Redelings Nachspielzeit

Größter Fußballer aller Zeiten Pelé wusste selbst nicht, wie das alles kam

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Pelé, der jüngste Torschütze in einem WM-Finale, wird heute 80 Jahre alt.

(Foto: imago images/Daniel Reiter)

Am heutigen Tag feiert Pelé seinen 80. Geburtstag. Immer noch gilt der Mann, der als Edson Arantes do Nascimento geboren wurde, als der größte Fußballer aller Zeiten. Viele meinen sogar, er wäre nicht von dieser Welt!

"Wir stiegen beide gemeinsam zum Kopfball hoch, doch als ich schon wieder unten war, war Pelé immer noch in der Luft!" Italiens Nationalspieler Tarcisio Burgnich dachte nach der deutlichen Finalniederlage bei der WM 1970 gegen Brasilien noch lange an diese unwirkliche Begegnung mit dem südamerikanischen Jahrhunderttalent zurück.

Es ist schwer, Menschen, die Edson Arantes do Nascimento, kurz Pelé, nie haben spielen sehen, die Faszination dieses alles überragenden Fußballers nahezubringen. Hans Blickensdörfer, selbst einer der größten und begabtesten Sportjournalisten seiner Zeit, hat bis zu seinem Tode im Jahr 1997 viele unglaubliche Ballkünstler auf dem grünen Rasen live agieren gesehen - aber einer wie Pelé, der war nur ein einziges Mal dabei, wie er in seinem Buch "Ein Ball fliegt um die Welt" gewohnt anschaulich beschrieb: "Wir lernen im Physikunterricht, dass da, wo ein Körper ist, kein anderer sein kann. Und im Fußballunterricht lernen wir, dass der Stürmer einen weiten Bogen schlagen muss, wenn sich eine vielbeinige und gar gestaffelte Mauer vor ihm aufbaut. Denn er kann sich ja nicht mit Fäusten oder Ellenbogen wie ein amerikanischer Footballer durchboxen, und er kann sich auch nicht körperlos machen."

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Edson Arantes do Nascimento, wie Pelé mit bürgerlichem Namen heißt, der könne es, schwärmte Blickensdörfer: "Zumindest erhält der Zuschauer diesen Eindruck, wenn auch Zeitlupenaufnahmen beweisen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Freilich müssen diese Katzengewandtheit und dieses unwahrscheinliche Ballgefühl jeden deprimieren, der geglaubt hat, einiges von der Kunst des Fußballspiels zu verstehen."

Bis heute ist Pelé mit 17 Jahren, 8 Monaten und sechs Tagen der jüngste Torschütze in einem WM-Finale aller Zeiten. Seit dieser Nacht des 29. Juni 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden trägt er den Beinamen "Rei Pelé" - "König Pelé". Beim 5:2-Sieg im Endspiel gegen die Gastgeber schoss der neue Star am Fußballfirmament selbst zwei Tore. Doch dieser Triumph auf ganzer Linie war alles andere als selbstverständlich.

Denn eigentlich befand sich Pelé kurz nach der Ankunft in Schweden bereits wieder auf der Heimreise nach Brasilien. Er fühlte sich nicht gut. Da er mit einer Knieverletzung angereist war, bat der junge Mann, als er spürte, dass es nicht besser werden würde, seinen Trainer Vicente Feola darum, wieder nach Hause reisen zu dürfen. Doch Feola sagte Nein, obwohl er selbst nicht mehr wirklich damit rechnete, dass dieser kleine, kindliche Bursche ihm noch einmal zu etwas zunutze sein würde.

