Olympia

Kramers 10.000-Meter-Makel Der Olympia-Albtraum, der nicht enden will

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Geschlagen: Sven Kramer über die 10.000 Meter.

(Foto: AP)

Einer der erfolgreichsten Wintersportler der Geschichte ist Sven Kramer ohnehin. Eine olympische Rechnung hat Hollands Eisschnelllaufkönig aber offen: 10.000-Meter-Gold, das er 2010 traumatisch verlor. Doch sein Albtraum geht weiter.

Als es vorbei war, wollte Sven Kramer im geschockten Ice Oval von Gangneung nur noch alleine sein. So glitt er an allen vorbei. An seinem deutschen Gegner Patrick Beckert, an seinen Trainern, an allen. Nur bei Ted-Jan Bloemen, da machte der niederländische Eisschnelllaufkönig eine Ausnahme. Seinem Landsmann, der seit 2015 für Kanada startet, klapste er auf den Hintern. Der erschreckte sich kurz, schließlich war er doch mit etwas ganz anderem beschäftigt. Mit seinem Triumph über 10.000 Meter.

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Klaps von Kramer: Ted-Jan Bloemen holte als Wahl-Kanadier die Goldmedaille.

(Foto: imago/Pro Shots)

Jenem Triumph über jene Distanz, die doch eigentlich er, Sven Kramer und vielleicht bester Eisschnellläufer der Geschichte, gewinnen wollte. Zum ersten Mal in seiner olympischen Karriere. Nach dem Debakel von Vancouver 2010, als er haushoch überlegen siegte und disqualifiziert wurde, weil ihn sein Trainer auf die falsche Bahn gelotst hatte. Und nach der schmerzhafte Niederlage in Sotschi gegen Teamkollege Jorrit Bergsma. Aber als er nun nach 13:01:02 Minuten ins olympische Ziel kam, da war auch seine dritte Gold-Attacke in einem Fiasko geendet. Der 31-Jährige landete nur auf Rang sechs, aus der erhofften Erlösung wurde ein erneuter Einbruch.

Der verwunderte selbst Experten. "Es hat mich überrascht, wie sehr er eingebrochen ist", sagt die ehemalige Eisschnellläuferin Franziska Schenk, die 1994 in Lillehammer über 500 Meter Bronze gewonnen hatte. "Ich dachte lange Zeit, gleich zieht er an, beschleunigt hinten heraus noch einmal - so wie es ja eigentlich seine Art ist. Aber als sechs, sieben Runden vor dem Ziel nichts mehr passierte, sondern er sogar langsamer wurde, da war völlig klar, dass das nicht mal mehr fürs Podium reichen wird." Und wie deutlich es nicht reichte: 6,7 Sekunden fehlten dem 28-maligen Weltmeister und viermaligen Olympiasieger auf Bronze, auf den Italiener Nicola Tumolero. Gar 19 Sekunden waren es auf Silber, das an Bergsma ging. Und über 21 Sekunden hatte der geschlagene König auf Bloemen verloren, der in 12.39:77 Minuten den erst kurz zuvor von Bergsma aufgestellten olympischen Rekord (12.41:99) noch getoppt hatte.

Dramatisches Drehbuch des Scheiterns

Sven Kramer und die olympischen 10.000 Meter, das bleibt auch nach dem vierten Anlauf des Kufen-Kaisers ein dramatisches Drehbuch des Scheiterns, nachdem er bei seiner Premiere als 19-Jähriger in Turin 2006 über diese Distanz Siebter geworden war. In Pyeongchang ging er es langsam an, was nicht ungewöhnlich ist. Nach 1600 Metern lag er knapp seine Sekunde zurück. Aber: alles im Plan. Nach 4000 Metern waren es dann aber 1,6 Sekunden und sein Trainer stemmte ratlos die Hände in die Hüften. Er ahnte, was kommen würde: Statt sich zu steigern, wurden die Zeiten des 31-Jährigen immer langsamer.

Drei Runden später standen schon erstaunliche 2,6 Sekunden Rückstand auf der Uhr und die etwa 1000 Niederländer im mit 8000 Zuschauern fast ausverkauften Ice Oval stöhnten laut auf. Kramer zog weiter seine Runden, elegant, offenbar unbeeindruckt, aber einfach zu langsam. Nach 6400 Metern flog der Superstar in der virtuellen Wertung vom Podium. Sein deutscher Konkurrent Patrick Beckert, der im direkten Duell auf der Eisbahn weit abgeschlagen war, legte plötzlich bessere Rundenzeiten hin, deutlich bessere. Bis zu 1,6 Sekunden war er schneller, das sind Welten. Am Ende glitten beide fast gleichauf über den Zielstrich, der deutsche Außenseiter und der erneut geschlagene Oranje-Star.

"So etwas habe ich von Sven noch nicht gesehen

"So etwas habe ich von Sven noch nicht gesehen", sagte Kramers Landsmann Jan van Veen, der deutsche Cheftrainer, hinterher ratlos. Auch Franziska Schenk konnte sich den Einbruch nicht erklären. Sie sagte lediglich: "Es zeigt, was Bloemen und Bergsma für fantastische Zeiten gelaufen sind." Zeiten, die Kramer aber selbstverständlich auch laufen kann. Bei der WM im vergangenen Jahr hatte er im Ice Oval noch eine sensationelle 12.38:89 abgeliefert, nur 2,5 Sekunden über dem Weltrekord von Bloemen (12.36:30).

Am Sonntag über die 5000 Meter war alles noch ganz anders gewesen. Die hatte Kramer vor den Augen des offiziellen niederländischen Königs, Willem-Alexander von Oranien-Nassau, beherrscht. Er hatte die Konkurrenz und vor allem Beckert, ebenfalls eigentlich ein Weltklassemann, knallhart stehengelassen. Er hatte die Zeit von Bloemen, dem gebürtigen Niederländer, der erst seit 2015 für Kanada startet, pulverisiert. Er hatte eine unfassbare Machtdemonstration hingelegt. Den historischen Triumph - noch nie hatte jemand zuvor drei Mal in Serie über die gleiche Strecke bei Olympischen Spiele gesiegt - feiern wollte er aber nicht. Er habe noch eine Mission zu erfüllen, sagte er, die 10.000 Meter. Doch aus der Mission wurde erneut ein olympischer Albtraum, der einfach nicht enden will.

Quelle: ntv.de

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