Fauxpas nach Olympia-DramaFranziska Preuß stellt unangenehme Frage in der Umkleide

Beim letzten Schießen vergibt Franziska Preuß im Biathlon-Einzel die greifbare Medaille. Vanessa Voigt fehlen auf Platz vier nur wenige Sekunden zum Treppchen. Auf dem Bronze-Rang gibt es eine Sensation. Und später eine ungewöhnliche Situation.
Atanas Furnadshiev schritt sehr selbstbewusst durch die Mixed Zone der Biathlon-Arena in Antholz. Eine Medaille, eher zwei hatte der Verbandspräsident der bulgarischen Biathleten seinem Team bei den Olympischen Spielen zugetraut. Ob er das auf den gesamten Zeitraum der Wettbewerbe oder lediglich auf das 15-Kilometer-Einzelrennen der Frauen bezog, das wurde nicht ganz klar. Ebenso wenig, ob er seine Aussage wirklich ernst meinte. Denn was die 22 Jahre junge Lora Hristova am Mittwochnachmittag mit dem Gewinn der Bronzemedaille geschafft hatte, war eine Sensation. Ohne Ansage.
Hristova läuft im Weltcup normalerweise um Plätze mit, die im TV nicht zu sehen sind. In ihren Leistungsdaten der internationalen Biathlon-Union stehen in dieser Saison Plätze zwischen 43 und 74. Ein 23. Platz über eben jene 15 Kilometer in Östersund ist schon ein mächtiger Ausreißer. Im Gesamt-Weltcup ist sie gerade mal 73. mit 27 Weltcup-Zählern. Wer dieser Athletin zutraut, bei den Olympischen Spielen Bronze zu holen, der sollte es unbedingt auch beim Lotto versuchen.
Die Bulgarin konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Sie lief durch die Mixed Zone, völlig unerkannt, von niemandem angesprochen und wusste gar nicht, was sie hier sollte. Woher auch? Kannte sie ja bislang nicht. "Ich bin sprachlos. Ich bin überglücklich", stammelte sie zunächst, als sie doch angesprochen worden war, und wurde dann immer selbstbewusster: "Ich weiß, dass ich gut schießen und gut laufen kann. Und ich bin froh, dass ich meine Bestform erreichen konnte, denn zu Beginn der Saison ging es mir nicht besonders gut." Ausführen wollte sie das nicht.
Niemand kennt die Bronze-Sensation
Hristova kam wie ein Fisnik aus der Hölle. Die ehemalige norwegische Biathlon-Legende Tarjei Bö, inzwischen TV-Experte, musste ihren Namen erst einmal googeln. Mit Expertise konnte er nicht dienen. Und auch die wieder mal mit ihrem persönlichen olympischen Einzel-Drama zu kämpfende Franziska Preuß, hatte gar keine Ahnung, wer es da aufs Podest geschafft hatte. Und leistete sich direkt einen Fauxpas. "Ich war gerade in der Umkleide und habe so herumgefragt, wer ist eigentlich diese Bulgarin?", schilderte Preuß. Hristova habe sich dann ein wenig schüchtern gemeldet und gesagt: "Ja, ich!" Das sei schon ein "bisschen unangenehm" gewesen, befand die Deutsche selbst, "aber ich habe ihr dann direkt gratuliert".
Sie selbst wäre beinahe diejenige gewesen, die die Biathlon-Sensation verhindert hätte. Bis zum letzten Schießen war Preuß voll auf Medaillenkurs. Sie hatte bis dahin perfekt geschossen und war in der Loipe solide unterwegs. Antholz war für sie ein Quasi-Heimspiel vor vielen deutschen Fans auf der größten Tribüne im Biathlon-Zirkus. Wenn Preuß schoss, schwieg der stimmungsvolle Biathlon-Partytempel. Wenn sie traf, gab's herbeigeschrienen Sekunden-Jubel. Nur eine bekam die gleiche Aufmerksamkeit: Italiens Biathlon-Heldin Dorothea Wierer, die ebenfalls auf den letzten Metern noch die große Olympia-Versöhnung suchte.
