Olympia

Fabel-Weltrekord der US-Staffel Geipel: Ohne Chemie unmöglich

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Neuer Weltrekord nach 27 Jahren: Nach dem Rennen von Tianna Madison, Allyson Felix, Bianca Knight und Carmelita Jeter leuchten 40,82 Sekunden auf der Anzeigetafel auf.

(Foto: dpa)

"Die Realität spielt keine Rolle mehr. Das ist erschütternd. Wir sind in Gaga-Land": Ex-Sprinterin Ines Geipel klingt niedergeschlagen, wenn sie ihre Sicht auf Olympia schildert. Nicht nur mit Blick auf die US-Staffel erhebt sie einen Generalverdacht: "Diese Art fettloser Körper zu trainieren, ist nicht möglich."

Allyson Felix hüpfte noch eine Stunde nach dem Staffel-Lauf für die Ewigkeit wie aufgedreht durch die Katakomben des Olympiastadions. "Als ich die Zeit aufleuchten sah, war ich für eine Sekunde völlig verwirrt. Ich dachte: Das ist verrückt", sagte die Amerikanerin, nachdem sie mit ihren Kolleginnen über 4x100 Meter in London den 27 Jahre alten Weltrekord der DDR-Staffel pulverisiert hatte.

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Ines Geipel ist Doping-Opfer des DDR-Systems. 1984 stellte sie gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr in Erfurt einen Vereinsweltrekord auf: 42,20 Sekunden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ähnlich perplex war Ines Geipel, als sie sich wenig später das Rennen im Internet anschaute. "Ein hochgedopter DDR-Weltrekord, einfach ausgelöscht - es tut mir leid, aber so eine Leistung ist ohne Chemie definitiv nicht möglich", sagte die ehemalige Sprinterin dem SID und äußert nicht nur mit Blick auf die US-Staffel einen Generalverdacht: "Diese Art fettloser Körper zu trainieren, ist nicht möglich. Ich weiß, wovon ich spreche, ich hab das auch mal eine Weile getan. Der menschliche Körper ist in den vergangenen 30 Jahren nicht neu erfunden worden."

Ines Geipel ist Doping-Opfer des DDR-Systems. Am 2. Juni 1984 stellte sie gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr - das Quartett bildete die Staffel des SC Motor Jena - in Erfurt einen Vereinsweltrekord auf: 42,20 Sekunden. Zu diesem Zeitpunkt waren alle vier Läuferinnen mit dem Anabolikum Oral-Turinabol gedopt. Der Nachweis wurde nach der Wende erbracht. Knapp anderthalb Jahre nach dem Lauf bei den DDR-Meisterschaften schrieben Göhr und Auerswald gemeinsam mit Silke Gladisch und Sabine Günther in Canberra Sportgeschichte, als sie in 41,37 Sekunden Weltrekord liefen.

Olympische Spiele sind abstruse Veranstaltung

Am Freitagabend leuchteten nach dem Rennen von Tianna Madison, Allyson Felix, Bianca Knight und Carmelita Jeter 40,82 Sekunden auf der Anzeigetafel auf. "Für so lange Zeit war der Weltrekord völlig außer Reichweite. Auf der Anzeigetafel diese Zeit zu sehen - einfach Wahnsinn", sagte Felix. Dieser Meinung ist auch Geipel, allerdings in völlig anderem Sinne. "Diesen Weltrekord kann man nicht separat betrachten", sagt sie, "die ganzen Olympischen Spiele sind eine abstruse Veranstaltung, die maximal infrage steht, sie ist eine Eskalation der Destruktion."

Die 52 Jahre alte Schriftstellerin und Publizistin, 2011 auch wegen ihrer Verdienste bei der Aufarbeitung des DDR-Zwangsdoping-Systems mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, hat sich längst von ihren ehemaligen Läuferkolleginnen distanziert. Göhr, die als erste Frau der Welt die 100 Meter unter elf Sekunden gelaufen ist, hat zum Beispiel bis heute eine andere Sicht der Dinge. "Warum werden im Zusammenhang mit Doping immer nur DDR-Sportler genannt und niemals welche aus den USA oder Jamaika?", fragte Göhr im Gespräch mit der New York Times: "Das System im Osten war stark, wir hatten sehr viele gute Trainer." Zum US-Weltrekord meinte Göhr: "27 Jahre sind eine lange Zeit. Die Amerikanerinnen haben eine starke Leistung gezeigt."

Ines Geipel klingt dagegen traurig und niedergeschlagen, wenn sie ihre Sicht auf Olympia und die Gesellschaft schildert. "Eine Welt in der permanenten Krise braucht Glücksmomente im Sport, es findet geradezu eine Sakralisierung statt. Die Realität spielt keine Rolle mehr", sagt Geipel: "Das ist erschütternd. Wir sind in Gaga-Land."

Quelle: n-tv.de, sid

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