Olympia

Nach Kanadas Olympia-EklatDeutschland und Schweden stellen Curling-Ehre wieder her

16.02.2026, 19:32 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
Milano-Cortina-2026-Olympics-Curling-Men-s-Round-Robin-Session-8-Sweden-vs-Germany-Cortina-Curling-Olympic-Stadium-Cortina-d-Ampezzo-Italy-February-16-2026
Shakehands, so soll's sein! (Foto: REUTERS)

Deutschlands Curler bleiben im Rennen um den Einzug ins olympische Halbfinale. Nach zwei Niederlagen melden sie sich mit einem Erfolg gegen Titelverteidiger Schweden zurück. Nun sind sie doppelt gefordert.

Im letzten End kommt es plötzlich zu einer turbulenten Szene. Deutschlands Wischer Johannes Scheuerl begleitet den vorletzten Stein seines Teams, dabei bleibt er gleich an zwei schwedischen Steinen hängen und stürzt fast noch. Sofort zeigt die deutsche Auswahl Timeout an. Mit 6:3 führt die Crew um Skip Marc Muskatewitz in diesem Duell der Round Robin. Für Deutschland ist es eine richtungsweisende Partie: Mit einem Sieg verbessern sich die Chancen auf das Erreichen des Halbfinals bei den Olympischen Winterspielen deutlich. Bei einer Niederlage wäre der Traum von einer möglichen Medaille früh ausgeträumt gewesen.

Deutschland und Schweden sprechen sofort miteinander, klären die Dinge lächelnd untereinander. Schnell findet sich eine Lösung. Die Position der leicht verschobenen Steine wird sofort korrigiert. "Ich bin ein bisschen hängen geblieben", erklärt Scheuerl nach der Partie. Dann sagt er etwas, das eigentlich der Spirit des Sports ist, aber in den zurückliegenden olympischen Tagen bisweilen arg doll vergessen wurde: "Curling ist ein Gentlemen-Sport." Dieses eigentliche Grundgesetz der traditionellen Disziplin war zuletzt außer Kraft gesetzt worden. Die Schweden hatten Schummelvorwürfe gegen den Kanadier Marc Kennedy erhoben, weil er den Stein angeblich zweimal berührt hatte. Videos des Vorfalls legen das Vergehen nahe.

Was folgte, war eine Schlammschlacht, die dieser Gentlemen-Sport so nicht kannte. Auf dem Eis wurde gezofft, der Streit schaffte es erst in die Mixed-Zone und dann sogar in die internationale Presse. Nicht schön für die Protagonisten, aber es ist natürlich ein gewaltiger Aufmerksamkeits-Boost für den Sport. Schließlich tritt das Curling nur mithilfe des strahlenden olympischen Lichts alle vier Jahre aus dem Schatten der Unsichtbarkeit. Der "Fuck-off-Disput", das "Zwei-Finger-Gate" schlug hohe Wellen und schwappte bis in die großen Nachrichten. Der Vorfall hatte auch sportliche Folgen: Die kanadischen Frauen bekamen in ihrem Spiel einen Stein aberkannt, ebenfalls wegen einer Doppelberührung. Sie sahen sich als Opfer des großen Streits zuvor.

Ein Wutkommentar in der Fachpresse

Und die Wellen ebbten nicht mehr ab. Der wütende kanadische Ex-Curler Michael Fournier veröffentlichte auf dem Fachportal "thecurlingnews.com" einen Beitrag mit der Überschrift: "Schwedische Taktiken - ein schrecklicher Verstoß gegen den Geist des Curlings". Fournier bellte gegen das skandinavische Team. Das letzte Kapitel scheint noch nicht geschrieben. Am Montagmittag spielten die Schweden und die Kanadier auf zwei Bahnen direkt nebeneinander. Wahrnehmbare Zwischenfälle gab's nicht.

