Michael Jackson des CurlingsDer Olympia-Star, der das Internet völlig verrückt macht

Curling wird nicht einfach nur auf Eis gespielt. Die Beschaffenheit der glatten Fläche ist eine wahre Kunst. Einer, der diese perfekt beherrscht, ist Mark Callan. Ein olympisches Video macht ihn über Nacht zum Star.
Mark Callan gönnt sich am Freitagvormittag eine kleine Pause. Während die italienischen Fans im Cortina Curling Stadium schon um kurz nach 9 Uhr heißlaufen, ihr Team spielt gegen den Gold-Mitfavoriten Großbritannien, steht der Schotte vor der Arena in der Sonne. Und freut sich. "Sonne ist perfekt für uns", sagt der Chef-Eismacher der Olympischen Spiele. Dass die Sonne Einfluss auf die Eisbeschaffenheit in der alten Halle hat, klingt komisch, ist aber so, wie er später erklärt. Mark Callan hat Zeit zu plaudern, über das Eis, über Curling, über die Olympischen Spiele in Cortina.
Alle vier Jahre kriecht die professionelle und hochkomplexe Variante des Eisstockschießens aus der Nische ins Rampenlicht. Gecurlt wird bei Olympia jeden Tag. Erst im Mixed, seit ein paar Tagen dann auch getrennt in den Männer- und Frauen-Nationalmannschaften. Gecurlt wird quasi über den gesamten olympischen Tag. Morgens, mittags, abends. Wie Schach bei der Weltmeisterschaft, wie Darts als Dauer-Beschallung zwischen Mitte Dezember und Anfang Januar, erlebt Curling bei den Winterspielen einen kleinen großen Hype.
Eine Legende im Eismachen
Und einer, der in Cortina maßgeblich den Fokus auf sich und seinen Sport lenkt, ist Mark Callan. Der Schotte schiebt keine Steine über das Eis. Nicht hier. Er ist Hobbycurler. "In meiner eigenen Welt bin ich eine Legende, aber leider nirgendwo sonst", lacht er. Der Wahrheit entspricht das nicht (mehr). Ein Instagram-Video von olympics.org hat ihn zum Star gemacht. Er ging viral, wie es in der Sprache der Sozialen Medien heißt. Heißt: Er knallte durch die Decke. Mit seinem "Moonwalk" auf dem Eis.
Mehrere hunderttausend Mal wurde das Video gesehen. Hunderttausend Male geliket. Beim Sender USA Today wurde Callan dermaßen abgefeiert, dass die Gäste im Studio hernach Curling-Ultras wurden. Sein kleinschrittiger Rückwärtsgang beim "Pebbling" brachte ihm den Beinamen Michael Jackson des Curlings ein. "Pebbling", das ist die hohe Kunst des Eismachens. Mit Geräten, die Drucksprühern zur Unkrautvernichtung ähneln, wird die kleine steinige Eisstruktur erschaffen. Ohne "Pebbles" geht gar nichts. Sie sorgen dafür, dass der Stein so gleitet, wie er soll. Durch das Wischen und das dadurch erzeugte Antauen der "Pebbles" können Länge und Drehung beeinflusst werden. Für jedes Spiel wird das Eis neu "gepebblet". Dabei hat jeder Eismacher seine eigene Methoden. "Das ist wie Autofahren, da ist auch jeder anders unterwegs", sagt Callan. Aber alle haben das gleiche Ziel: ankommen. Beim "Pebblen" halt: das beste Eis erschaffen.
Dass Callan "moonwalked", ist nicht für die Show. Sondern es ist die Liebe zum Handwerk. Mit den kleinen Schritten bleibt er nicht nur stabil auf dem Eis, ihm gelingt so auch die perfekte Struktur. "Bei großen Schritten wird man leicht unregelmäßig." Das soll nicht sein. Callans Anspruch ist, die bestmögliche Fläche zu schaffen. Für alle. Morgens, mittags, abends. Sein Tag ist lang, manchmal 17 Stunden. "Die Eisbedingungen sind klasse hier", sagt Bundestrainer Uli Kapp gegenüber ntv.de. "Mark und sein Team machen hier einen guten Job". In den ersten Tagen habe es ein paar kleinere Probleme gegeben, Geschichte. Im Mixed-Doubles schimpfte etwa der Norweger Magnus Nedregotten über "shitty ice". Callan nahm's gelassen hin. "Er hatte drei Spiele in Folge verloren", lacht er. Es ist eben so: "Nach jedem Spiel hast du ein paar neue Freunde und ein paar neue Feinde." Man schiebt seinen Frust gerne aufs Eis.
