Olympia

China, USA - und MorddrohungenGeliebt und gehasst: Der Balanceakt der Eileen Gu

21.02.2026, 07:55 Uhr
GU-Ailing-Eileen-of-China-reacts-during-the-women-s-freestyle-skiing-halfpipe-qualification-at-the-Milano-Cortina-2026-Olympic-Winter-Games-at-the-Livigno-Snow-Park-in-Italy-on-February-19-2026
Eileen Gu wurde in den USA geboren, aber geht für China an den Start. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Zwischen den Welten: Freestyle-Star Eileen Gu nutzt zwei Weltmärkte und ist die viertreichste Sportlerin der Welt. In China fliegen dem erfolgreichen Glamour-Girl die Herzen zu, in ihrem Heimatland USA erhält sie Morddrohungen und soll ihren Pass abgeben.

Zwei verlorene Goldmedaillen? Ha! Eileen Gu brach in schallendes Gelächter aus, dann setzte sie zum Gegenangriff an. "Ich bin die meistdekorierte Freeski-Fahrerin der Geschichte, ich glaube, das ist eine Antwort in sich selbst", schleuderte sie dem Reporter entgegen, der es gewagt hatte zu fragen, ob sie nun zweimal Silber gewonnen oder zweimal Gold verloren habe. Aus Sicht von Gu eine unerhörte Frage. Jeder Gewinn einer olympischen Medaille sei lebensverändernd, sagte sie belehrend, dass der Journalist dies infrage stelle: "Lächerlich."

Eileen Gu hatte bei den Olympischen Spielen in Norditalien soeben die Silbermedaille im Big Air der Freeskierinnen gewonnen, genau wie wenige Tage zuvor im Slopestyle. In beiden Wettbewerben galt sie als große Goldfavoritin. Die rund 40-sekündige verbale Selbstverteidigung der 22-Jährigen wurde im Netz zum viralen Hit. Doch Gus dünnhäutige Reaktion hängt womöglich auch zusammen mit einer Entscheidung, die sie vor sieben Jahren traf - und wegen der sie bis heute polarisiert.

Seit 2019 für China am Start

Geboren in San Francisco, traf sich Gu im Februar 2019 mit Chinas Staatschef Xi Jinping. Wenige Monate später gab sie bekannt, künftig für China starten zu wollen, das Geburtsland ihrer Mutter. "Millionen junge Leute" wolle sie im Hinblick auf die Winterspiele 2022 in Peking "inspirieren", sagte Gu damals.

Bei den Spielen gewann Gu zweimal Gold und einmal Silber, in China flogen ihr die Herzen zu. Auch finanziell ging ihr Plan auf: Seit ihrem Nationenwechsel vereint sie die zwei stärksten Märkte der Welt, sie wirbt für Marken wie Louis Vuitton und Porsche sowie für wichtige chinesische Unternehmen. Laut "Forbes" lag ihr Jahresverdienst 2025 bei 23,1 Millionen US-Dollar. Weltweit generierten nur drei Sportlerinnen, allesamt Tennisspielerinnen, noch mehr.

Auch China erhofft sich Glanz durch das Glamour-Girl, das kürzlich das Cover des "Time Magazine" zierte. Laut Recherchen des Wall Street Journal soll ein versehentlich veröffentlichtes internes Dokument des chinesischen Sportministeriums zeigen, dass für Gu und die Eiskunstläuferin Zhu Yi 6,6 Millionen US-Dollar im Jahresbudget 2025 eingeplant waren.

Gu-Gold am Samstag?

Doch seit sich Gu dem autokratisch regierten China angeschlossen hat, steht sie in ihrem Geburtsland teils massiv in der Kritik. Der frühere NBA-Basketballer Enes Kanter warf ihr "Verrat" vor, sogar Morddrohungen soll Gu erhalten haben. In Kommentaren auf Social Media wird sie aufgefordert, ihren amerikanischen Pass abzugeben - bis heute hüllt sich Gu in Schweigen, ob sie diesen noch besitzt. In China sind doppelte Staatsbürgerschaften unerwünscht. Gu balanciert zwischen zwei Welten.

Sie fühle sich "stärker nach den Erfahrungen von 2022", sagte sie zuletzt über Online-Hasskommentare. Nun will Gu jeden ihrer Erfolge, und mögen sie "nur" silbern schimmern, als persönlichen Sieg verstanden wissen - so könnte man meinen. Am Abend kann sie in der Halfpipe (19.30 Uhr/ARD, Eurosport und im ntv.de-Liveticker) noch eine dritte Medaille bei diesen Spielen gewinnen. Die investitionsfreudige chinesische Sportpolitik würde Gold sicher sehr begrüßen.

Quelle: ntv.de, dbe/sid

ChinaUSAOlympische Winterspiele 2026