Redelings Nachspielzeit

Terence Hill adelte Boninsegna Schauspieler stahl Gladbachs größten Sieg

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Boninsegna am Boden.

(Foto: imago/WEREK)

Zu jedem neuen Duell kocht die Geschichte wieder hoch. Mit 7:1 triumphierte Borussia Mönchengladbach vor knapp 50 Jahren über Inter Mailand. Doch dann kam die Stunde des Roberto Boninsegna. Ein nie aufgeklärtes Drama in mehreren Akten.

Regisseur Terence Hill war vom Schauspieler Roberto Boninsegna begeistert: "So eine Begabung sollte man nicht verkümmern lassen." Und der kongeniale Partner von Bud Spencer sollte es schließlich wissen. Doch der mittlerweile 76-jährige Italiener Boninsegna behauptet bis heute steif und fest, dass er in dieser einen magischen Nacht des 20. Oktober 1971 seine außerfußballerischen Fähigkeiten auf dem Bökelberg von Mönchengladbach nicht gezeigt habe.

Anders als einige Jahre später, als er für die Neuverfilmung von Guareschis "Don Camillo und Peppone" unter der Leitung von Terence Hill vor der Kamera stand und er den deutschen Kinobesuchern sein großartiges schauspielerisches Talent vorführen durfte. Im Film unterstützte der Star von Inter Mailand damals die vom Priester trainierte Dorfmannschaft "Die Engel" bei einem Spiel gegen Bürgermeister Peppones Kommunisten-Truppe "Die Teufel". Doch ob Boninsegna tatsächlich eher "Engel" als "Teufel" war - darüber streiten sich bis heute Zeit- wie Augenzeugen. Aber was war damals eigentlich geschehen?

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In der 29. Minute des Europapokalspiels zwischen Borussia Mönchengladbach und Mailand (am Mittwoch treffen die Teams in der Champions League aufeinander) soll Inters Stürmer Roberto Boninsegna beim Spielstand von 2:1 für die Fohlenelf durch eine Getränkedose getroffen worden sein. Ob am Hals oder Kopf, konnte nie geklärt werden. Es gab keine Zeugen für die Aktion und auch keine Fernsehbilder, die den Tathergang hätten nachkonstruieren können.

Und auch die Aussagen der Spieler auf dem grünen Rasen hinterher waren äußerst widersprüchlich. Gladbachs genialer Spielmacher Günter Netzer wollte gesehen haben, wie Boninsegna aufstehen wollte und vom eigenen Trainer Giovanni Invernizzi wieder auf den Rasen hinuntergedrückt worden war. Ob tatsächlich verletzt oder perfekt simulierend, das war am Ende egal: Denn aus einem Tumult auf dem Spielfeld und den Rängen heraus wurde Boninsegna per Trage aus dem Stadion gebracht.

Boninsegna lässt Gladbach nicht in Ruhe

Während die Borussia nach dem spektakulären Ausscheiden des italienischen Nationalspielers tüchtig aufdrehte und ihr vermutlich größtes Spiel aller Zeiten zeigte, saß Manfred K. bereits in den Katakomben in einem Polizeifahrzeug und wurde verhört. Mehrere Personen wollten ihn als den Werfer der roten Cola-Büchse (Inhalt: 0,35 Liter) ausgemacht haben. Und obwohl einige Monate später das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde, betrat Manfred K. danach nie wieder ein Stadion. Die Morddrohungen, die er von anderen "Fans" nach dem Spiel erhalten hatte, wirkten zeitlebens nach.

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Die Wut auf den vermeintlichen Werfer der Büchse war auch deshalb so groß, weil neun Tage nach der rauschenden Nacht am Bökelberg die Ernüchterung aufseiten der Gladbacher keine Grenzen mehr kannte. Die Uefa annullierte die Wertung der Partie und setzte ein Wiederholungsspiel fest. Nach einem 2:4 in Mailand schied die Fohlenelf schließlich nach einem 0:0 am 1. Dezember auf neutralem Boden in Berlin aus. Zu allem Überfluss trat Roberto Boninsegna in diesem Spiel zum vierten Mal in den drei Partien in Erscheinung.

Nachdem er auf dem Gladbacher Bökelberg nicht nur den sterbenden Schwan perfekt gegeben und das zwischenzeitliche 1:1 erzielt hatte und mit seinem Treffer zum vorentscheidenden 2:0 auch bei der Begegnung in Mailand erfolgreich gewesen war, sollte Boninsegna noch einmal für Schlagzeilen sorgen.

Aus dem Bein ins Vereinsmuseum

Denn in der allerletzten Partie der beiden europäischen Kontrahenten in Berlin rasselten eine Minute vor Abpfiff des trostlosen Abends ausgerechnet der Italiener und der Gladbacher Luggi Müller zusammen. Noch auf dem Rasen sagte der deutsche Nationalspieler zum Gladbacher Vereinsarzt: "Das Bein ist durch." Und er sollte recht behalten. Müller sollte nach einem komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch erst im Oktober des nächsten Jahres wieder spielen können. Noch heute kann man im Vereinsmuseum von Borussia Mönchengladbach den Nagel, den Luggi Müller damals eingesetzt bekam, bewundern.

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und noch etwas anderes ist dort mittlerweile als Exponat ausgestellt: Die Cola-Büchse, die vor knapp 50 Jahren Roberto Boninsegna angeblich bewusstlos werden ließ. Lange hatte der Schiedsrichter der damaligen Partie, J.F. Dorpmans, die Dose in seiner Obhut. Dann war sie ins Vereinsmuseum seines Heimatklubs Vitesse Arnheim gewandert.

Und als sie nun nach Gladbach zurückkehrte, sagte Ted van Leeuwen, der Technische Direktor des niederländischen Erstligisten, wie man im Buch "Fohlenwelt. Den Mythos Borussia erleben" nachlesen kann, so treffend: "Diese Büchse erzählt die Geschichte von Vergangenheit, Unrecht, Schauspielerei und vielleicht von Macht in Hinterzimmern. Das Spiel wurde aus allen Listen gestrichen - aber trotzdem, und vielleicht gerade deswegen, zur Legende." Und Boninsegna? Der wird sich die Champions-League-Partie zwischen Inter Mailand und Borussia Mönchengladbach am Mittwoch wohl im Stadion angucken. Ansonsten bleibt er bei seiner Version - er sei kein Schauspieler gewesen. Auch wenn der große Terence Hill das einmal ganz anders sah.

Quelle: ntv.de