Olympia

Das große Ziel der Handballer Die ewige Gold-Mission geht zu Ende

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In Tokio sind sie schon, nun wollen die deutschen Handballer die Medaille.

(Foto: picture alliance / Marco Wolf)

Wenn Olympia für die deutschen Handballer startet, geht eine Mission zu Ende, die gefühlt ewig währte. Und über hohe Gipfel und durch tiefe Täler führte. Einem Ziel entgegen, das umstritten war. Egal, wie es nun endet: Es wird langweiliger im deutschen Handball.

Der Olympische Sport funktioniert in Olympischen Zirkeln von vier Jahren, in Zeiten von Pandemien gehen sie auch mal fünf Jahre. So lange arbeiten viele Sportler auf das Großereignis hin. Ein Erfolg bei Olympia ist das Sehnsuchtsziel, gerade für diejenigen Sportler, die im Schatten der Milliarden-Show Fußball stehen. Also für nahezu alle. Auch für die Handballer. Die aber, zumindest die deutschen, arbeiten seit jetzt acht Jahren an Olympia-Gold in Tokio. Es ist ein gewaltiger Anlauf.

2013 überraschte Bob Hanning die Handball-Welt mit der Kampfansage: "Unser Ziel ist Gold bei Olympia 2020 in Tokio", verkündete der Handball-Funktionär da, gerade frisch zum Vize-Präsidenten des Deutschen Handball-Bundes gewählt. Die Ansage verwunderte, weil der Handball sich, gerade im Vergleich zum traditionell breitbeinig vermarkteten Fußball, traditionell eher zurückhaltend verkauft, zumal damals. Nach dem berauschenden Taumel bei der Heim-WM 2007, der mit dem Weltmeistertitel endete, war der große Effekt verpufft, es war dem Verband nicht gelungen, den Erfolg nachhaltig abzusichern.

Der forsche Auftritt des Esseners sorgte für Verwunderung - und bis heute arbeiten sich ehemalige und aktuelle Handball-Größen an diesem einen Satz ab. Er schwebt seit acht Jahren über jedem Auftritt der deutschen Nationalmannschaft, im Erfolg und im Misserfolg. Hanning verteidigt ihn mit Klauen und eisernem Willen gegen jeden Angriff. Zuletzt sogar gegen historisch schlechte Ergebnisse.

Der Weg führte immer weiter weg vom Gold

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Ein Mann mit klaren Ambitionen: Bob Hanning.

(Foto: imago images/Camera 4)

Hanning ist ein Handball-Fachmann, auch einer, der die (Selbst-)Inszenierung beherrscht. Die schrillen Outfits, mit denen der Funktionär zu Großereignissen reist, sind legendär wie umstritten. Natürlich tut und sagt Hanning Dinge, die polarisieren. Nicht wenige werden froh sein, wenn der 50-Jährige bald aus dem unmittelbaren Umfeld des Nationalteams verschwindet. Aber Hanning weiß eben auch, dass im Schatten des übermächtigen Fußballs nur wenigstens leidlich gedeihen kann, wer Spektakel, Heldengeschichten oder wenigstens Dramen zu verkaufen hat. Oder mindestens einen tiefen Fall. Also das Ziel, dem man seitdem hinterher arbeitet.

2016 war schon beinahe ein goldenes Jahr, Deutschland wurde im Januar völlig überraschend Europameister, gegen zahlreiche Widrigkeiten und als Außenseiter. Wenige Monate später holte man Bronze in Rio. Die Goldmission, sie hätte sich beinahe auf dem Weg schon selbst überholt Aber auch im Erfolg beharrte Hanning darauf: "Das große Ziel heißt nach wie vor ganz klar Olympiagold 2020 in Tokio und nichts anderes. Das ist absolut realistisch." Und sie glaubten fest daran. "Eine rosige Zukunft", habe dieses Team, erklärte Rückraum-Shooter Julius Kühn nach dem souveränen 31:25 (17:13) im Bronzematch gegen Polen: "Es sind sehr viele junge Spieler dabei, wir können alle noch ein paar Jährchen miteinander spielen. Da kann man noch einiges erwarten." Das einst mutige Fernziel Olympiasieg, das wurde in Rio kurz deutlich, schien keineswegs weit weg. Oder wie Hanning sagte: "Die Zukunft gehört uns." Doch danach wurde es schwierig, die Schritte gingen den Weg wieder zurück, weg vom Gold.

Statt Medaillen gab es Tiefschläge, statt Jubel häuften sich die Enttäuschungen. "Wir! Sind! Wieder! Drin!", hatte Hanning nach dem viertel Platz bei der Heim-WM 2019 gejubelt. Er meinte die Weltspitze im Handball und ließ einen schönen Monolog darüber folgen: "Wir waren mal richtig drin, dann waren wir mal sehr schnell weg. Jetzt waren wir dran, ab heute sind wir wieder drin." Doch danach war man schnell wieder draußen. Nach dem fünften Platz bei der EM 2020 musste der unglückliche Bundestrainer Christian Prokop nach einem am Ende zur Farce degradierten öffentlichen Schulterschluss gehen, weil man ihm nicht mehr zutraute, den großen Verband nach fünf medaillenlosen Turnieren endlich mal wieder zu Edelmetall zu führen.

