Olympia

"Magic Moment" zerlegt ItalienDeutschlands olympische Drama-Kings können's nicht lassen

14.02.2026, 02:00 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
Germany-s-Johannes-Scheuerl-Marc-Muskatewitz-and-Benjamin-Kapp-react-after-the-men-s-curling-round-robin-session-against-Italy-at-the-2026-Winter-Olympics-in-Cortina-d-Ampezzo-Italy-Friday-Feb-13-2026
Die deutschen Curler sind gut unterwegs bei den Olympischen Spielen. (Foto: AP)

Die deutschen Curling-Männer feiern bei den Olympischen Winterspielen im dritten Spiel den zweiten Sieg. Das Team um Skip Marc Muskatewitz bezwingt die zuvor noch ungeschlagenen Gastgeber aus Italien nach Extra-End.

Marc Muskatewitz hatte anderes im Sinn als seine drei Teamkollegen. Als Skip, als letzter Mann seiner Mannschaft, hat er das gute Recht, sich über die Mehrheitsmeinung hinwegzusetzen. In diesen Momenten ist Curling keine Demokratie. Muskatewitz hockte sich um kurz vor 22 Uhr tief aufs Eis, nahm sich nochmal zusammen und ließ den Stein mit ordentlich Tempo los. Das Ding musste jetzt sitzen. Noch ein weiterer Fehler an diesem turbulenten Abend und Deutschland hätte das Spiel der Round Robin (Anmerk. d. Red.: olympischen Vorrunde) gegen Italien noch aus der Hand gegeben.

Zehn Ends hatten sich Deutschland und Italien bereits um die Ohren gehauen. Beide Mannschaften hatten dabei herausragendes Curling gezeigt und immer wieder hanebüchene Fehler eingestreut. 5:5 stand es nun, als der letzte deutsche Stein, der Hammer, im Extra-End bereit lag. Dreimal hatten Muskatewitz und seine Jungs während der knapp drei Stunden Spielzeit zurückgelegen, sie hatten aber auch schon 5:4 geführt und wären trotzdem beinahe rausgeflogen. Italiens Skip Joel Retornaz ließ im zehnten End mit dem vorletzten Schuss die gigantische Chance auf den Sieg liegen. Statt zwei wahrscheinlichen Punkten und dem Sieg gab's nur einen. Ausgleich. Benjamin Kapp, der dritte Mann im deutschen Team, traute seinen Augen nicht.

Trillerpfeifen stören die Spieler

Aber was war an diesem Abend schon wahrscheinlich? In den unmöglichsten Momenten hagelte es die dicksten Klopper. Und die emotionalen Italiener hatten damit augenscheinlich mehr zu kämpfen als die Deutschen. Nun also der letzte Stein. Muskatewitz lässt ihn mit viel Dampf von der Hand gleiten. Felix Messenzehl wischt sich um den Verstand, der Stein prallt gegen einen eigenen, nutzt diesen als Bande, um Italien aus dem Zentrum zu drücken. Deutschland liegt besser. Das Quartett reißt laut schreiend die Arme vor Glück und Erleichterung hoch. Das war's, Muskatewitz' "magic moment" raubt Italien diesen emotionalen Sieg. Das Team um Retornaz verliert zum ersten Mal im Turnier.

Deutschlands Curler bleiben derweil die großen Drama-Kings im Olympia-Team. Drei Spiele sind gespielt, dreimal ging's ins Extra-End, dreimal waren sie die Letzten in der Halle. Gegen Kanada gab's eine knappe Niederlage, gegen Norwegen einen spektakulären Sieg. Und nun eben der nächste Showdown. "Wenn wir schonmal da sind, dann nehmen wir auch alles mit", sagte Messenzehl.

Mitgenommen hatten sie auch in diesem Spiel alles. Bis zum sechsten End war das Duell in der stimmungsvollen, aber überraschend nicht ausverkauften Arena in der Reihe. Ein großer Fan-Club aus Deutschland war schon wieder abgereist. Das Team ließ sich davon und von der italienischen Fan-Dominanz nicht beeindrucken und hatte zwei End-Rückstände aufgeholt, doch dann ging's so richtig los: Muskatewitz spielte seinen letzten Stein nicht präzise genug und legte Italien damit die Chance auf zwei Punkte hin. Retornaz erledigte die Sache souverän. Die italienischen Fans sangen wahlweise den Italo-Klassiker "sarà perché ti amo" oder brüllten "un capitano". Retornaz ist ein erfahrener Kerl, er hatte einst schon gegen Bundestrainer Uli Kapp gespielt.

Manchmal nahmen die Fans auch Trillerpfeifen in die Mund. Das nervte die Deutschen, aber auch das eigene, italienische Team. "Da merkt man, dass das keine Curling-Fans sind", befand Muskatewitz. "Das Geräusch ging schon in den Kopf". Bei einem mentalen Hochpräzisionssport ist das ein unangenehmer Gegner. Der Skip wollte nach dem höchst emotionalen Spiel erstmal noch "ne Weile spazierengehen". Die Herausforderung war groß gewesen. Deutschland wollte Italien unbedingt schlagen. "Vielleicht wollten wir es ein bisschen zu sehr", sagte Muksatewitz und beobachtete, dass seinem Team und ihm die Lockerkeit etwas abging.

Im achten End passieren die wildesten Dinge

Dann das achte End. Und noch mehr Drama. Mit dem fünften Stein leistete sich der manchmal vogelwild spielende Amos Mosaner einen dicken Fehler und auch seinen zweiten Stein versemmelte er komplett. Er blieb an einem Schutzstein der Deutschen hängen. Mosaner, ein Curling-Vulkan, zog seinen Wischer wütend übers Eis. Er wusste, er holt seinen Gegner mit dem Doppelbock zurück ins Spiel. Im Duell der Skipper behielt Muskatewitz mit einem perfekten Abschlussstein die Nerven, anders als Retornaz, der wieder patzte. Deutschland holte drei Punkte in diesem End. Es war eine wahnsinnige mentale Leistung, die dem jungen Team da gelang. "Es geht nicht immer nur perfekt. Ich stolz darauf, wie die Jungs den Kampf angenommen und diese Nackenschläge weggesteckt haben. Man kann da auch vom Kopf mal abschenken", lobte Bundestrainer Kapp.

Erstmals seit Sotschi 2014 ist wieder ein deutsches Curling-Team bei den Spielen dabei. Das ausgerufene Ziel der Auswahl des kanadischen Trainers Ryan Sherrard sind die Top vier. Weiter geht es am Samstagmittag (14.05 Uhr) gegen die USA, die nach drei Spielen erst einen Sieg (8:7 gegen Tschechien) auf dem Konto haben.

Quelle: ntv.de

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