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Kritik nach bewährtem Muster Lahm sucht nach Profil

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Im Kreuzfeuer der Kritik: Philipp Lahm.

(Foto: picture alliance / dpa)

In seiner Autobiographie "Der feine Unterschied" kritisiert Philipp Lahm ehemalige Trainer und stößt deswegen auf heftigen Gegenwind. Rätselraten herrscht vor allem über die Gründe für die Attacken des 27-Jährigen. Das wahrscheinlichste Motiv: Lahm will sich als Führungsspieler profilieren.

Nein, Rudi Völler gehört nicht zu den zurückhaltenden Vertretern des Profifußballs. Legendär ist seine Medienschelte vor laufenden Kameras, unmittelbar nachdem sich die von ihm betreute deutsche Nationalmannschaft gegen Island blamiert hatte. Plötzlich giftete "Tante Käthe" gegen Chef-Kritiker Günter Netzer und unterstellte TV-Veteran Waldemar Hartmann im Eifer des Gefechts auch noch eine zu stark ausgeprägte Liebe zum Weißbier. Der Wutausbruch stellte sämtliche Vulkane Islands in den Schatten.

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Rudi Völler ist mal wieder außer sich vor Wut - zurecht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Acht Jahre später holt erneut ein hochrangiger Vertreter des Auswahlteams zum Rundumschlag aus: In seinem Buch "Der feine Unterschied" feuert Kapitän Philipp Lahm mit scharfen Wortsalven auf ehemalige Trainer. Jürgen Klinsmann als Bayern-Coach? Ging gar nicht – schon nach kurzer Zeit hätte auch der Letzte im Team gemerkt, dass der Schwabe eine Luftnummer sei. Louis van Gaal? Ein Selbstdarsteller, dessen Vorstellungen von Menschenführung aus einem anderen Jahrhundert stammten. Felix Magath? Ein Schleifer, dessen Psychotricks nur eine kurze Halbwertszeit hätten.

Auch Rudi Völler bekam sein Fett weg – für seine Defizite bei der Trainingsarbeit. Grund genug für den derzeitigen Sportdirektor von Bayer Leverkusen, von der verbalen Keule Gebrauch zu machen. "Erbärmlich und schäbig" seien Lahms Äußerungen, polterte der 51-Jährige.

Die Suche nach leichten Opfern

Treffender hätte er es kaum formulieren können. Denn während Völlers Reykjavik-Fauxpas purer Emotion geschuldet war, drängt sich bei Lahm der Eindruck auf, er verfolge mit seinen pikanten Äußerungen eine Strategie. Ex-Welttorhüter Oliver Kahn scheint zu wissen, worum es geht: "Es gibt ja auch die Meinung, dass er irgendwie Profil gewinnen möchte", ließ er im ZDF verlauten. Und tatsächlich: Sich mit Äußerungen gegen mehr oder weniger Wehrlose ein raueres Image zu verschaffen, hat Lahm schon vorher versucht.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Als die Nationalmannschaft bei der WM 2010 phasenweise mit Traumfußball glänzte, sprach niemand vom Leader Philipp Lahm – obwohl der Verteidiger das Kapitänsamt inne hatte. Das Herz der Mannschaft machten die meisten in Sechser Bastian Schweinsteiger aus. Prompt platzte Lahm mit einer Botschaft an den verletzten "Capitano" Michael Ballack heraus: Er werde die Kapitänsbinde nicht kampflos abgeben. Zunutze machte er sich dabei, dass auch von Ballack keiner sprach - wenn doch, ging es eher darum, ob für ihn überhaupt noch Platz im Mittelfeld von Bundestrainer Löw sei.

Das Risiko einer Attacke war überschaubar. Genauso wie ein gutes Jahr vorher, als Lahm das erste Mal gegen Jürgen Klinsmann geschossen hatte. Auch der bot ein dankbares Ziel, war frisch entlassen und genoss in der Öffentlichkeit längst kein großes Standing mehr. "Wir hatten keine Ordnung auf dem Platz", monierte Lahm im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Die Umstellung von National- auf Klubmannschaft sei Klinsmann "nicht gelungen". Seinen Willen, sich als Führungsfigur zu präsentieren, demonstrierte Lahm noch dazu. Zwei Mal ließ er seinen Gesprächspartner wissen, dass er Klinsmann stets seine Meinung klargemacht habe – ohne dass der Journalist danach gefragt hatte.  

Autobiographie ein Bumerang

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Habe den Sprung in den Vereinsfußball nicht geschafft: Jürgen Klinsmann

(Foto: picture alliance / dpa)

In seiner Autobiographie geht Lahm nach bewährtem Schema vor. Seine "Opfer" sind in der Öffentlichkeit mehr oder weniger abgemeldet. Klinsmann wird nach wie vor als der Trainer belächelt, der auf dem Trainingsgelände des FC Bayern Buddha-Figuren aufstellte, van Gaal gilt sowieso als beratungsresistenter Sturkopf. Felix Magath hat in seinem zweiten Jahr bei Schalke 04 viel  an Glanz eingebüßt und fällt vor allem durch rätselhafte Kauforgien auf. Und auch Völler darf man ärgern – der ist und bleibt eben "Tante Käthe".

Zu einem "Tough Guy" des deutschen Fußballs wird Lahm mit seiner Taktik allerdings nie mutieren. Schließlich klopft niemand dem auf die Schulter, der hinterrücks auf nichtsahnende Menschen einprügelt.

Angst vor der eigenen Courage?

Und wer hat schon Respekt vor dem, der ehemalige Weggefährten bloß stellt, während er den für ihn relevanten Entscheidungsträgern Honig um den Mund schmiert? Genau dies tut Lahm, wenn er inmitten seiner Tiraden zum Loblied auf den aktuellen Bundestrainer ansetzt: "Jogi Löw erweist sich schon bei den ersten Trainingseinheiten als gewiefter Taktiker. Es ist interessant, was er über jede einzelne Position zu sagen weiß, vor allem für einen Spieler, dem bisher kein Trainer Anregungen gegeben hat, wie er die Position des linken Verteidigers vielleicht interpretieren könnte'".

Wer in der öffentlichen Wahrnehmung als Führungspersönlichkeit gelten will, sollte die Dinge anprangern, die ihm aktuell Bauchschmerzen bereiten. Diesen Ansatz hat Lahm ausprobiert, als er dem FC Bayern im November 2009 offen das Fehlen einer Philosophie vorwarf. Das Ergebnis: Alpha-Tier Uli Hoeneß zürnte, Lahm kuschte - und entschuldigte sich: "Philipp hat eingesehen, dass es besser gewesen wäre, mit seiner Meinung direkt den Weg zum Vorstand zu suchen", hieß es in einer Pressemitteilung. Eine Philosophie lassen die Münchner noch heute vermissen. Deswegen müsste Philipp Lahm eigentlich in Kürze der Kragen platzen – in guter alter Rudi Völler-Manier. Eigentlich.

Quelle: n-tv.de

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