Redelings Nachspielzeit

"Ohne Fans ein anderer Sport" Witz und Weltfrieden statt Fadenkreuze

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"Es fühlt sich nicht so an, als hättest du ein Tor geschossen, sondern auch noch für Weltfrieden gesorgt." Neven Subotic ordnet die Bedeutung der Fans für den Fußball ein.

(Foto: imago sportfotodienst)

Was wäre der Fußball ohne seine Fans? Richtig: Nichts! Und deshalb tut es auch so weh, dass diese so wichtige Gruppe des Fußballs zuletzt ständig negativ in den Schlagzeilen steht. Denn eigentlich wissen alle: Es geht auch anders. Wunderbar anders.

Es war im Frühjahr 2001, als sich folgende Geschichte zutrug. Bei der Frankfurter Eintracht war damals Felix Magath entlassen worden und Rolf Dohmen hatte als Interimslösung übernommen. Eigentlich nur für kurze Zeit, doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich schwieriger als gedacht. Und auch unter Dohmen verlief die Saison nicht besser als zuvor unter Quälix Magath. Am Ende der Spielzeit sollte die Eintracht schließlich absteigen. Doch zu diesem Zeitpunkt des Wechsels im Frühjahr hatten die Anhänger Mitleid mit ihrem Interimscoach. Sie lasteten das Versagen in dieser Spielzeit eher ihrem Team an. Und so begab es sich, dass nach einer 2:5-Auswärtsklatsche der Eintracht in Freiburg ein Fan dem Trainer dieses liebevolle Angebot unterbreitete: "Rolf, wenn du deine Mannschaft nicht sehen willst, kannst du mit uns fahren. Du darfst auch vorne sitzen."

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Ohne Diskussion: Geschmacklos.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Was in den letzten Tagen und Wochen in all den hitzigen Diskussionen entschieden zu kurz gekommen ist: Die allermeisten Fußballfans sind wunderbare, treue und oftmals herrlich kreative Anhänger dieses Sports. Menschen, die aus ihrer Ablehnung dem gegnerischen Verein gegenüber keinen Hehl machen, jederzeit mit vollem Ernst für ihren Klub einstehen und die dennoch genau wissen, wo die Grenzen sind. Punkt! Denn wer sich nicht auf diesen minimalen Grundkonsens verständigen kann, wird auch über das Grundgesetz noch Diskussionen vom Zaun brechen – und damit dauerhaft die Leitplanken unseres Zusammenlebens infrage stellen.

Fadenkreuze sind großer Mist

Ehrlich gesagt: Es nervt, dass alle Akteure mit einer bräsigen und hochnäsigen Selbstverständlichkeit ihre Standpunkte durchpauken wollen - ohne ehrliches Verständnis für die Gegenseite. Populistisches Gequake für die eigene Klientel. Dabei sollte doch eins allen klar sein: Fadenkreuze und Kollektivstrafen sind gleichermaßen großer Mist. Jedes Gespräch über den Sinn beider Dinge erübrigt sich. Eigentlich. Denn die Realität sieht anders aus. Und das macht so unfassbar müde. So müde, dass nur die Flucht aus diesem Käfig des großen Geschnatters hilft. Und die (Rück-)Besinnung auf die Stärken der Fans: Ihre Liebe zum Spiel und die Kraft ihrer schier endlos erscheinenden Kreativität. Selbst Enttäuschungen und Frustrationen werden in dieser speziellen Welt mit großem Ideenreichtum verarbeitet. So ganz anders, als man es leider in diesen Tagen in den Stadien häufig erleben muss.

Beispielhaft sei erinnert an die Fans des SC Freiburg, die beim Weggang von Mohamadou Idrissou zu Borussia Mönchengladbach eine besondere Spitze ihres ehemaligen Spielers erdulden mussten: "Ich habe eh keine Lust mehr, mit euch Absteigern zu spielen. Ich spiele nächstes Jahr Champions League." Eine Demütigung - allerdings nur im ersten Moment. Denn sportlich lief es dann ganz und gar nicht so bei seinem neuen Verein, wie sich der Kameruner das zuvor gedacht hatte. Und so sangen die Freiburger Fans anschließend voll herrlicher Häme: "Idrissou spielt Champions League auf PS3, die ganze Nacht, von zwölf
 bis acht!"

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Ein Klassiker: Schalker Fans bedanken sich bei ihrer Mannschaft.

(Foto: imago/Team 2)

Natürlich darf es auch gerne einmal mit mehr verbaler Wucht sein. So wie beispielsweise ein Transparent des SV Babelsberg 03 beim Pokalfinale gegen den FC Energie Cottbus: "Wir hassen Euch mehr als unsere Arbeit!" Oder wie beim Klassiker der Anhänger der SpVgg Bayreuth, die als Gruß an ihren Gegner das wunderbare Banner aufhängten: "Euer Stammbaum ist ein Kreis!" Mancher Fan der Gästemannschaft soll noch heute über den Sinn dieses Spruchs nachdenken.

Auch das eigene Team kann man durchaus kreativ kritisieren. Unvergessen, wie die Rostocker Fans bei einer 0:4-Auswärtsniederlage in Nürnberg minutenlang sangen: "Ganz enge Kiste! Das war ne ganz enge Kiste! Gaaanz enge Kiste! Das war ne ganz enge Kiste!" Oder die Schalker Anhänger nach einer Katastrophenspielzeit beim letzten Auswärtsspiel dieses Banner präsentierten: "Wir danken der Mannschaft, dass sie uns auch in dieser Saison so zahlreich hinterhergereist ist."

Trotzig wie Kleinkinder

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Doch wollen wir bei all den wundervollen Einfällen der Fans nicht vergessen, dass auch die Spieler oftmals Schmähungen ideenreich parieren. So wie einst der walisischen Fußballprofi Ryan Giggs: "Die Fans von Chelsea haben Sellerie und Maiskolben nach mir geworfen, wenn ich die Eckbälle geschossen habe. Die Vorstellung, dass sie auf dem Weg nach Wembley kurz beim Gemüsehändler vorbeigeschaut haben, hat mich zum Lachen gebracht." Die Liste ließe sich endlos fortführen. Und wie schön wäre es, wenn wir uns tatsächlich solchen Dingen wieder verstärkt widmen könnten. Aber das ist natürlich zu naiv gedacht. Es wird wieder einmal alles bis zum Erbrechen und mit gegenseitigen Anschuldigungen ausdiskutiert werden müssen – um dann schlussendlich festzustellen, dass man ohnehin lieber bei seiner eigenen Meinung bleibt. Verhärtete Fronten. Trotzig wie Kleinkinder im Sandkasten. Sei’s drum!

Lassen wir deshalb lieber Neven Subotic das Schlusswort sprechen - in der Hoffnung, dass in naher Zukunft wieder mehr die kreativen und friedfertigen Anhänger in den Fokus der Betrachtung rücken mögen: "Ohne Fans ist der Fußball ein ganz anderer Sport. Wenn du ein Tor vor 80.000 Leuten schießt, ist das einfach bombastisch. Es fühlt sich nicht so an, als hättest du ein Tor geschossen, sondern auch noch für Weltfrieden gesorgt."

Quelle: ntv.de