Olympia

Elizabeth Swaneys Olympia-Traum Halfpipe-Dilettantin verblüfft ohne Tricks

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Elizabeth Swaney tritt für Ungarn an - kann aber nicht mal richtig Ski fahren.

(Foto: AP)

Ski-Freestylerinnen fliegen und schrauben sich durch die Halfpipe. Nur eine fährt so eben die Wände rauf und runter. Elizabeth Swaney ist die beste Olympionikin, sagen die einen. Sie ist die schlechteste, höhnen die anderen. Vor allem ist sie eins: clever.

Die Halfpipe für die olympischen Snowboard- und Ski-Freestyler ist ein riesiges Monster. Megasteil, bretthart, unnachgiebig und gefährlich steht sie im Phoenix Snowpark in Pyeongchang. Jedem Laien ist auf den ersten Blick klar: Achtung, das ist nichts für Anfänger - und nichts für Weicheier. Aber es mag ja ein paar ganz Naive geben - für die gibt es Symbole, die jede Disziplin der Winterspiele darstellen. Das der Freestyle-Skifahrer ist eine Figur, die kopfüber springt.

Und die Figur ist gut getroffen. Olympiasiegerin Cassie Sharpe aus Kanada fliegt, dreht, schraubt und kugelt sich durch die Luft. Sie fährt rückwärts die Halfpipe hoch und wieder herunter, springt 4,20 Meter hoch in die Luft. 95,8 Punkte erhält sie von den Preisrichtern für ihre Darbietung - maximal 100 sind möglich. Irre gut also.

Die Schlechteste ist wohl die Cleverste

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Aber dann ist da auch noch Elizabeth Swaney. Die US-Amerikanerin startet in Pyeongchang für Ungarn, das Herkunftsland ihrer Großeltern. Sie wird 24. von 24 Starterinnen, erhält für ihren Lauf 31,4 Punkte - und eigentlich fragt man sich, wo diese Punkte überhaupt herkommen. Mitleid? Sind die Preisrichter vor Lachen auf die Tasten für die Punkte gefallen? Sie schraubt nicht, sie kugelt nicht, sie fliegt nicht, sie fährt nicht rückwärts. Vorwärts - das geht. Gerade so. Immerhin, sie stürzt nicht.

Gut, irgendjemand muss Letzte werden und das olympische Motto heißt nicht umsonst "Dabei sein ist alles". Doch wie kann Swaney überhaupt dabei sein? Die Antwort: Die 33-Jährige ist ungemein clever. Und das hat sie für ihren Traum, bei Olympischen Spielen dabei zu sein, gnadenlos ausgenutzt. Als Amerikanerin hätte sie das niemals geschafft - die Konkurrenz wäre viel zu stark. Also musste der Nationenwechsel her. Denn Regel Nummer eins bei Olympia lautet: Möglichst vielen Nationen soll ein Start ermöglicht werden - also darf pro Nation nur eine begrenzte Anzahl an Teilnehmern starten.

Allerdings gibt es natürlich auch Regel Nummer zwei: Die Athleten und Athletinnen müssen sich qualifizieren, müssen also im Weltcup Punkte sammeln. Für den Halfpipe-Ski-Wettbewerb der Frauen waren Platzierungen in den Top 30 gefordert. Wo diese Weltcups allerdings stattfinden - und wer teilnimmt - das ist nicht definiert. So studierte Swaney - die erst im Alter von 25 Jahren überhaupt mit dem Skifahren begann - die Teilnehmerlisten. Anschließend reiste sie dank einer Crowdfunding-Kampagne zu 13 Weltcups mit maximal 30 Teilnehmerinnen, berichtet die "Welt". Auch wenn sie meist letzte wurde, sammelte sie auf diese Weise immer mindestens einen Punkt. So oft, bis sie die Qualifikationspunkte für Pyeongchang zusammen hatte. Damit beweist sie, dass man es auch mit einer absolut dilettantischen Vorstellung bis zu Olympia schaffen kann.

"Deswegen ist Olympia so besonders"

Gleichzeitig avanciert sie zu einem Star in den sozialen Medien. Längst ist ein Streit entbrannt, ob sie wohl die beste oder die schlechteste Olympiateilnehmerin aller Zeiten ist. "Nicht alle Helden tragen einen Umhang. Sie arbeitete cleverer, nicht härter und wurde Olympionikin", heißt es da wohlwollend. Andere denken dagegen an die viel besseren Freestylerinnen, die sich aufgrund der Regeln nicht qualifizieren konnten: "Es ist ein Schlag ins Gesicht" oder "Das war ein schlechter Witz".

Auch ein ungarischer TV-Sender empörte sich über ihren Auftritt. Man sieht gar den ungarischen Nationalstolz verletzt: "Ist es wirklich notwendig, dass eine Sportlerin mit solchen Kenntnissen Ungarn bei den Olympischen Spielen vertritt?" Die 33-Jährige selbst zeigt sich tieftraurig. "Ich bin wirklich enttäuscht, dass ich mich nicht für das Finale qualifiziert habe", sagte sie laut ORF. "Ich habe hart gearbeitet, so weit zu kommen."

Ausgerechnet die beiden Besten des Wettbewerbs zollen ihr übrigens Respekt. "Wenn sie Zeit und Mühen investiert hat, um hierher zu kommen, dann hat sie es genauso verdient, hier zu sein wie ich", meinte Olympiasiegerin Sharpe. Und die Silbermedaillengewinnerin Marie Martinod aus Frankreich sagte: "Deswegen ist Olympia doch so besonders."

Swaney wird das Lob gern hören und die Kritik verkraften können - es ist nicht ihr erstes öffentliches Scheitern. Während ihres Studiums in Berkeley versuchte sie sich als Steuerfrau des Männer-Ruderteams und probierte anschließend Skeleton aus. Außerdem trat sie 2003 im Alter von zarten 19 Jahren bei den Gouverneurswahlen von Kalifornien gegen Arnold Schwarzenegger an. Elizabeth Swaney scheint stets neue Herausforderungen zu suchen und die Öffentlichkeit zu genießen - egal, wie diese ihr entgegen tritt.

 

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Quelle: n-tv.de

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