Redelings Nachspielzeit

Der Fußball am Scheideweg? Uli Hoeneß spricht den Fans aus der Seele

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Uli Hoeneß ist derzeit wenig begeistert vom DFB und seinen Vertretern.

Der Fußball hat sich in den letzten 30 Jahren so gewandelt wie nur wenige Bereiche. Viele meinen, dabei sei das "Menschliche" auf der Strecke geblieben. Der Mann, der den Fußball in Deutschland revolutionierte, sagte einmal: "Ich bin nicht von der Inneren Mission. Ich will Kohle machen!"

Die Nationalmannschaft ist im Moment als Produkt einfach schlecht an den Mann zu bringen. Punkt! Da hilft kein Klagen, kein Lamentieren, kein hyperaktives Agieren. Doch das wird auch schnell wieder anders werden - wenn erst einmal neue Erfolge kommen. So ist das leider im sogenannten "modernen Fußball".

Natürlich stimmen aber auch die Worte von Uli Hoeneß zu großen Teilen ("Die Entwicklung der DFB-Auswahl stimmt mich bedenklicher. Da hat man das Gefühl, das Interesse ebbt ab, und da sollten sich einige fragen, ob sie das richtige Konzept haben, ob man da nicht manchmal den Fußball am Menschen vorbei inszeniert"). Der DFB hat sicherlich einige bedeutende Fehler in den letzten Jahren gemacht. Doch was bei der Nationalelf im Augenblick insbesondere wegen der schwächelnden Leistungen seit der WM 2014 in Brasilien nicht funktioniert, klappt im übrigen Fußball immer noch erstaunlich gut. Vielleicht sind aber auch die Bayern die nächsten, die Probleme bekommen werden - wenn sie das Rad, wie der DFB, einmal etwas zu weit drehen und dabei auch noch die Erfolge ausbleiben. Jedenfalls sieht Marcel Reif aktuell nach dem Abgang von Uli Hoeneß genau diese Gefahr bei den Münchenern: "Während Hoeneß den FC Bayern immer auch als familiären Klub betrachtet hat, ist Rummenigge mit den Gedanken längst schon in Singapur, Shanghai und New York."

Wo Marcel Reif falsch liegt

Doch mit einer Sache hat Marcel Reif bei seiner kritischen Bestandsaufnahme unrecht: Der Fußball steht keinesfalls an einem Scheideweg. Denn die Frage, ob er in eine "amerikanische Richtung als Unterhaltungsindustrie" (Reif) geht, wurde bereits vor fast 30 Jahren beantwortet. Damals, als der Fußball einen gesellschaftlich viel geringeren Stellenwert hatte als heute. Noch Ende der 1980er sagte Matthias Kleiner, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Daimler, er würde sehr gerne den Fußball fördern, aber das sei gar nicht so einfach: "Ich bin ja ein Fußballverrückter. Aber wir haben noch nicht dieses Fußball-Bewusstsein im Betrieb, im Vorstand. Wenn ich heute sagen würde, wir investieren in den Fußball 15 Millionen Mark, könnte ich das nicht durchhalten."

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Hans R. Beierlein eröffnete das große Millionenspiel.

(Foto: imago stock&people)

Das war damals die Realität. Doch dann kam ein Mann, über den Franz Beckenbauer zu dessen 65. Geburtstag im Jahre 1994 meinte: "Eigentlich müsste die ganze Bundesliga antreten zum Gratulieren. Du hast früh erkannt, dass Fußball ein erheblicher Teil des Unterhaltungsprogramms im Fernsehen ist – und zwar der billigste. Erst als du für den DFB die Sache in die Hand genommen und mit den Anstalten verhandelt hast, wurde der Fußball anständig honoriert. Dass inzwischen alle Vereine in ihren Etats über einen beachtlichen Betrag aus den Fernsehgeldern verfügen, ist mit dein Verdienst." Die Rede ist vom Medienmanager Hans Rudolf Beierlein.

Als Beierlein Ende der Achtzigerjahre den Fußball als Geschäftsfeld entdeckte und die Verwertungsrechte am Produkt Bundesliga erwarb, begann auch in Deutschland endgültig eine neue Zeitrechnung. Der moderne Fußball zog fleißig seine Bahnen. Leise, mahnende Zwischentöne wurden mit der Medienmacht im Rücken niedergewalzt. Fußball ist spätestens mit der WM 2006 in Deutschland zum Massen-Event geworden. Beierlein hat dies bereits damals vorhergesagt. Seine oberste Maxime lautete: "Die außergewöhnliche Faszination des Unterhaltungsprodukts 'Fußball' soll für die ganze Familie genutzt werden." Und er fragte rhetorisch in die Runde der alten Herren beim DFB: "Denn wo, bitteschön, steht denn geschrieben, dass Fußball nur Männersache ist? Warum sollen die Frauen nicht auch daran teilhaben?"

Beierlein, der offen zugab, Fußball ausschließlich als Ware zu sehen, revolutionierte das Geschäft mit dem runden Leder auch durch kühne Aussagen, die bewusst mit den Satzungen des DFB kollidierten: "Commodore München gegen Portas Bremen? Ich wüsste nicht, was daran obszön ist. Natürlich wäre das unangenehm, wenn ein Verein innerhalb von drei Jahren dreimal den Sponsor wechselt."

