Fürchterliche VorgeschichteFassungslose Federica Brignone erlebt Olympia-"Wunder"

Das italienische Ski-Team hat sein olympisches Märchen: Federica Brignone rast im Super-G zu Gold. Dabei war sie noch Mitte Januar nicht sicher, ob sie bei ihren Heimspielen überhaupt starten würde.
Um 13.14 Uhr donnerte eine Fliegerstaffel der italienischen Luftwaffe über die "Olimpia delle Tofana" und malte die Farben Italiens in den Himmel. Plötzlich herrschte große Aufregung im Pressezelt, ein Fotograf nach dem nächsten schulterte seine Kamera und wollte diesen beeindruckenden Moment am Himmel über dem olympischen Schicksalsberg festhalten. Es war ein Ehrenflug für Federica Brignone, die mit ihrem Gold-Wunder die bislang sportlich schönste Gefühlsgeschichte der Spiele schrieb.
Den Fluch des Olympiasiegerinnen-Seins erlebte Brignone nachdem offiziell war, dass ihr auch theoretisch niemand mehr den Gold-Traum rauben kann. Interview reihte sich an Interview. Jeder wollte ihre Geschichte, ihre Gefühle hören. Als sie mehr als zwei Stunden nach Rennende endlich zum finalen Medientermin, der Pressekonferenz, ankam, plumpste sie erschöpft lächelnd in den Sessel. Und dann sagte sie einen Satz, den sie an diesem Tag vermutlich schon Tausende Male gesagt hatte: "Ich habe das nicht für möglich gehalten. Wirklich nicht. Aber das ist Olympia. Es ist ein Rennen." Ein gutes Schicksal, wenn es das gibt.
Noch am Sonntag hatte es das Schicksal an diesem ikonischen Berg nicht gut gemeint. Noch am Sonntag war die Karriere von US-Skisuperstar Lindsey Vonn auf ihrer Lieblingsstrecke brutal beendet worden. Mittlerweile drei Operationen waren nötig, um das eh schon geschundene Bein der 41-Jährigen stabil zu halten.
Vier Tage später schlug das Schicksal wieder zu. Und offenbarte dabei seine herzliche Seite. In einem chaotischen Super-G, in dem 17 von 43 Athletinnen, darunter zahlreiche Favoritinnen, das Ziel nicht erreichten, jubelte Federica Brignone. Schon ein Jahr zuvor war die 35-jährige Italienerin auf dieser Strecke erfolgreich gewesen. Doch zwischen dem Sieg im Weltcup und olympischem Gold lag eine aberwitzige Leidenszeit, in der Brignone zwischenzeitlich nicht wusste, ob sie "jemals wieder richtig laufen" könne. Sie war im vergangenen Winter als Beste im Gesamtweltcup ausgestiegen. Sie hatte alles erreicht. War auf dem Höhepunkt. Es folgte die italienische Meisterschaft. In der Karriere der Mailänderin eher ein Randereignis. Doch es wurde eins, das sie nie vergessen wird.
Im Oktober konnte sie kaum joggen
Am 3. April ging sie im Riesenslalom, ihrer Lieblingsdisziplin, an den Start. Brignone fuhr in ein Tor, verlor die Kontrolle, stürzte und überschlug sich dabei heftig. Mit dem Hubschrauber wurde sie in die Klinik gebracht. Sie brach sich Schien- und Wadenbein, sie riss sich das Kreuzband. In der medizinischen Mitteilung klang alles noch viel schlimer. Es war ein Schicksal, das die Sportwelt bewegte. Anfang Oktober konnte sie gerade mal ein paar Minuten joggen. Der Olympia-Traum hatte sich längst in eine andere Galaxie verabschiedet. Aber Brignone wollte das brutale Schicksal nicht wahrhaben. Nicht bei ihren Heimspielen. Sie kämpfte verbissen um ihren Traum, ehe sie Mitte Januar in den Weltcup zurückkehrte, als Sechste im Riesenslalom nach gerade einmal wieder 13 Tagen auf Skiern. Es war ihr Olympia-Ticket, auch mental. Noch am Start im Cortina nahegelegenen Weltcup-Comeback-Ort Kronplatz hinterfragte sie kurz, ob sie bereit sei. Sie war's.
