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Skispringer Freitag über Olympia "Der Sport kann etwas verändern"

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"Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele steigt immer mehr": Richard Freitag.

(Foto: imago/Kosecki)

Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang haben noch gar nicht begonnen - und doch werden sie begleitet von den politischen Anspannungen zwischen Nordkorea und Südkorea und vor allem von dem russischem Staatsdopingskandal. Darf und kann man sich dennoch auf das Sportfest freuen? Der deutsche Skisprung-Star Richard Freitag findet ja. Er freut sich auf die Eröffnungsfeier an diesem Freitag - und appelliert im Interview mit n-tv.de an den Grundgedanken der Spiele: "Für mich ist der olympische Gedanke ein vorbehaltloses Beisammensein."

n-tv.de: Freitag, 9. Februar 2018, Pyeongchang, die Olympischen Spiele werden eröffnet. Was macht dieser Satz mit Ihnen?

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"Für mich ist der olympische Gedanke ein vorbehaltloses Beisammensein."

(Foto: imago/GEPA pictures)

Richard Freitag: Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele steigt immer mehr. Es wird sicher ein großartiges Event. Mit so vielen Sportlern aus so vielen Ländern beisammen zu sein, das wird richtig gut.

Ihr Teamkollege Felix Neureuther hat sich in den vergangenen Monaten extrem kritisch mit dem Thema Olympia auseinandergesetzt. Ist Ihre Freude völlig ungetrübt? Oder teilen Sie die Kritik?

Ich habe ehrlich gesagt gar nicht so genau mitbekommen, was Felix genau kritisiert hat - die Austragungsorte oder die politische Situation? Nur für mich gesprochen kann ich sagen: Aus sportlicher Sicht freue ich mich wahnsinnig. Es ist einfach schön, dass so viele internationale Sportler zusammenkommen, Werbung für den Sport machen wollen und den Zusammenhalt fördern. Ganz unabhängig von Medaillen, von Kritik an den Austragungsorten und befreit von allen politischen Widerständen.

Was bedeuten die Olympischen Spiele denn dann für Sie persönlich?

Für mich ist der olympische Gedanke ein vorbehaltloses Beisammensein, ein Vergessen aller kleineren und größeren Probleme. Natürlich dürfen wir die Probleme, die es gibt, aber auch nicht verdrängen. Wir können aber versuchen, für die Zeit der Spiele den Menschen in den Vordergrund zu stellen.

Also gar keine Kritik an den Spielen?

Um all das, was es politisch oder auch finanziell an den Spielen zu kritisieren gäbe, mit einem legitimen Wert zu beurteilen, kenne ich mich tatsächlich zu wenig aus. Ich kann und möchte mir das daher nicht anmaßen. Aber natürlich ist das, was in Nordkorea beispielsweise passiert, einfach nur krass. Und es ist schlimm, dass wir über solche Grausamkeiten reden müssen, vor einem Event, was doch eigentlich Freude bringen soll. Außerdem bin ich wirklich überzeugt, auch wenn etwas blauäugig klingt, dass der Sport etwas bewegen kann. Im positiven Sinne natürlich. Und Pyeongchang heißt wörtlich übersetzt: Friede und Gedeihen. Das nehme ich so für mich an und fahre in diesem Sinne nach Korea.

Kennen Sie das Land und die Menschen eigentlich schon?

Im vergangenen Jahr haben wir mit dem Weltcup Station in Pyeonchang gemacht. Dabei haben wir ein paar Koreaner kennenlernen dürfen. Und ich muss sagen, sie sind sehr freundlich und waren uns gegenüber auch sehr offen und sehr interessiert.

Und wie war die Stimmung? Korea ist ja nicht gerade der Hotspot für Skispringer, anders als zuletzt die Weltcups in Zakopane und in Willingen …

… es waren schon ein paar Leute an der Schanze. Aber natürlich lässt sich das eben nicht mit Zakopane oder Willingen vergleichen. Das stimmt. Aber ich denke, dass die Stimmung gut wird. Aber uns ist auch klar: Die Koreaner sind viel mehr an den Eissportarten interessiert, dort sind ihre Athleten ja auch sehr erfolgreich.