In Peking wurde es plötzlich kompliziert
Callan kann sich derweil der Liebe der Internet-Welt nicht mehr entziehen. Er braucht den Hype aber nicht, "ich mache ja nur meinen Job". Aber ihm gefällt durchaus, dass er vielen Menschen mit seiner Arbeit ein Lächeln schenkt. Es passiere schließlich genug Mist auf der Welt. Und mit der Aufmerksamkeit könne er auch dazu beitragen, die Sportart vielleicht auch über die Spiele hinaus populärer zu machen. So wie in Nordamerika. In Kanada ist Curling ein Riesending, erzählt eine Journalistin. Bei der Berichterstattung über die Olympischen Spiele nimmt Curling einen prominenten Platz hinter dem alles überstrahlenden NHL-Superteam ein, das Gold ins Mutterland des Eishockeys bringen will. In Cortina ist Curling längst kein Geheimtipp mehr, es ist Hotspot der olympischen Party. Aus der Halle dringt der Italo-Klassiker "sara perche ti amo". Um 09.30 Uhr bebt Cortina schon. Dabei steht erst am Abend das vielleicht stimmungsvollste Spiel bei den Männern an, wenn Italien auf das deutsche Team trifft, das ebenfalls viele Fans dabei hat.
Die Art, wie das deutsche Team spielt, gefällt Callan. Das Duell gegen Norwegen, der 5:4-Sieg, sei beste Werbung für den Sport gewesen. Nicht defensiv, immer nur Attacke. Callan ist nicht nur Funktionär, er liebt seinen Sport. Wie die Welt nun plötzlich ihn liebt. "Das ist schon verrückt alles", staunt er. Er ist bereits zum vierten Mal als "chief ice technician" bei den Olympischen Spielen dabei. Erstmals in Sotschi, dann in Pyeongchang, Peking und nun in Cortina. Peking, das war ein bisschen "weird", sagt er. Die Covid-Pandemie hatte die Welt im Griff und der Eismacher besondere Bedingungen. Die Organisatoren sprühten damals "Chemikalien zur Desinfektion" in die Luft. Das hatte unmittelbaren Einfluss auf die Qualität der Spielfläche. Callan und sein Team fanden Lösungen.
"Frost ist der größte Feind des Curlingsteins"
So auch in Cortina. Die besondere Herausforderung hier: der Eingang, der keine Doppeltüren hat. "So tragen die Zuschauer das Wetter in die Halle, sagt Callan. Sonne ist kein Problem. Die Luft bleibt trocken. Anders sieht es bei Regen oder Schnee aus. Dann kämpfen die Eismacher mit hohen Luftfeuchtigkeiten. Nicht gut fürs Eis. Mit besonderen Geräten können sie die Halle dann "overdryen", also quasi trockenlegen. Sie überwachen die Beschaffenheit der Fläche ständig, kontrollieren die Temperatur (zwischen -3 und -5 Grad), die Luftfeuchtigkeit, den "Dew-Point". Und hier wird's für Außenstehende extrem kompliziert. Der Dew Point, der Taupunkt, ist die Temperatur, auf die Luft abgekühlt werden muss, damit sie mit Wasserdampf vollständig gesättigt ist. Es darf über das Kondenswasser kein Frost entstehen, das verändert das Verhalten der Steine auf dem Eis massiv. "Frost ist der größte Feind des Curlingssteins", sagt Callan. Er macht ihn unvorhersehbar, belieblig. Bei einem Präzisionssport wie Curling, wo bisweilen minimalste Abstände entscheiden, eine Katastrophe.
Eismachen ist Kunst und Wissenschaft. Für das "Pebbling" nutzen die Eismacher speziell aufbereitetes Wasser. Rund 20.000 Liter werden es am Ende der Spiele wohl gewesen sein. Der pH-Wert wird runterreduziert. Das Wasser ist "sauer." Ungenießbar. "Wenn du das trinkst, verbrennt es dich innerlich", sagt Callan. Die Pause ist zu Ende. Bald muss wieder "gepebbled" werden.