Mit Alfred Gislason übernahm einer der Größten der Welttrainerzunft das Ruder beim schlingernden Nationalteam. Es blieb: Das große Ziel, das medienwirksame Trara, an dem sich auch die Nicht-Fachpresse abarbeiten kann, wo Handball sonst höchstens randständig vorkommt. Alles fand sein retardierendes Moment, in der klassischen Dramentheorie die Phase vor der Auflösung, als sich das DHB-Team im April dieses Jahres für Olympia erstmal noch qualifizieren musste. "Wir haben das Ziel, Olympisches Gold zu holen", hatte Hanning im Januar während der Weltmeisterschaft gesagt, die die Mannschaft als Zwölfter abschloss. Gislason hatte in Ägypten mit einer arg gerupften Mannschaft wenig Wirkung erzielt - und schon gar keinen Optimismus in Richtung einer Olympischen Medaille befeuert.

"Man ist noch nicht mal qualifiziert ..."

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Gislason führte die DHB-Auswahl nach schwacher WM noch souverän zu Olympia.

(Foto: imago images/wolf-sportfoto)

"Man ist noch nicht mal qualifiziert und spricht schon wieder von Olympia-Gold", schimpfte 2007-Weltmeister Christian Schwarzer danach bei Sport1. "Warum müssen die Verantwortlichen immer vorpreschen und irgendwelche Ziele vorgeben?" Mit Vize-Weltmeister Schweden, den traditionell unangenehmen Slowenen und Außenseiter Algerien war die Qualifikation für die Spiele kein Selbstläufer. "Über Ziele kann man sich unterhalten, wenn man sich qualifiziert hat", sagte auch Hendrik Pekeler, Abwehrchef der Nationalmannschaft, dem "Mannheimer Morgen". Was in den drei Tagen von Berlin folgte, war eine kleine Wiederauferstehung des deutschen Handballs: Nahezu in Bestbesetzung trotzte man dem hoch gehandelten Vize-Weltmeister nach starker Leistung und mit viel Moral in letzter Sekunde ein 25:25 ab, gegen Slowenien lieferte die Truppe beim 36:27 eines der stärksten Länderspiele seit langer Zeit ab. Dazu ein 34:26-Pflichtsieg gegen Algerien, Ticket gebucht, go for Gold.

Nun ist "Tokio 2020" endlich da, pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung. Bundestrainer Alfred Gislason reiste mit 17 Spielern nach Japan, unter ihnen sind mit den Ersatzleuten Silvio Heinevetter und Tobias Reichmann nur zwei, die auch schon 2013, zum Start der Gold-Kampagne, Teil der Nationalmannschaft waren. Läuft alles glatt und verletzt sich im Laufe des Turniers kein Spieler, werden sie nur Nebenrollen spielen beim großen Finale der Mission Tokio-Gold. Regisseur Juri Knorr war damals 13, Rückraum-Shooter Sebastian Heymann 15, Kreisläufer Johannes Golla immerhin 16. Und alle noch weit davon entfernt, Handball-Nationalspieler zu sein.

Jetzt schultern sie gemeinsam den Rucksack, die Jungen und die Routiniers, aber "jeder kann sich mit dem Ziel identifizieren", versicherte Hanning gegenüber ntv.de. "Die Vorfreude auf die Aufgabe ist groß." Und gegenüber dem Sportinformationsdienst bekräftigte er unmittelbar vor dem ersten Turnierspiel gegen Spanien am Samstag: "Der Traum von Olympiagold lebt!" Die verkorkste WM dürfe man "nicht als Maßstab heranziehen. Das waren völlig andere Bedingungen, viele Spieler haben nicht gespielt, sodass wir nicht die nötige Stabilität hatten. Jetzt treten wir fast in Bestbesetzung an, mit Ausnahme von Fabian Wiede und Patrick Wiencek. Von daher glaube ich, dass wir eine starke deutsche Mannschaft bei Olympia sehen werden, für die eine Medaille absolut möglich ist." Kreisläufer und Abwehrtitan Wiencek und Rückraumspieler Wiede hatten ihren Verzicht auf die Spiele erklärt.

Knüppelharte Auslosung als Abkürzung?

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Pekeler (rechts) ist dabei, sein vermeintlich stärkster Partner Wiencek verzichtet.

(Foto: imago images/wolf-sportfoto)

Das fürs deutsche Spiel, dem die offensiven Ausnahmekönner fehlen, so eminent wichtige Abwehrbollwerk wird nun Pekeler organisieren - entweder mit dem Flensburger Johannes Golla oder Melsungens Finn Lemke an seiner Seite. Für Hanning ist Pekeler "der zentrale Spieler", der Kieler verkörpert in Abwehr und Angriff Weltklasse. Lemke, der bei der EM-Sensation 2016 mit gewaltiger Reichweite, gnadenloser Präsenz und vor allem durch die Verkörperung der unbedingten Unbesiegbarkeit den Schritt auf die Weltbühne schaffte, müsse erst noch wieder "in die Emotional Leadership reinwachsen". Egal, welche Kombination der Bundestrainer den gegnerischen Angriffen entgegenstellt: Mit der wackeligen WM-Abwehr hat sie nichts mehr zu tun, als Golla und der unerfahrene und schlussendlich auf höchstem Niveau noch überforderte Sebastian Firnhaber miteinander verteidigten.