Mit Nummer sechs ging sie ins olympische Rennen auf der bissigen "Olimpia delle Tofana". Vor ihr waren bereits zwei Fahrerinnen aus dem Kurs geflogen, unter anderem Kira Weidle-Winkelmann. "Eigentlich hatten wir nach der Besichtigung gedacht, dass es kein besonders schwerer Super-G ist, aber mit den vielen Wellen, ist es schon ein bisschen tricky darunter", sagte sie. Im Super-G wird nur besichtigt, nicht trainiert. Das macht das kurvenreiche Geschwindigkeitsspektakel so kompliziert. Viele Fahrerinnen hatten sich bei der Besichtigung offenbar vertan. Auch Emma Aicher. "Es war kein ganz einfacher Lauf, aber mit meiner Nummer sollte man schon wissen, wo's langgeht", sagte Deutschlands silberne Ski-Sensation in ihrer typisch lakonischen Art, nachdem sie als Siebte - direkt nach Brignone - auf die Piste gegangen war.
Brignone riskiert und fährt clever
Nicht vertan aber hatte sich Brignone. Das italienische Power-Paket war auf der fast perfekten Linie unterwegs. Sie ging ins Risiko, wenn es die Piste hergab. Sie fuhr clever an den Schlüsselstellen nach rund 35 und 55 Fahrsekunden, an denen so viele scheiterten. Brignone pfefferte mit einem Vorsprung von 0,76 Sekunden auf ihre Teamkollegin Laura Pirovano ins Ziel und schrie. Sie brüllte wie der Tiger, der ihren Helm zierte. Der bissigen Strecke hatte sie die Zähne gezeigt. Früh war klar, dass hier eine deftige Marke gesetzt worden war. Nur Brignone traute der ganzen Sache nicht über den Weg. Würde das Unmögliche tatsächlich möglich werden? Dieses olympische Wunder schien selbst ihr zu kitschig. "Ich sah mich als Außenseiterin", sagt die fassungslos und unter Tränen. "Ich dachte mir: Alles oder nichts, ich habe mit dem Start eh schon alles erreicht. Aber Olympiasiegerin? Damit hätte ich nie gerechnet." Da war er wieder, der meistgesprochene Satz des Tages.
Aber Minute um Minute wurde ihr Wunder wahrscheinlicher. Snowboard-Superstar Ester Ledecka, Sensations-Olympiasiegerin im Super-G auf zwei Brettern vor acht Jahren in Pyeongchang, stürzte kurz vor dem Ziel, war aber zeitlich ohnehin schon geschlagen. Aicher verlor die Linie, die abermals völlig wilde Goggia ebenfalls, Abfahrt-Olympiasiegerin Breezy Johnson krachte in den Fangzaun, stand aber schnell wieder auf. Und erlebte danach ihr zweites kleines Olympia-Wunder. Als sie nach ihrem Abflug wohlbehalten im Ziel ankam, fiel ihr Freund Connor Watkins vor der 30-Jährigen auf die Knie und machte ihr einen Heiratsantrag. Johnson brach in Tränen aus, stammelte ein "Ja" hervor. Der Kuss ließ das Stadion zum zweiten Mal an diesem Tag toben.
Nach Brigones Superfahrt. Deren Lächeln wurde breiter und breiter. Sie vergaß die Schmerzen des Sturzes, die sie bis heute jeden Tag spürt. In den vergangenen Tagen, nach der Abfahrt, waren sie wieder besonders heftig. Brigone setzte mit dem Skifahren aus. Es war die goldrichtige Entscheidung. Nach zweimal Bronze (2018 und 2022) und einmal Silber (2022) biss sie nun beim großen Coup fest zu. Der euphorische "Corriere dello Sport" titelte sehr schnell: "Jenseits von Nebel, Tränen und Verletzung: Federica Brignone holt eine Goldmedaille voller Sonnenschein." Der kam indes erst zur Medaillenvergabe. Reichte ja.