Olympia

US-Superstar den Tränen nahIlia Malinin verzaubert Mailand mit Kür gegen Druck und Hass

22.02.2026, 01:35 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Mailand
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Ilia Malinin nahm mit einer beeindruckenden Performance Abschied von den Olympischen Spielen. (Foto: AP)

Es ist das Schaulaufen der Superstars: In Mailand nehmen die Eiskunstläufer Abschied von den Olympischen Spielen. Es geht nicht um Höchstschwierigkeiten oder Juryurteile. Sondern um Entertainment. Ilia Malinin sendet eine wichtige Botschaft.

Ein letztes Mal legte sich Mailand dem vom Olymp geplumpsten Eiskunstlauf-Gott Ilia Malinin zu Füßen. Wobei das Bild eigentlich falsch ist. Die Zuschauer im Forum di Milano legten sich nicht ab, sie erhoben sich. Um 22.02 Uhr betrat der US-Amerikaner ein letztes Mal alleine das olympische Eis. Und er hatte dieses Mal wichtigeres im Gepäck als ein Power-Kür mit Vierfachsprüngen. Malinin kam in lässiger Jeans und mit Kapuzenpulli. In der sonst so glänzenden Welt der Eiskunstläufer wäre dieses Outfit in einem offiziellen Wettkampf vielleicht als Affront durchgegangen. Im Schaulaufen ist alles erlaubt. Und Malinin öffnete damit seine Seele.

In Mailand war der 21-Jährige angetreten, nur um Gold zu gewinnen. In kaum einem anderen Wettbewerb hatte es einen so klaren, so übergroßen Favoriten gegeben. Den norwegischen Außerirdischen Johannes Høsflot Klæbo bei den Langläufern vielleicht noch, oder Sloweniens Meisterflieger Domen Prevc bei den Skispringern. Aber diese beiden haben längst nicht die Strahlkraft eines Ilia Malinin, dem wohl größten Weltstar dieser Spiele. Gemeinsam mit Lindsey Vonn. Und sie beide verbindet ein bitteres Schicksal. Sie sind auf dramatische Weise gescheitert. Vonns Karriere ist nach dem Olympia-Sturz beendet. Malinin zerbrach an den gigantischen Erwartungen. Gold war das Mindeste. Ein Punkteweltrekord sollte her, vielleicht sogar der erste Fünffachsprung der Geschichte.

"Online-Hass greift den Verstand an"

Über Malinin brach unter dem unmenschlichen Druck in Mailand nicht nur eine Welt zusammen, es prasselte auch Online-Hass auf ihn ein. "Auf der größten Bühne der Welt kämpfen selbst diejenigen, die am stärksten erscheinen, innerlich möglicherweise mit unsichtbaren Schlachten. Selbst deine glücklichsten Erinnerungen können am Ende vom Lärm überschattet werden", schrieb er nach seinem Drama, das epische Ausmaße angenommen hatte. Wegen der Fallhöhe, die konstruiert worden war. "Widerwärtiger Online-Hass greift den Verstand an, und Angst lockt ihn in die Dunkelheit – ganz gleich, wie sehr man versucht, angesichts des endlosen, unüberwindbaren Drucks bei Verstand zu bleiben", schrieb er weiter. "All das staut sich an, während diese Momente vor deinen Augen aufblitzen, und führt schließlich zu einem unvermeidlichen Zusammenbruch. Das ist diese Version der Geschichte."

Am vorletzten Abend brachte er diese Geschichte, seine Geschichte aufs Eis. Mit donnernder Wucht und doch subtil. Er bewegte sich hinreißend zum Song "Fear" des amerikanischen Rappers NF. Er raste über das Eis zu Zeilen, die seine Welt beschreiben. Ohne festgelegte Elemente verarbeitete Malinin die inneren Kämpfe, die in ihm toben. "Dieses Programm", sagte er, "war sehr emotional für mich. Es drückt aus, wie ich mich die letzten Monate gefühlt habe." Es ist kein Programm, das er nach dem olympischen Sturz spontan mit seinem Choerografen geschrieben hat. Schon Monate lang arbeitete er daran. Die Aufführung hatte er nie terminiert, doch nun fühlte sich der Zeitpunkt richtig an. In dem harten Song geht es um die dämonische Dunkelheit in einem selbst, um Ängste, um Zweifel, um Kontrollverlust. Malinin hat all das erlebt. Im unpassendsten Moment, bei den Olympischen Spielen.

