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Nur in Uruguay vermissen sie ihn Ballack hilflos im Abseits

Was macht eigentlich ... Michael Ballack? Aus dem besten deutschen Fußballer wird ein Spieler von Bayer Leverkusen, der verzweifelt um seine Wiederkehr kämpft. Und die Welt nicht mehr versteht. Auch wenn das nicht gerecht ist: Der Kapitän steht im Abseits. Kein Mensch vermisst ihn.

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Joggen am Autobahnkreuz: Michael Ballack vor dem Leverkusener Stadion.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zumindest in Uruguay schätzen sie ihn noch. Diego Forlan jedenfalls, bester Spieler der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, erinnert sich noch gut an Michael Ballack. Und hält ihn weiterhin für den besten deutschen Fußballer. "Er und Schweinsteiger im Mittelfeld - viel besser geht es nicht", sagte er der "Sport Bild". Diego Forlan zweifelt auch nicht daran, dass der Leverkusener bald wieder für die deutsche Nationalelf spielt. Er versteht die Diskussion nicht. "An Ballack sollte nicht gezweifelt werden."

Das ist doch mal ein Wort. Michael Ballacks Problem ist nur, dass Diego Forlan zwar ein sehr guter Spieler und offenbar auch ein netter Kerl ist – seine Einschätzung der Lage aber weitgehend exklusiv hat. Oder anders ausgedrückt: In Deutschland vermisst kein Mensch Michael Ballack. Das ist eine der erstaunlichsten Erkenntnisse des Fußballjahres. Was ist bloß passiert? Aus dem besten deutschen Fußballer der vergangenen Dekade, aus dem alle überragenden Kapitän der Nationalmannschaft ist ein verletzter Spieler von Bayer Leverkusen geworden, der in der Hinrunde nach seinem Wechsel vom FC Chelsea gerade einmal 184 Minuten in der Bundesliga gespielt hat. Und verzweifelt, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um seine Wiederkehr ringt.

Selten sah ein Spieler so hilflos zu

Der Absturz des Michael Ballack ist, auch wenn wir uns vor Superlativen hüten sollten, nahezu beispiellos in der Geschichte des deutschen Fußballs. Selten hat ein Spieler so hilflos dabei zuschauen müssen, wie sich die Verhältnisse um ihn herum ändern, ja gnadenlos über ihn hinwegfegen. Da sind die Medien und Experten, die erst den Untergang des Abendlandes propagierten, als er sich im Mai, knapp vier Wochen vor der WM verletzte. Und hinterher gnadenlos schrieben und sagten, mit 34 Jahren sei er schlichtweg zu alt.

Da ist die Nationalelf, die ohne Michael Ballack, dafür mit Sami Khedira, in Südafrika beim 4:1 im Achtelfinale gegen England und beim 4:0 im Viertelfinale gegen Argentinien Fußball zelebrierte. Da ist die Bundesligamannschaft von Bayer Leverkusen, die ohne Michael Ballack nach der Hinrunde punktgleich mit dem Tabellenzweiten aus Mainz auf dem dritten Rang steht. Ein Team, das auf der Position im defensiven Mittelfeld einen Michael Ballack nicht zwingend braucht.

Seine Welt ist nicht mehr die der anderen

Und was macht Michael Ballack? Er kämpft. Er wehrt sich. Er kritisiert seinen Kollegen Philipp Lahm, weil der das Kapitänsamt, das er bei der WM so gut ausgefüllt hat, auch in Zukunft für sich beansprucht – und das schon in Südafrika öffentlich gesagt hatte. Er kritisiert Joachim Löw, weil er sich vom Bundestrainer mehr Rückendeckung gewünscht hätte. Der hatte fast drei Monate gebraucht, um zu entscheiden, dass Philipp Lahm nur stellvertretender Kapitän ist, solange Michael Ballack noch nicht ganz weg ist.

Fast wirkt es so, als verstehe er die Welt nicht mehr. Das kann er auch nicht, weil seine Welt nicht mehr die der anderen ist. Sie hat sich weitergedreht, und das schneller, als es ihm lieb sein dürfte. Gerecht ist das nicht, aber er steht im Abseits. Nichts zeigt das besser als der Satz, mit dem er seine Kritik an Lahm und Löw immer und immer wieder begründet. "Diese Sache hatte etwas mit Respekt gegenüber dem Kapitän zu tun." So sieht Michael Ballack sich immer noch. Als Kapitän, als Anführer. Und vielleicht hilft es ihm, dass Diego Forlan das auch so sieht. Immerhin.

Quelle: n-tv.de

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