Im Gegenteil: Die Schweden spielten ganz im Gentleman-Geist des Sports. Sie hätten das kleine Malheur "super aufgenommen", fand Scheuerl. Zuvor hatte es in der Partie bereits eine kleine technische Panne gegeben. Das rote Licht am Stein ging nicht aus, das eigentlich einen Regelverstoß anzeigen soll, obwohl ihn Felix Messenzehl ordnungsgemäß losgelassen hatte. "Es war ein technischer Defekt", erklärte der 22-Jährige. Die Schweden hätten ihm direkt gesagt, er solle den Stein noch einmal spielen.

So geht Curling. Und nicht anders. Um weitere Eskalationen zu verhindern, hatte der Weltverband bereits angekündigt, künftig zwei Offizielle abzustellen, die die Steinabgaben der Curler stärker beobachten sollen. "Es ist unglücklich, dass Athletinnen und Athleten mitten während eines olympischen Wettbewerbs ihre Abgabe ändern müssen. Dieselbe Abgabe, an der sie seit acht oder zehn Jahren arbeiten", ärgerte sich der in den Fokus gerückte Kennedy. Kanadas Trainer Paul Webster sah den Bedarf im Regelwerk. Was er nicht verstehen kann, ist der Zeitpunkt. Man versuche jetzt, während Olympia, schnell etwas zu reparieren. "Ich halte das für den falschen Weg." In den ersten Partien seit der Anpassung kam es häufig zu Diskussionen und auch zu Sanktionen.

Am Dienstag geht's weiter

Die umstrittene Abgabe des Kanadiers ist bereits seit Längerem bekannt. Schon bei der Weltmeisterschaft sei das angesprochen worden, sagt Bundestrainer Uli Kapp. Nun, bei den Olympischen Spielen, kommt aber ein ganz anderer Druck auf den Kessel. Die Aufmerksamkeit ist größer, es geht um Medaillen im Rampenlicht, es sind mehr Kameras da. Dass Kennedy den "Double Touch" unbewusst macht, kann sich Kapp nicht vorstellen. "Die Bewegung macht er nicht einfach so", sagt er. Denn normalerweise sei das für die Offiziellen äußerst schwer zu sehen - und noch schwieriger zu ahnden.

Jetzt in Cortina sind da eben Tausende Kameras, die jede Bewegung mitschneiden. Dabei ist überhaupt umstritten, ob der "Double Touch" überhaupt etwas bringt. Also wenn man den Stein nach dem Loslassen am Griff noch einmal mit dem Finger anstupst. Nach Kapps Einschätzung kann man damit schon Einfluss auf das Sportgerät nehmen. Damit nochmal einen kleinen Push in die oder die andere Richtung geben. Seine Spieler dagegen sind sich dagegen unsicher.

Kommunikationsprobleme behoben

Sie wollen ohnehin lieber ihre eigene Erfolgsgeschichte weiterschreiben. Nach der Klatsche gegen die Briten am Sonntag ist der 7:3-Erfolg gegen die Schweden umso wertvoller. Aus der Niederlage konnten sie lernen, wie sie später in der Mixed-Zone verraten. Die Halle im Curling-verrückten Cortina sei zu laut gewesen, deshalb habe man Kommunikationsschwierigkeiten gehabt, erklärt Skip Muskatewitz. Künftig setzte man mehr auf Hände und Augen.

Generell war es aus deutscher Curling-Sicht ein perfekter Tag: Die Chinesen schlugen Italien mit 4:11 und die Briten verloren 6:7 gegen Norwegen. Am Dienstag muss die deutsche Auswahl erst gegen das sieglose Tschechien (9.05 Uhr) und abends gegen die bisher ungeschlagene Schweiz (19.05 Uhr) ran. Sie wollen ihre Geschichte fortschreiben, ihren olympischen Traum weiterträumen, ganz im Sinne des aus den Angeln gehobene "Gentleman Sports".

Quelle: ntv.de

ItalienOlympische Winterspiele 2026Wintersport