Warum macht sie das?Der zerstörerische Gold-Wahn der Lindsey Vonn

Lindsey Vonn hat die volle Aufmerksamkeit. Schwer am Knie verletzt, will sie bei der olympischen Abfahrt starten. Sie will sich zum zweiten Mal Gold holen. Das klingt heldenhaft, ist aber völlig verrückt.
Am Sonntag wird nur über Lindsey Vonn gesprochen. Dafür hat Lindsey Vonn am heutigen Dienstag gesorgt. Am Sonntag (11.30 Uhr) findet die olympische Abfahrt statt. Und wegen der amerikanischen Ski-Queen war sie ohnehin schon als Highlight der Winterspiele gelabelt. Mit diesem Dienstag aber erreicht das Rennen auf der absoluten Lieblingsstrecke der 41-Jährigen eine völlig neue Dimension. Vonn kämpft auf der Olimpia delle Tofane, auf der sie bereits zwölf Mal (!) triumphiert hat, einen hollywoodesken Kampf. Ein Happy End scheint möglich, weil Vonn eben Vonn ist. Aber es kann auch zum ganz großen Drama kommen. Mit fatalen Folgen.
Vonn verkündet fünf Tage vor dem Rennen, dass sie sich einen Kreuzbandriss am linken Knie zugezogen hat. Normale Menschen können mit solch einer Verletzung kaum laufen. Vonn will sich der härtesten Challenge im Skisport stellen. Sie will mit deutlich über 100 Stundenkilometern einen Hexenritt über 90 Sekunden nach unten zaubern. Dabei muss sie springen und Schläge auf der Piste aushalten und aberwitzige Kräfte einsetzen, um im Vollspeed auf Linie zu bleiben. Am Ende soll Gold stehen. Das tatsächlich erst zweite Mal bei Olympischen Spielen nach 2010. In Vancouver triumphierte sie schon einmal in der Abfahrt.
Sie kennt schwere Verletzungen
Das Vorhaben ist völlig verrückt, leichtsinnig, irre. Für ihren Kampf gegen alle Widerstände - und die waren gigantisch - geht Vonn All-in mit ihrem Körper. Was dieses Rennen, ein möglicher erneuter Sturz, für Folgen haben kann? Nicht abzusehen. Es geht ja nicht nur um das Knie, ihr Meniskus sei eh schon nicht in bester Verfassung, sagte sie. Wenn das Gelenk versagt, fliegt sie womöglich wieder in den Fangzaun - wie beim Kreuzband-Sturz in Crans-Montana am vergangenen Freitag.
Da kann schnell mehr passieren. Große Sportler haben das in den vergangenen Jahren erfahren. Cyprien Sarrazin, der heute kaum noch schmerzfrei auf einem Stuhl sitzen kann. Oder Aleksander Aamodt Kilde, der sich vor zwei Jahren schwer verletzte und - ausgerechnet am heutigen Dienstag - mitteilte, dass er es nicht mehr zu Olympia schaffen wird. Weil Körper und Geist nicht so funktionierten, wie er es bräuchte. Vonn kennt diese Schicksale. Und sie kennt schwere Verletzungen.
"Ich habe keine Schmerzen", erklärte Vonn nun. Nach dem Sturz in der Schweiz habe sie "ein schlechtes Gefühl" gehabt, "aber ich habe die Hoffnung hochgehalten, ich habe nicht geweint". Am heutigen Dienstag sei sie "Ski gefahren, das Knie ist nicht geschwollen. Ich fühle mich besser als 2019 bei der WM, und da hatte ich keinen Kreuzbandriss." Ob sie nach dem Rennen in der Königinnen-Disziplin noch weitere Rennen bei Olympia bestreiten wird, ließ sie offen: "Ziel ist die Abfahrt. Ich muss erst abwarten, wie es sich anfühlt. Ich muss erst 85 Meilen die Stunde fahren, dann kann ich es sagen."
Sensationsgeschichte oder ultimatives Drama
Umso absurder mutet an, dass es sich und der Welt auf Biegen und Brechen noch einmal beweisen will. Sie hat schon 84 Siege im Weltcup geholt, zweimal bei Weltmeisterschaften triumphiert. Aber all das reicht ihr offenbar nicht. Sie will die ultimative Krönung. Dafür war sie im vergangenen Winter nach fünfeinhalb Jahren und mit einer Teilprothese im anderen Knie zurückkehrt. Sie hat ihr Training umgestellt, extra für Olympia an Gewicht zugelegt. Dass ihr Traum nun zu zerplatzen droht, ein Drama. Natürlich. Aber ist es die Gesundheit wert?
Vermutlich sieht Vonn das auch. "Das ist natürlich nicht das, worauf ich gehofft hatte", sagte sie. Aber was sollte sie anderes tun, als "meine Frau stehen, Hoffnung haben und der Welt beweisen, dass Amerika viel mehr ist" als die schlechten Nachrichten aus ihrer Heimat, die gerade die Welt erschütterten.
Vonn entscheidet sich, Stand jetzt, dafür. Sie riskiert ihr künftiges Wohlergehen, um Gold zu holen. Sie entwertet damit aber auch das Abfahrtsrennen ihrer Konkurrentinnen in Cortina. Da sind die deutschen Hoffnungsträgerinnen um Emma Aicher oder Kira Weidle-Winkelmann. Oder die Lokalmatadorinnen Sofia Goggia oder Weltmeisterin Federica Brignone, die sich nach einem Kreuzbandriss sowie Schien- und Wadenbeinbruch gerade noch rechtzeitig zurückgekämpft hat.
Denn ganz egal, wer gewinnt, alle werden nur über Lindsey Vonn reden. Es winkt die spektakulärste Skigeschichte, die der alpine Rennsport vielleicht je gesehen hat. Und ein unbeschreibliches Drama. Beides wäre typisch für Lindsey Vonn.