"Meine oft, es ist nur ein Traum"

Americo, der Masseur, hatte ihm zwar gesagt, dass Pelé in Wahrheit keine Verletzung, sondern eher einen Knie-Komplex habe, doch Feola gab nicht so viel auf die Worte des Physiotherapeuten. Dabei schien die Begründung Americos durchaus sinnvoll: Hatte doch Pelés Vater seine Karriere wegen eines komplizierten Knieschadens frühzeitig beenden müssen. Und nun, als die brasilianische Nachwuchshoffnung leichte Schmerzen im Knie verspürte, spielte der Kopf des jungen Menschen verständlicherweise verrückt. Medizinisch jedoch hatte der Masseur nichts finden können. Gott sei Dank. Denn wer weiß schon mit Sicherheit, ob die äußeren Umstände den Weg dieses außergewöhnlichen Talents hinaus in die weite Fußballwelt ein zweites Mal zugelassen hätten. Pelé selbst meinte einmal: "Ich weiß selber nicht, wie alles kam und meine oft, es ist nur ein Traum".

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Wenn Pelé, der in seiner ganzen langen Karriere von 1956 bis 1977 nur für zwei Vereine - den FC Santos und New York Cosmos - gespielt hat, über das Geheimnis seiner eigenen Fußballkunst spricht, hört es sich eigentlich recht simpel an: "Wenn ein guter Fußballer zu einem ganz großen, überdurchschnittlichen Spieler werden will, dann muss er mit Freude und Enthusiasmus dabei sein und vor allem immer wissen, was er mit dem Ball macht, noch bevor er ihn zugespielt bekommt."

Zeitzeugen von damals sahen es allerdings nicht ganz so nüchtern. Für sie war der Fußballer Pelé schlicht und einfach nicht von dieser Welt. Zwölf Jahre nach seinem Triumph mit der brasilianischen Nationalmannschaft in Schweden lautete nach dem Gewinn der WM 1970 in Mexiko die Überschrift der "Sunday Times" deshalb genau so: "Wie buchstabiert man Pelé? G-O-T-T!"

Und obwohl ihm die überschwängliche Lobhudelei selbstverständlich schmeichelte, wusste das heutige Geburtstagskind die eigenen Fähigkeiten selbst am besten einzuordnen - und ging damit auch wie selbstverständlich um. Nachdem ihn Kollegen mal wieder mit der Jahrhundert-Parade des englischen Torwarts Gordon Banks während der WM 1970 in Mexiko aufgezogen hatten, meinte Pelé lächelnd: "Ich habe mehr als 1.000 Tore in meinem Leben geschossen. Aber das eine Ding, das ich nicht gemacht habe, bleibt euch in Erinnerung."

Pelé ist eben nicht nur "aus Fleisch und Knochen, so wie ich"

Viele jüngere Fußballfans lernten Pelé erst nach seiner aktiven Karriere kennen und schätzen. Seine Auseinandersetzungen mit seinem Landsmann und langjährigen Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa, Joao Havelange, sind legendär. Als Pelé die Korruption im brasilianischen Verband, dessen Vorsitz Havelanges Schwiegersohn Ricardo Teixeira innehatte, anprangerte, lud ihn der Fifa-Präsident eigenmächtig von der Auslosung zur WM 1994 aus. Seine Begründung schallt heute noch nach: "Als ich ein Junge war, gab mir mein Vater eine Ohrfeige, wenn ich mich respektlos benommen habe. Genauso habe ich es mit Pelé gemacht."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Lange Zeit hatte Pelé auch große Probleme mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs. Seine Worte dazu gingen um die Welt und werden bis heute zitiert: "Wenn Spieler heutzutage über ein Tor jubeln, schauen sie zuerst die Bandenwerbung an und entscheiden dann, vor welchem Schriftzug sie in die Knie gehen."

Nach dem WM-Finale 1970 in Mexiko sagte der Italiener Tarcisio Burgnich übrigens noch etwas. Besser kann man den großen und bis heute unerreichten Fußballer Edson Arantes do Nascimento wohl nicht in kurzen Worten beschreiben: "Vor dem Endspiel sagte ich zu mir: Pelé ist aus Fleisch und Knochen, so wie ich. Danach erkannte ich, dass ich unrecht hatte."

Am heutigen 23. Oktober 2020 feiert Pelé seinen 80. Geburtstag. Alles Gute und Glück für diesen fantastischen Fußballer und Menschen.

Quelle: ntv.de