Fußball-WM 2018

Ökonomen entwickeln WM-Formel Deutschland holt den Titel - vielleicht

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Wollen denn Titel: Mezut Özil, Thomas Müller und André Schürrle.

(Foto: AP)

WM heißt mitspekulieren über das Abschneiden Deutschlands im Turnier. Die Orakel-Krake Paul ist tot, doch andere Propheten stehen längst bereit. WM-Formeln und ein Atom-Modell machen aus Fußball-Fans WM-Wahrsager.

Pauls lange Arme tasten sich durchs Aquarium und die Kameras schauen ganz genau hin. Der Krake hat sich für die falsche Futterschale entschieden. Das zumindest hoffen die deutschen Fans vor dem WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien. Doch: Es war der Anfang vom Ende der deutschen Titelhoffnungen - der Krake hatte den Ausgang des Halbfinale korrekt vorausgesagt, Deutschland schied aus gegen Spanien.

Das ist vier Jahre her, und Paul ist mittlerweile tot. In den Startlöchern stehen nun gleich mehrere neue "Orakel". Ökonomen kann man wohl schwer mit Futterschalen locken, aber mit Zahlen und Statistiken. Und mit Fußball. Denn auch sie packt alle vier Jahre das WM-Fieber. Die Experten der UniCredit füttern ihre Formel mit dem Marktwert des Nationalteams, der Herkunft und der Spielstatistik. Sogar das Bruttoinlandsprodukt findet seinen Platz in der WM-Formel - so ganz können die Volkswirte dann doch nicht die Finger von der Ökonomie lassen. Was bei den komplexen Berechnungen herausgekommen ist, wird den deutschen Fans nicht gefallen: Nicht Deutschland, sondern Brasilien steht da als Weltmeister.

Genaue Vorhersagen zur WM 2010

Auch für die Deka-Bank übersteht die deutsche Mannschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit die Vorrunde. Dann trifft sie mit annähernd gleicher Wahrscheinlichkeit auf Russland oder Belgien. Dass Deutschland diese Runde nicht meistern könnte, zweifeln sie kaum an. Nächster Gang danach: Frankreich. Hier setzt sich doch der Bauch der Ökonomen durch, denn in der Modellrechnung ist die Wahrscheinlichkeit etwas höher, dass Argentinien im Viertelfinale auf das deutsche Team trifft. Dies wäre bemerkenswert, da es schon bei den letzten beiden Weltmeisterschaften zu diesem Duell kam - jeweils im Viertelfinale und jeweils mit dem besseren Ende für Lahm und Co.

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Die Deka-Bank tippt auf Brasilien.

Für ein Halbfinale mit deutscher Beteiligung sind sich dann Experten und Modell wieder einig. Hier wird der Gastgeber als Gegner erwartet. Deutschland wird, nach Tipp der UniCredit, das einzige nicht-südamerikanische Land im Halbfinale sein. Unter den letzten Vier sind zudem Argentinien und Uruguay.

Dass die Volkswirte nicht ins Blaue tippen, haben die Vorhersagen von Goldman Sachs vor vier Jahren bewiesen: Sie sagten voraus, dass Deutschland, die Niederlande und Spanien im Halbfinale stehen würden, mit Spanien im Finale. Nur beim Weltmeistertitel verrechneten sie sich: Den sahen sie bei Brasilien. Paul dagegen hatte richtig gelegen.

Dieses Jahr legen sich die Analysten auf Brasilien, Deutschland, Argentinien und Spanien im Halbfinale fest. Die Deutschen Fans sollten hoffen, dass sie irren, denn nicht Deutschland, sondern Argentinien und Brasilien würden nach ihrer WM-Formel das Finale spielen.

Die Mischung macht´s

Welches Land wo landet, komme zu 85 Prozent auf den Marktwert und den Südamerika-Heimvorteil an, sagen die Volkswirte der Berenberg-Bank und des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Die Goldman-Sachs-Experten wiederum glauben, dass der Heimvorteil die Chancen im Turnier nur um drei Prozentpunkte erhöhen würde. Argumente sind hier die Gewöhnung an das schwüle Wetter und die Euphorie der zahlreich mitgereisten Fans.

