Olympia

Opa tot, eingefädelt, Gold wegDer traurigste Athlet dieser Olympischen Winterspiele

17.02.2026, 09:59 Uhr Bild-AnjaVon Anja Rau
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Für Atle Lie McGrath könnten diese Olympischen Winterspiele nicht schrecklicher verlaufen. Er führt im Slalom nach dem ersten Durchgang, fädelt ein, scheidet aus - und will danach nur allein sein. Hinter seiner Trauer steckt mehr als nur die sportliche Enttäuschung.

Er ließ sich schlaff fallen, lag da im Schnee, neben der Piste. Vom Wald nur durch einen Zaun getrennt. Mit seinem weißen Rennanzug verschmolz er beinahe in seiner Umgebung. Nur noch ein Häufchen Elend war Atle Lie McGrath in diesem Moment. Am liebsten wollte sich der Norweger unsichtbar machen.

"Ich war von meinen Emotionen überwältigt", so der 25-Jährige. "Ich musste einfach weg von allem. Ich dachte, ich würde etwas Ruhe finden - was nicht der Fall war, weil Fotografen und Polizei mich im Wald gefunden haben."

Gerade hatte er die Chance auf Gold im Slalom bei den Olympischen Winterspielen vergeben. Als Führender nach dem ersten Durchgang stand er als Letzter oben im Starthaus. Der Norweger hatte alles in der eigenen Hand. Er warf die Möglichkeit weg. Nicht nur auf Gold, sondern überhaupt auf eine Medaille oder auch nur irgendeine Platzierung. McGrath fädelte an einer Stange ein, schied aus - und wollte nur noch weg. "Ich brauchte einfach etwas Zeit für mich."

Und so warf er seine Skistöcke weg und stapfte los. Mit den unbequemen Skischuhen in den Tiefschnee, in Richtung Wald. Ein Bild der Trauer, ein armer Tropf, völlig gebrochen. Der traurigste Athlet dieser Spiele. Doch es steckt mehr hinter der herzzerreißenden Szene. Es ist nicht nur der geplatzte Olympia-Traum, der McGrath ins Tal der Tränen oder eben fast in den Wald schickt.

Opa stirbt in der Nacht der Eröffnungsfeier

In der Nacht der Eröffnungszeremonie war sein Großvater Svein Lie gestorben. Der 83-Jährige hatte an Demenz gelitten. Atle Lie McGrath hatte eine enge Verbindung zu ihm. Der Slalom-Spezialist wurde im US-amerikanischen Vermont geboren, zog aber im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Norwegen. Sein Vater Felix fuhr für das US-Skiteam, seine Mutter Selma Lie ist Norwegerin und war Langläuferin, wie deren Vater auch. Der Tod des geliebten Großvaters war ein schwerer Schlag. "Ich habe jemanden verloren, den ich so sehr liebe, und das macht es wirklich schwer."

Bei der Team-Kombination fuhr McGrath ihm zu Ehren mit einer schwarzen Armbinde, gemeinsam mit Abfahrer Adrian Smiseth Sejersted reichte es nur zu Platz zwölf. Im Riesenslalom fuhr McGrath auf Rang fünf - und schrieb danach auf Instagram vom "bei Weitem härtesten Rennen meines Lebens, und vielleicht jenem, auf das ich am meisten stolz bin."

Seine große Stunde sollte erst noch kommen, schließlich ist er der Führende im Slalom-Weltcup in dieser Saison und Dritter im Gesamtweltcup. Der Slalom, er sollte seiner werden. Und die Startreihenfolge hatte es gut mit dem Norweger gemeint. Früh durfte er ins Rennen starten, als es im ersten Lauf noch deutlich bessere Bedingungen gab. Zunehmend schwierige Sichtverhältnisse und Schneefall machten es den Athleten mit den höheren Startnummern schwieriger. Viele schieden aus oder sahen die Zeit verrinnen, ohne zu wissen, wo der Fehler gelegen haben sollte. 0,59 Sekunden Vorsprung hatte sich McGrath erarbeitet. Ein satter Vorsprung, mit dem er dann also als Letzter oben im Starthaus stand.

Er stapft, er stolpert - immer verfolgt von Kameras

Als er die Startschranke öffnete, sich losschwang auf den Parcours, trennten ihn im besten Fall etwas mehr als 56 Sekunden von Gold. Jeweils 56,88 Sekunden hatten der Schweizer Loic Meillard und Fabio Gstrein aus Österreich benötigt für den zweiten Durchgang. Die Richtzeit für McGrath. Plus eben die 0,59 Sekunden Vorsprung. Sie hätten ein beruhigendes Polster sein können. Hätte der 25-Jährige den Lauf ins Ziel gebracht. In der Mehrzahl hatten die Führenden nach dem ersten Durchgang bei Olympischen Winterspielen schließlich auch Gold gewonnen, sagte ARD-Kommentator Bernd Schmelzer bei McGraths Start. Experte Felix Neureuther hatte schon nach wenigen Sekunden Bammel, der Norweger fuhr nicht perfekt, keine runden, eleganten Schwünge, zu hakelig, zu weit von den Stangen entfernt. Und nach nur 15 Sekunden der nach so wenig aussehende Patzer: Mit einem Ski fuhr er über die blaue Stange, nicht mit beiden Skiern um sie herum. Eingefädelt. Aus.

"Normalerweise bin ich jemand, der Dinge gut einordnen kann. Wenn ich in einem Rennen nicht gut fahre, kann ich mir zumindest sagen, dass ich gesund bin, dass meine Familie gesund ist und die Menschen, die ich liebe, da sind." Diesmal aber nicht. Zu viel war passiert. Zu sehr schossen die Emotionen durch seinen Körper. "Es ist nicht der schlimmste Moment meines Lebens, aber es ist der schlimmste Moment meiner Karriere - und mit allem, was gerade passiert ist, einer der härtesten Momente meines Lebens."

"Es ist mental fast unerträglich"

Und so warf er die Skistöcke weg, fasste sich mit den Händen an den Kopf, schnallte die Skier ab und stapfte davon. Die Kameras immer auf ihn gerichtet, die wirkliche Einsamkeit war ihm nicht vergönnt. Es war wie in der "Truman Show", dieser dystopischen Überwachungskomödie aus den späten 1990er-Jahren. Die Kameras hielten drauf, keine Privatsphäre, volle Transparenz. Sie nahmen auf, wie McGrath mit seinen klobigen Skischuhen stolperte, wie er sich aufrappelte und weiterstapfte. Bis er sich am Zaun am Waldrand in den Schnee fallen ließ.

"Ich musste so viel Schwieriges durchstehen und wirklich stark bleiben. Das macht es noch einmal besonders hart", sagte McGrath später, als er aus dem Wald zurückgekehrt war. "Es waren ein paar harte Tage außerhalb des Sports und dann habe ich den härtesten Tag meines Lebens im Sport."

Er kündigte an, sich Hilfe holen zu wollen. "Von Menschen, die ich liebe, und Menschen, die sich vielleicht damit auskennen. Es ist mental fast unerträglich, damit allein fertig werden zu müssen. Ich bin sehr froh, dass ich hier Familie habe. Es war hart." Sein Plan für die kommenden Tage steht: "Ich habe meine Zeit im Wald verbracht, jetzt werde ich Zeit mit den Menschen verbringen, die ich liebe - und das ist alles, was ich brauche."

Quelle: ntv.de

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