Junge mit glockenheller Knabenstimme mitten aus der Kurve rief: "Papa, nicht! Komm da runter!"

Die Leute im Block hätten sich zu dem Kleinen umgedreht und versucht, ihn aufzuhalten und zu trösten. Doch der Junge sei einfach immer weiter die Treppen runtergelaufen und habe die ganze Zeit geschrien: "Papa, nicht. Bitte, komm da runter!" Irgendwann habe auch der wilde Mann auf dem Zaun einmal hinter sich geschaut und den weinenden Knaben erblickt. Doch nur kurz hätte er inne gehalten. Dann habe er den Kopf geschüttelt und weitergemacht. Der Junge stürzte auch noch die letzten Stufen der Treppe hinunter, lief zu seinem Vater, zog an seinem Hosenbein und rief immer lauter: "Papa, nicht. Komm da runter. Bitte!" Und als sich der Mann auf dem Zaun kurz mit dem Gesicht zu ihm hinunterbeugte, schrie der Kleine aus voller Kehle: "Papa, nicht. Du bist doch auf Bewährung!" Was für ein Satz! Und er wirkte. Anschließend sei der Mann vom Zaun herunter gekommen, habe seinen Sohn umarmt und sei mit ihm zurück in die Kurve gegangen. Eine tragisch-schöne Geschichte, die zeigt: Man kann nie früh genug damit anfangen, ein Vorbild zu sein.

Unser Kolumnist Ben Redelings ist diesen Donnerstag, 14. April, mit seinem aktuellen Programm in Stuttgart zu erleben: Alle Termine auf einen Blick gibt es auf seiner Webseite.

Quelle: ntv.de

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