Richtig entscheidend ist nach der 85-Prozent-These vielmehr der Marktwert. Doch Marktwert ist nicht gleich Marktwert. Denn obwohl die Spieler der portugiesischen Nationalmannschaft mit 11,4 Millionen Euro einen höheren durchschnittlichen Marktwert haben als die Oranjes mit 8,3 Millionen Euro, werden die Chancen der Niederländer höher eingeschätzt. Das Paradoxe: Grund sind Schlüsselspieler wie Christiano Ronaldo. Ihr eigener hoher Marktwert erhöht den Durchschnittsmarktwert. Doch Größe schafft auch Risiko: Denn fallen die Stars aus oder sind in einem Formtief, sinkt auch der Wert der Mannschaft schlagartig.

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Selbst das BIP wird berücksichtigt: Die WM-Formel der UniCredit.

Berücksichtige man das Abschneiden der Seleção bei den vergangenen vier Weltmeisterschaften, das langjährige Länderspielranking (Elo-Ranking) und den Heimvorteil deute "vieles auf ein Fußballmärchen für Brasilien mit 64 Jahren Verspätung hin", schreibt die Deka. Demnach würden die Brasilianer die Spanier am 13. Juli entthronen. Chancen: 37 Prozent. Die mit Abstand höchste Wahrscheinlichkeit eines Titelgewinns in ihrem Rechenmodell. "Den Heimsieg der Brasilianer kann man quantitativ kaum noch runterrechnen", sagt Volkswirt Holger Bahr. Nach den ebenfalls hochkomplexen Berechnungen von Goldman Sachs stehen Brasiliens Chancen auf den Titel bei sagenhaften 48,5 Prozent. Argentinien dürfte demnach der Finalgegner heißen (Chance auf den Titel: 14,1 Prozent), für Jogis Jungs reicht es - wieder einmal - nur zu Platz drei (Chance auf den Titel 11,4 Prozent).

Deutschland mit 6,5-facher Wahrscheinlichkeit auf Titel

Physik-Professor Metin Tolan von der TU Dortmund hat seine eigene Rechnung. "Es ist ja völlig klar, dass Deutschland Weltmeister wird, da gibt es gar keinen Zweifel. Man kann es allerdings wissenschaftlich etwas fundierter ausdrücken."

Der Professor bedient sich bei seiner Prognose eines ausgeklügelten Verfahrens, das auch bei Berechnungen zum radioaktiven Zerfall von Atomen genutzt wird. So kann der Physiker abschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Fußballmannschaft eine bestimmte Anzahl von Toren in einem einzelnen Spiel schießt. Grundlage dafür ist die Tor-Quote der WM-Qualifikationsspiele Deutschlands von 3,6 Toren pro Spiel. Durchgerechnet hat er das ganze 100.000 Mal und behauptet: "Deutschland hat die höchste Wahrscheinlichkeit, den Titel zu gewinnen", in Zahlen: 20,33 Prozent.

Fazit: Zahlen, Müller-Faktor oder doch der Zufall?

Gerd Müller wurde bei seiner ersten Weltmeisterschaft 1970 Torschützenkönig und Deutschland gewann das Spiel um Platz drei gegen Uruguay. Vier Jahre später holte Müller den Titel mit Deutschland. 2010 die Blaupause: Thomas Müller wird bei seiner ersten Weltmeisterschaft Torschützenkönig und holt mit Deutschland Platz drei - wieder gewinnt ein Müller gegen Uruguay im kleinen Finale. Wie Thomas Müller seine nächste WM erleben wird, weiß man also, wenn man bloß eins und eins zusammenzählt?

Ob Milchmädchen-Rechnung oder komplexe Formeln: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der Zufall über die Geschicke der Teams walten. Denn obwohl der Einfluss des Zufälligen groß ist, wird es fast immer unterschätzt. Dabei treten Glück und Pech in ganz unterschiedlichem Gewand auf: in Form von Pfostentreffern, Fehlentscheidungen der Schiedsrichter oder Verletzungen wichtiger Spieler. Und dann ist da natürlich noch die Gruppenzuteilung.

Würde man die WM unter sonst gleichen Bedingungen ein zweites und drittes Mal spielen, stünde am Ende vermutlich jeweils ein anderer Weltmeister. Der tatsächliche Turnierverlauf stellt somit die Realisation eines "Zufallsereignisses" dar: Er ist unendlich oft wiederholbar.

Quelle: n-tv.de, tga/dpa

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