Für Gold hätte es auch mit einer vierten Null-Fehler-Einlage wohl nicht gereicht, dafür war die als Kreditkarten-Betrügerin auffällig gewordene Französin Julia Simon viel zu schnell - trotz einer Strafminute. Aber Silber war greifbar, was später an Lou Jeanmonnot, ebenfalls Frankreich, ging. Doch dann ging die Gedankenmaschine bei der deutschen Top-Athletin wieder an. Die Olympischen Spiele und sie, das ist zumindest im Einzel keine Erfolgsgeschichte. Was hatte sie seit 2014, seit Sotschi, für Dramen erlebt. Stürze, Debakel am Schießstand, Nervenzusammenbrüche. Das Was-wäre-Szenario ging ihr nicht aus dem Kopf.
Preuß versucht, "streng mit sich zu bleiben"
"Auf drei Kilometern hat man viel Zeit zum Nachdenken", sagte Preuß über den Weg zum letzten Schießen. Sie habe zwar versucht, "streng zu sich zu bleiben". Der erste Schuss im letzten Stehendanschlag lief noch nach Plan. Doch dann kam der Fehler, "dann brach das ganze Kartenhaus zusammen". Zwei ausgelassene Scheiben zerstörten den Medaillentraum endgültig, selbst nur eine hätte dieses Mal nicht gereicht. Wenn es damit noch klappen soll, bevor sie das baldige Karriereende erreicht, "dann brauche ich wirklich einen perfekten Tag, so realistisch bin ich. Ich habe noch die Hoffnung, dass der vielleicht noch kommt".
Preuß lief als Zehnte ins Ziel, als drittbeste Deutsche. Vor ihr lagen knapp Janina Hettich-Walz (8., 2 Fehler) und Vanessa Voigt. Wieder einmal verpasste die 28-Jährige das Podest knapp, obwohl sie fehlerfrei geblieben war. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", betonte sie mächtig geknickt. Sie wisse, was nun passiert, dass wieder über "ihre Laufform und ihre Schießzeit" diskutiert werde. Dass sie Hristova nicht in Schach halten konnte, war tatsächlich erstaunlich. 12,9 Sekunden trennten die fehlerlosen Athletinnen. Das langsame Schießen hat sie schon häufiger um größere Löhne gebracht. Auch dieses Mal wäre Bronze machbar gewesen, wenn sie sich überwunden hätte. Dass sie schnell schießen kann, hatte sie in der Mixed-Staffel gezeigt. Da gibt es allerdings als kleinen Sicherheitsausweg die Nachlader. Im Einzel kosten Fehler direkt richtig, vor allem für laufschwächere Athletinnen.
"Eine der besten Medaillen meiner Karriere"
Die junge Bulgarin schoss perfekt und zügig. Sie hatte bei ihrer Sensation aber auch einen alten Bekannten der Biathlon-Welt als Ass im Gewehr: die deutsche Trainer-Ikone Wolfgang Pichler. Zum zehnten Mal ist er nun bereits bei Winterspielen dabei, er hat viel gewonnen. Pichler betreute unter anderem die Rekord-Weltucpsiegerin Magdalena Forsberg sowie die Olympiasieger Anna Carin Olofsson, Björn Ferry und Hanna Öberg. Insgesamt gewannen die von ihm trainierten Sportler etwa 40 Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.
Doch einen solchen Coup hatte der 71-Jährige auch noch nicht gefeiert. "Das ist eine der besten Medaillen meiner Karriere", sagte er gegenüber Reuters. "Wir sind ein unbekanntes Team. Wir haben keine große Unterstützung, wir haben nur hart gearbeitet. Sie haben immer gelächelt, wenn ich über Medaillen gesprochen habe, aber mein Plan war es, hier eine Medaille zu gewinnen. Und natürlich braucht man immer auch Glück, aber ich habe am Sonntag (Anmerk. d. Red: in der Mixed-Staffel) gesehen, dass wir gut in Form sind, und es funktioniert immer noch." Der selbstbewusste Furnadshiev hatte offenbar gut zugehört.