Dann kommen wir mal zu Ihren sportlichen Ambitionen. Vor vier Jahren in Sotschi lief es mit den Plätzen 20 und 21 ja nicht so gut, für das Teamspringen wurden sie gar nicht nominiert. Haben Sie für sich noch eine Rechnung mit Olympia offen?

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Lässig.

(Foto: imago/Sven Simon)

Nein, das Thema ist für mich wirklich durch. Damals hatte ich natürlich ein lachendes und ein weinendes Auge. Wenn du nicht im Team dabei bist und die Jungs holen Gold, dann weißt du echt nicht, wie du dich fühlen sollst. Aber ich habe aus dieser Erfahrung und auch aus den Aufs und Abs der vergangenen Jahre eines gelernt: Du kannst im Skispringen nicht alles vorbereiten, kannst den Erfolg nicht planen. Manchmal läuft es einfach und manchmal nicht und oft kannst du dir das Warum gar nicht erklären.

Dieses Jahr klappt es bei Ihnen richtig gut und endlich auch mal konstant. Können Sie sich Ihr persönliches Warum diesmal erklären?

Wie gesagt, ich weiß mittlerweile, dass nicht alles planbar ist. Du kannst dich bestmöglich vorbereiten und dann gucken, dass es läuft. Das sorgt für eine gewisse Lockerheit. Die ist sicher nicht schädlich. Bei mir lief das Training vor der Saison sehr gut und auch der Einstand in die Saison war sehr okay. Das gibt dir Zuversicht und Selbstvertrauen.

Haben Sie im Training auch etwas verändert? Sie sind ja immerhin von Oberwiesenthal nach Oberstdorf umgezogen.

Nein, im Training habe ich nur sehr wenig verändert. Ich habe mich in Oberwiesenthal genauso gut betreut gefühlt.

Mit welchen Ambitionen fahren Sie denn nun zu den Spielen?

Es geht mir auf keinen Fall um eine Wiedergutmachung. Ich fahre nach Korea und kann eigentlich nur gewinnen. Wenn eine Medaille herausspringt, was angesichts der Form sicher möglich ist, dann ist es super. Aber wenn es nicht klappt, dann werde ich auf jeden Fall jede Menge schöne Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Ein Konkurrent im Kampf um Medaillen könnte ja Simon Ammann werden. Nach seinen Doppel-Olympiasiegen 2002 und 2010 wäre er ja eigentlich wieder dran.

(lacht laut) Ja, der Simon, der ist echt unglaublich. Was der geleistet und erlebt hat, das ist echt gigantisch. Und er ist auch einfach ein unglaublich freundlicher Gutmensch. Zu seinen Chancen: Simon ist auf jeden Fall heiß. Das merkst du ihm schon an. Ich bin sehr gespannt.

Im Gegensatz zum Weltcup müssen Sie bei den Spielen auch wieder auf die Kleinschanze. Ist das besonders schwierig?

Es ist schon eine Umstellung, ja. Aber wir haben zwei Trainings, die werden wir auch beide mitnehmen. Du musst dein System natürlich anpassen Das ist aber nicht übertrieben schwierig. Aber es gibt definitiv Systeme, die auf einer kleinen Schanze besser funktionieren als andere und umgekehrt dann auch auf der großen Schanze.

Im Wettkampf werden Ihnen auch russische Sportler begegnen. Wegen des Dopingskandals gibt es eine sehr polarisierende Diskussion über deren Startrecht. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde, dass es in diesem Fall nur eine Entscheidung geben darf: Alle Sportler, die sich dem internationalen Kontrollsystem unterzogen haben und sauber sind, müssen starten dürfen. Ich weiß, dass es auch andere Meinungen dazu gibt, für mich ist die Entscheidung aber klar.

Hat sich durch das nachgewiesene Staatsdoping denn etwa im Umgang mit den russischen Sportlern verändert?

Nein, aber wir hatten im Skispringen ja auch keinen Fall eines Ausschlusses. Das Verhältnis hat sich nicht verändert. Wie reden nach wie vor ganz normal miteinander. Und ich finde auch, dass das eine Frage des Respekts ist: Wenn ich jemandem etwas unterstelle, dann verliere ich den Respekt vor ihm - und ein wenig auch vor mir selbst.

Mit Richard Freitag sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de

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