Alysa Liu ist zurück bei OlympiaEiskunstlauf bringt sie in die Hölle - jetzt ist es ihr Himmel
Von Anja Rau
Mit gerade einmal 16 Jahren läuft Alysa Liu bei den Olympischen Winterspielen und gewinnt WM-Bronze. Doch dann der Knall: Die Eiskunstläuferin beendet ihre Karriere. Burnout, keinerlei Kontrolle übers eigene Leben. Nun ist die US-Amerikanerin zurück - und endlich glücklich.
Alysa Liu fällt auf. Die Haare in hell und dunkel gestreift wie der Schwanz eines Waschbären. Ihr "Halo", Heiligenschein, wie sie es nennt. Wenn sie lacht - und sie lacht viel - blitzt ihr Lippenbändchen-Piercing auf. "Jemand hat meinen Stil als 'alternativ' bezeichnet, und ich würde dem zustimmen", sagte die US-Amerikanerin kurz vor den Olympischen Winterspielen. Sie werde häufig für eine Snowboarderin gehalten - auf ihren tatsächlichen Sport kommt kaum jemand, der die 20-Jährige im Alltag sieht: Eiskunstlauf.
Der Sport, bei dem es so um Angepasstheit, um Perfektion und Disziplin geht. Liu wirkt wie eine Rebellin. Eine Unangepasste, die das System von innen heraus aufweicht. Und Fans wie Kampfrichter und Experten in den Bann zieht. Nach dem Kurzprogramm ist sie Dritte (76,59 Punkte), liegt nur wenige mehr als zwei Punkte hinter der führenden Japanerin Ami Nakai (78,71 Punkte) zurück. Am Abend steht die Kür auf dem Programm (19 Uhr, ARD, Eurosport und im ntv.de-Liveticker).
Dass Liu in Mailand aufs Eis geht, grenzt an ein Wunder. Schon 2022 war sie bei den Olympischen Winterspielen in Peking dabei, wurde Sechste. Wenige Wochen später gewann sie bei der WM Bronze - und schmiss danach hin. Karriereende, mit gerade einmal 16 Jahren. Burnout, von allem - Verzeihung - die Schnauze voll. "Mein einziges Ziel war es, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Ich bin erst 16. Ich möchte auch andere Dinge tun", erklärte sie gegenüber dem "San Francisco Chronicle".
Die Tochter als Erfolgs-Projekt
Es ist die sehr abgemilderte Version dessen, was Liu bewegte. Die Realität ist sehr viel krasser. Ein besessener Vater, immenser Druck, vollkommene Fremdsteuerung, gepresst in das Korsett, wie die vermeintlich perfekte Eiskunstlaufprinzessin auszusehen hat. Mit fünf Jahren startete das, was getrost als "Projekt Superstar" bezeichnet werden kann.
Lius Vater Arthur hatte Michelle Kwan, die zweimalige Olympiamedaillen-Gewinnerin (Silber 1998, Bronze 2002) gesehen, und hielt seine Tochter für geeignet. Also investierte der Solo-Vater, der alle seine fünf Kinder mit Leihmüttern gezeugt hatte, in seine älteste Tochter. Zwischen 500.000 und einer Million Dollar habe er im Laufe ihrer Karriere ausgegeben, resümierte er kürzlich selbst in der CBS-Show "60 Minutes". "Ich habe weder Geld noch Zeit gespart", sagte er. "Ich habe einfach ihr Talent erkannt."
Professionelle Trainer, Schule von zu Hause, damit mehr Zeit fürs Training da ist. Schnell stellen sich immense Erfolge ein. Liu begeistert die Experten. Schon im Alter von zwölf Jahren landet sie den Triple-Axel, ein Jahr später, 2019, wird sie mit 13 Jahren erstmals US-Meisterin, die jüngste jemals. Sie ist voll drin im Korsett. "Ich habe Eiskunstlaufen damals nicht genossen. Ich habe nur gemacht, was man von mir wollte", sagte sie rückblickend NBC.
"Ich habe die Highschool mit 15 abgeschlossen, weil alle wollten, dass ich ein Jahr vor den Olympischen Spielen meinen Abschluss mache, damit ich mich ein Jahr lang ganz auf das Training konzentrieren konnte." Für ihre Erfolge zahlt es sich aus, sie wird auch 2020 US-Meisterin, dann kommt Corona, die Spiele finden weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit in China statt. In dem Land, aus dem ihr Vater mit 25 Jahren nach den Tian'anmen-Massaker als politischer Flüchtling ausgewandert war. Berichten zufolge versuchte die chinesische Regierung vor Olympia, ihre Familie einzuschüchtern. Ihr Vater beschloss, sie solle dennoch antreten, die US-Regierung hatte ihr besonderen Schutz zugesichert.
Alle kontrollieren sie wie besessen
Ganz schön viel Ballast für eine 16-Jährige. Eine Jugendliche, die nicht glücklich ist mit ihrem Leben: "Ich lebte im Olympic Training Center in Colorado, allein in einem Wohnheim. Ich aß dort. Ich ging zur Eishalle, lief Schlittschuh, aß dort zu Mittag und lief noch mehr Schlittschuh. Dann ging ich zurück ins Wohnheim. Ich ging nirgendwo hin. Ich sah nichts. Ich war einfach nur da", sagte sie der Associated Press. "Und deshalb dachte ich mir: 'Eislaufen lohnt sich nicht. Das ist es einfach nicht wert.'"
Und noch schlimmer, der Zwang machte sie auch gesundheitlich kaputt. Die Besessenheit, mit der andere über sie bestimmen, alles kontrollieren. "Seit meiner Kindheit wurde mir immer gesagt: 'Iss das nicht'", erinnerte sie sich gegenüber der "Elle". "Man darf nicht einmal Wasser trinken, wegen des Wassergewichts. Stellen Sie sich vor, man sagt einer 13-Jährigen, dass sie wegen des Wassergewichts kein Wasser trinken darf!"