"Ich war nicht bereit für diese Spiele"

Mit dem US-Team war er in seinen Programmen auf Nummer sicher gegangen, hatte dabei gewackelt, aber dennoch Gold geholt. Das sollte nur die Ouvertüre sein, für seine Bühne, das Herreneinzel. Doch in der Kür sah die Welt, wie der "Vierfach"-Gott wieder zum Menschen wurde. Zu einem zerbrechlichen. Gegenüber RTL/ntv sagte er in der Mixed Zone nach der befreienden Show: "Ich war nicht bereit für die Spiele." Nicht er, der die Welt fasziniert hatte, der das Eislaufen in neue Dimensionen geführt hatte. "Als Athlet hast du nur einen Auftrag, du musst bereit sein, an diesem einen Tag in deinem Leben unter Druck abzuliefen." Er schaffte es nicht. Auf seinem Show-Pulli stand "FEAR" (Furcht). Die Buchstaben standen Kopf. Wollte er damit die eigene Furcht auf den Kopf stellen, ihr den Weg aus seiner Welt weisen?

Wie es in seinem Kopf, in seiner Seele aussah, hatte er aufgeschrieben. An diesem Samstagabend ließ er es raus. Er ist trotz oder vielleicht auch wegen des Scheiterns der Liebling der Massen. Wann immer er das Eis betrat, eskalierten die Zuschauer. Seine Show war Eigentherapie und Stinkefinger an seine Hater in einem. Es war ein Tanz gegen Hass, Hetze und Druck. Malinin tat in seinem Programm so, als würde er auf seinem Handy scrollen. Er zuckte unter imaginären Blitzlichtern zusammen, duckte sich, zog die Kapuze über den Kopf und wehrte schrille Geräusche ab, die Kritik in den sozialen Medien symbolisieren sollten. Dann tat er so, als würde er Kopfhörer aufsetzen – und es herrschte sofort Stille. Es war ein leidenschaftlicher Kampf auf dem Eis, als wollte er die Dämonen loswerden, die ihn in der Dunkelheit hielten.

Ein Zeichen für Zusammenhalt

Am Ende seines Laufs, der saubere Sprünge und den ikonischen, spektakulären Rückwärtsalto beherbergte, legte er den Kopf in den Nacken und kämpfte mit den Tränen. Die Leute erhoben sich, fingen ihren gefallenen Helden warmherzig auf.

40 Athleten waren zum Abschied nochmal aufs Eis gegangen. Und sie ließen Mailands altes Forum nochmal beben. Etwa Sensations-Olympiasieger Michail Schaidorow, der als Kung-Fu-Panda verkleidet Konkurrenten mit angedeuteter Kampfkunst aufs Eis schickte und später von Kung-Fu-Legende Jackie Chan Plüschpandas bekam. Oder Luka Berulawa, der mit seiner Silber-Partnerin Anastasia Metelkina eine mitreißende Hommage an die Computerspielewelt der 90er-Jahre feierte und seine Kollegin spektakulär nur am Schlittschuh haltend pirouettierte. Oder die Italiener Niccolò Macii und Sara Conti, die den Eurodance-Klassiker "Cotton eye joe" stilvoll aufs Eis brachten. Das muss man erstmal schaffen. Dass er sie später auf seinem Kopf mehfach drehte, konnte das völlig faszinierte Publikum nicht fassen. Ebenso die zwei Spanier, die in Nationaltrikots auf dem Eis Fußball spielten.

Es war wild, verrückt, bunt. Die Botschaft der nicht immer einfachen und gut zu durchschauenden Eiskunstlaufwelt: Zusammenhalt gegen all die Dramen, den Druck, den Hass. Und am Ende hatten sie nur noch einen Wunsch: "Ich hätte nichts dagegen, wenn wir noch Mailand unsicher machen", sagte Minerva Hase, Deutschlands Bronzemedaillengewinnerin an der Seite von Nikita Volodin. Am Sonntag gibt es erstmals in diesem olympischen Theater keine Pläne. Es wäre ein guter Tag, "um den Kater auszuschlafen".

Quelle: ntv.de

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