"Operettenliga ist unsere Zukunft!"

Und Beierlein hatte prominente Mitstreiter an seiner Seite. Bereits 1980 hatte der damalige Star des FC Bayern, Paul Breitner, seinen Traum von einem anderen Stadionerlebnis skizziert: "Fußball made in USA - das ist für uns Hollywood, Mickymaus, Glitzer und Glamour, das ist eine gut inszenierte Komödie. Darüber schmunzeln wir. Aber viele von uns haben es noch nicht kapiert, dass Fußball bei uns schon sehr bald genauso aussehen wird. Ja, unser Fußball muss so werden wie in Amerika. Die 'Operettenliga' - das ist unsere Zukunft!"

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Man sieht es ihm nicht direkt an, aber: Klaus Schlappner war 1985 ein Visionär.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und auch Trainer Klaus Schlappner, der in Mannheim eher den biederen Fußball spielen ließ, wünschte sich 1985 - nach einem Ferienaufenthalt in den USA - das launige Großevent für die ganze Familie: "Das Zuschauerverhalten hat sich gewandelt. Die Leute wollen unterhalten werden, die wollen sich nicht Plattfüße stehen auf den Tribünen, sondern sitzen, und das möglichst warm und überdacht. Die haben es satt, dass die Frittenbude gleich neben dem Pissoir steht. Das Stadion alter Prägung ist tot, wir müssen in Zukunft den Sportpark schaffen, nicht mehr nur grauen Beton allerorten. Einen Park mit Ladenstraße, mit einem Zentrum für die Familie. Die Zeiten sind doch vorbei, als Papa ins Stadion fuhr und Mama brav zu Hause blieb, um den Garten umzugraben und Radieschen zu pflücken. Der moderne Zuschauer will bedient sein, rundum. Nur darin liegt auf weite Sicht das Überleben des Profisports."

André Heller würdigte den Mann, der eine der wichtigsten Rollen bei der kommerziellen Revolution des deutschen Fußballs spielte, einmal mit den folgenden Worten: "Hans R. Beierlein ist eine Art menschgewordene Wünschelrute, die bei allen Goldadern des Showbusiness ausschlägt." Beierlein machte erst Udo Jürgens zu einem Star, produzierte dann mit Vorliebe volkstümliche Musik und erkannte 1987 schließlich weitsichtig: "Fußball ist längst ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Und Unterhaltungsindustrie hat Zukunft." Doch weil zur Zukunft auch immer ein Abschied von etwas Vergangenem gehört, stieß er einigen Offiziellen des Fußballs ordentlich vor den Kopf, als er nüchtern feststellte: "Wir müssen uns an eines gewöhnen: Ein Fußballklub kann nicht von einem Turnvater Jahn, einem Teppich- oder Autohändler im Nebenjob geführt werden. Da muss ein professionelles Management her."

Wie dies aussehen könnte, bewies vor allem Beierlein selbst. Er kaufte dem DFB die Verwertungsrechte für den deutschen Fußball ab und legte sich strategisch klug gleich mit den alten Herren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens an: "Ich habe von der ersten Sekunde an versucht, das Kabelfernsehen am Fußballkuchen zu beteiligen." Beierlein erinnert sich genau an die Reaktionen: "Am WC-Becken wollte ein ARD-Mann mich unter Druck setzen. Aus Wut habe ich die Rechte für das nächste Pokalspiel an SAT.1 vergeben. Die ARD hat versucht, aus einem Hubschrauber heraus zu übertragen, der pausenlos über dem Stadion kreiste." Doch der Medienmanager blieb im Sinne seines Lebensmottos hart: "Ich bin nicht von der Inneren Mission. Ich will Kohle machen. Und wer am meisten zahlt, der ist mein Freund."

Erfolg ist anziehend

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Immerhin trat der DFB jüngst mit voller Kapelle in Gladbach an.

(Foto: imago images/Team 2)

Mit dieser Strategie feierte Beierlein letztendlich den monetären Erfolg. Keine Selbstverständlichkeit, wie er selbst bemerkte. Auf die Frage, ob das Musik- oder das Fußballgeschäft schwieriger wäre, sagte er einmal: "Man kann mit beidem Kasse machen - wenn man drin ist. Aber es ist natürlich leichter, einen Schlager zu kreieren, als Fußballrechte zu kaufen. Schlager haben schon ein paar Tausend Leute gemacht."

Mit neuen Siegen und Triumphen werden auch die Zuschauer wieder zur Nationalmannschaft zurückkehren. Denn nichts ist anziehender als Erfolg - im Fußball und in der Showbranche. Das weiß auch der DFB und Oliver Bierhoff - und bewahrt deshalb wenigstens nach außen hin Ruhe. Apropos Ruhe. Eine Sache wird dem ehemaligen Musikmanager Hans R. Beierlein am vergangenen Wochenende in Mönchengladbach sicherlich gut gefallen haben: Die Musikkapelle, die 90 Minuten mit Pauken und Trompeten von der Tribüne aus die Nationalmannschaft gegen Weißrussland nach vorne blies. Da hat es bestimmt auch bei Uli Hoeneß ein wenig "gemenschelt".

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Quelle: n-tv.de

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