Irgendwann gab es nur noch einen Gedanken: "Dieser Sport ist ekelhaft und ich will nichts damit zu tun haben." Liu brach aus. Schmiss hin. Sagte sich los vom Korsett des Eiskunstlaufens, das ihr noch nie so richtig gepasst hat. Zum ersten Mal lebt sie, so, wie sie es will. Sie tat "alles, was ich nur konnte", so beschreibt sie es. Zum ersten Mal hatte sie Zeit für Urlaub, sie machte ihren Führerschein, sie traf Freunde, ging auf Konzerte, ging - es ist so banal - einkaufen und holte ihre Geschwister aus der Schule ab. Sie schrieb sich an der Universität von Kalifornien ein, um Psychologie zu studieren. Die Normalität heilte sie nach und nach.
Neustart nach Lius Regeln
Auf Sport hatte sie lange keine Lust: zu negativ behaftet. Dann stieg sie auf zum Basislager des Mount Everest und im Januar 2024 probierte sie zum ersten Mal Skifahren aus. Es war ihr nie erlaubt, viel zu gefährlich für ihre Karriere. Liu merkte, wie sehr sie Sport doch eigentlich vermisst hatte. Und stellte sich tatsächlich wieder mit den Kufen aufs Eis. Es machte ihr plötzlich Spaß. Das, was jahrelang ihr Leben bestimmt hatte, war plötzlich bedeutungsvoll und völlig freiwillig.
Liu hat so viel Spaß, dass sie ihre alten Trainer, Phillip DiGuglielmo und Massimo Scali, kontaktierte. Sie wollte es noch einmal probieren - zu ihren Bedingungen. "Ich wollte meine eigene Musik auswählen und meine Kostüme mitgestalten, weil ich meinen eigenen Geschmack und meinen eigenen Stil entwickelt habe", erzählte sie "The Player's Tribune". "Das ist mein Sport, mein Programm. Warum sollte ich nicht tragen dürfen, was ich tragen möchte?" Und auch ihr Vater bekam eine klare Ansage: "Er ist ein großartiger Vater. Ich wollte nur nicht, dass er sich so sehr engagiert wie zuvor."
Alles ist anders als bei ihrem Hinschmeißen, als sie einfach nicht mehr konnte und wollte. Liu macht, was sie für richtig hält - und es erfüllt sie mit Glück. Ihre Trainer sind noch genauso fasziniert von ihr wie damals. Und dann geschieht das völlig Unwirkliche: Liu wird 2025 Weltmeisterin, ein knappes Jahr nach ihrem Comeback. Für die USA war es das erste WM-Gold bei den Frauen seit 2006 durch Kimmie Meissner. "Das ist eine verrückte Geschichte", sagte sie bei NBC: "Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, zurückzukommen und Weltmeisterin zu werden. Daran hätte ich niemals gedacht."
Trauma verdrängt ersten Abschnitt ihrer Karriere
In ihrem Kurzprogramm hat Liu ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Sie läuft zu dem Song "Promise" der isländischen Sängerin Laufey, in der eine Person vergeblich versucht, sich von einer alten Beziehung zu distanzieren, so wie es Liu mit dem Eiskunstlauf getan hat.
Sie hat es geschafft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Fragt man Liu heute nach damals, ist die Antwort schockierend. Sie hat keine Erinnerung mehr an ihre Gefühle von damals, es ist alles aus ihrem Gedächtnis gelöscht: "Es ist, als ob ich einer anderen Person zuschauen würde", es ist ein "Trauma, zu 100 Prozent, ich habe es einfach verdrängt".
Stattdessen bewegt sie das neue, das positive Gefühl, das sie nun auf dem Eis hat. Wettkampfergebnisse seien ihr nicht mehr wirklich wichtig. "Ich laufe jetzt, um zu zeigen, was ich leisten kann und was ich zu bieten habe", sagt sie. "Ich möchte einfach nur meine Kunst zeigen." Sie liebt das Spiel mit Mode und Ausdruck. Sie kann noch immer springen wie eine junge Göttin. Und Druck will sie nicht mehr zulassen. Das zeigte sich schon im Team-Wettbewerb. Liu wäre fast zu spät gekommen, sie stand mit dem Bus in dem Stau, den ausgerechnet US-Vizepräsident JD Vance mit seiner Wagenkolonne verursacht hatte. Liu kam nur Minuten vor Beginn der Show an - und lieferte ab. Am Ende gab es für das Team USA Gold.
"Wunderschön, sie so glücklich zu sehen"
Eine weitere Medaille könnte nun im Einzel folgen. Es wäre die erste für die USA seit 2006, als Sasha Cohen in Turin Silber gewann. Im Kurzprogramm verzauberte sie ihren Trainer: "Ich fand sie großartig", sagte Scali. "Sie war ruhig, konzentriert und voll bei der Sache. Und ich glaube, dass sie diese Erfahrung zu 100 Prozent genießt, jede Minute auf dem Eis und außerhalb davon. Es ist wunderschön, sie so glücklich zu sehen."
Und nun also doch Medaillendruck? "Ob ich sie schlage oder nicht, ist nicht mein Ziel", sagte Liu. "Mein Ziel ist es einfach, meine Programme zu absolvieren und meine Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dafür muss ich nicht besser oder schlechter sein als andere. … Ich brauche keine Medaille." Etwas anderes treibt sie nach der schrecklichen Zeit an: "Ich weigere mich, mein Schicksal nicht selbst zu bestimmen."