Für Optimismus sorgt bei Hanning überraschend auch die knüppelharte Auslosung: Gegner in der Gruppenphase sind Europameister Spanien, Argentinien, Rekordweltmeister Frankreich, Norwegen mit Superstar Sander Sagosen und Brasilien. "Gleich im Wettbewerb" sei man so, "von Anfang an gefordert", sagte Hanning und vor allem: "All diese Gegner trifft man nicht schon im Viertelfinale wieder." Die vier besten Nationen jeder Gruppe qualifizieren sich für die K.o.-Runde. In der vermeintlich leichteren Gruppe A stehen mit Schweden und Rio-Weltmeister Dänemark nominell nur zwei der ganz großen Handball-Nationen.

"Ich hatte auf so eine starke Gruppe gehofft. Unser Weg zu einer Medaille ist so vielleicht einfacher", hatte Hanning die Auslosung im Mai kommentiert. Man sei aber "erstmal froh, dabei zu sein", sagte er ntv.de. Und ein Halbfinaleinzug sei auf jeden Fall ein Erfolg. Ungeachtet des großen Ziels, des Traums vom Gold. "Und ganz ehrlich, wer im Halbfinale ist, der will nicht Vierter werden." Bundestrainer Gislason gab das Halbfinale als vorderstes Ziel aus.

Olympia ist leichter als EM oder WM

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Steffen Weinhold macht die kurze Vorbereitung nichts aus.

(Foto: imago images/wolf-sportfoto)

Die Vorbereitungszeit war minimal: Eine Woche war man vor der Abreise im Trainingslager in Herzogenaurach vereint, weil die Bundesliga erst so spät beendet werden konnte. Andere große Nationen, wie Gruppengegner Frankreich, bereiten sich seit Wochen auf den Höhepunkt vor. "Das ist nicht viel", sagte Rückraumspieler Steffen Weinhold. Aber egal: "Wenn man mental Lust drauf hat, kann man mit dem Kopf einiges überspielen." Denn: "Man spürt die gleiche Vorfreude wie vor fünf Jahren. Alle sind heiß", sagte der Berliner Paul Drux, einer von zehn Bronzemedaillengewinnern von 2016 im Kader.

Und Pekeler, der noch im März das Gerede von einer Olympischen Medaille kritisiert hatte, kennt die Rechnung für den Erfolg: "Du musst bei Olympia in der Vorrundengruppe nur einen der ersten vier Plätze erreichen. Wenn du anschließend das Viertelfinale gewinnst, spielst du sofort um eine Medaille", sagte Hannings Schlüsselspieler der "Süddeutschen Zeitung". "Bei einer WM oder EM ist es deutlich schwieriger, unter die ersten Drei zu kommen, das haben wir alle im Hinterkopf." Die sportliche Wahrheit ist: "Für Olympia-Gold kommen eher andere Nationen infrage als wir", sagte Pekeler dem "Mannheimer Morgen" schon im März. Teams wie Weltmeister Dänemark, Spanien, Norwegen oder Frankreich seien besser besetzt als Deutschland. "Uns sehe ich dahinter, was nicht heißen soll, dass wir nicht auch eine Medaille gewinnen können.

Der sportliche Aufschwung beim deutschen Handball-Flaggschiff ist seitdem sicht- und spürbar: Und eben auch in Ergebnissen abprüfbar. Die Olympia-Quali schaffte man überzeugend, zuletzt gb es bei den letzten Stresstests vor dem großen Turnier Siege gegen WM-Viertelfinalist Ägypten (29:27) und Gruppengegner Brasilien (36:27).

Christian Prokop, der geschasste Bundestrainer, dem man nicht mehr zugetraut hatte, den Weg nach Tokio und durch das Turnier erfolgreich zu bestreiten, ist zuversichtlich: "Ich sehe die deutsche Mannschaft auf einem guten Weg", sagte er. Viele Spieler seien in "sehr guter Form, die Motivation kann höher nicht sein. Unter Druck müssen die Jungs Nervenstärke zeigen. Ich wünsche ihnen das notwendige Glück, damit sie sich ihren Traum von einer Medaille erfüllen können."

Wie auch immer es ausgeht: Die längste Gold-Mission des Team Deutschland geht in Tokio zu Ende. Danach wird man sich ein neues Ziel suchen müssen. Bob Hanning wird es nicht mehr formulieren: Der Funktionär mit der medialen Strahlkraft und dem Sendungsbewusstsein scheidet zum Ende des Jahres aus der Führung des Deutschen Handball-Bundes aus.

Quelle: ntv.de

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