US-Boy verhöhnt Leon DraisaitlWütender Ex-Kapitän stampft deutsches "Superteam" in Grund und Boden

Deutschlands Eishockey-Stars müssen bei den Olympischen Spielen auf dem Weg ins Viertelfinale nachsitzen. In den Playoffs geht es gegen Frankreich. Um dort zu bestehen, fordert der Ex-Kapitän eine Aussprache.
Moritz Müller kann es nicht mehr hören. Die beste deutsche Eishockey-Nationalmannschaft aller Zeiten? Pah, nichts da! Das mit reichlich NHL-Power gespickte DEB-Team mag zwar das größte Star-Potenzial der Geschichte haben, aber eine Top-Mannschaft, nein, das sei man (noch) nicht, findet der Ex-Kapitän Müller. Die olympische Vorrunde beendete das Team zwar als Zweiter, so wie erwartet, hinter dem Über-Team der USA. Doch wie ein Gruppen-Vize trat Deutschland nicht auf. Was nach den ersten Spielen und zwei Niederlagen gegen Lettland (3:4) und eben die USA (1:5) bleibt, sind viele Fragezeichen, Kritik und 20 Minuten der Hoffnung.
19 Minuten und 53 Sekunden hatte Deutschland am Sonntagabend gezeigt, was die Welt von dieser Mannschaft erwartet. Anführer Leon Draisaitl und seine Männer hatten gegen den Goldfavoriten alles reingeworfen. Sie hatten endlich leidenschaftlich verteidigt, hatten harte Checks gefahren, sich von den harten Amerikanern nicht umwerfen lassen, wie NHL-Profi Tim Stützle fand. Sie spielten schnell und einfach nach vorne. Keine großen Schnörkel, kein Schnickschnack. Sondern: Scheibe tief, nachgehen, draufschießen. Sie hatten Chancen. Die aber Super-Goalie Connor Hellebuyck zunichtemachte.
Es wäre fast das perfekte Drittel gewesen, das beste im Turnier war es eh. Doch in den letzten 20, 30 Sekunden fiel diese Mannschaft wieder in alte Muster, die niemand mehr sehen möchte. Nach einem Bully im eigenen Drittel scheiterten sie mehrfach am Versuch, den Puck rauszubringen, das 0:0 in die Kabine zu retten. Und so klingelte es doch noch, Zach Werenski tat Deutschland richtig weh.
Drasaitil kassiert dumme Sprüche vom Trump-Fan
Ja, dieser Schuss schmerzte. Aber er wäre zu verschmerzen gewesen, wenn das Team von Bundestrainer Harold Kreis im zweiten Abschnitt so weitergemacht hätte, wie es angefangen hatte. Doch die angeblich beste Mannschaft aller Zeiten verlor sich wieder im Glauben an die Magie des Einzelnen. Den Puck zu einem NHL-Spieler im Kader zu bringen und auf Wunderdinge zu hoffen, sei doch ein bisschen zu naiv, fand Wut-Routinier Müller, der in diesem Turnier zuvor auf eher wenig Eiszeit gekommen war. Zumal die Gegner der Deutschen ja nun auch nicht geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren durchs Turnier flitzen. Jede Mannschaft weiß um die überragenden Fähigkeiten von Draisaitl, von Stützle, Moritz Seider und wie sie heißen. Also gehen sie voll auf die Stars.
Die US-Boys, die in der NHL mehrmals die Woche zu sehen bekommen, wie der deutsche Gigant sie schwindelig spielt, nahmen Draisaitil am Sonntagabend in Sonderobhut. Er wurde so eng gedeckt, dass er quasi gar keinen Platz auf der zu kleinen Eisfläche fand, um die es im Vorfeld der Spiele so viel Aufregung gegeben hatte. Matthew Tkachuk, einer der besten Spieler der Welt und großer Sympathisant von US-Präsident Donald Trump, kümmerte sich mit reichlich aggressiver Liebe um Draisaitl. Tkachuk und seinem Bruder Brady, ebenfalls im Olympia-Kader, eilt der Ruf voraus, dem körperlichen Spiel sehr zugeneigt zu sein. Nicht alle harten Checks und Vergehen der US-Boyse wurden vom Schiedsrichter-Team, in dem zwei Amerikaner waren, gepfiffen. Das hatte einen kleinen Beigeschmack. Erlaubt ist diese Art der Schiri-Team-Besetzung, ungewöhnlich aber auch. Zum Thema wollte das allerdings niemand machen. Zu deutlich waren die Kraftverhältnisse auf dem Eis vor allem ab dem zweiten Drittel gewesen.
Matthew Tkachuk und Draisaitl verbindet eine Geschichte. Zweimal schickte der Amerikaner mit seinen Florida Panthers den Deutschen und dessen Edmonton Oilers ins Tränenmeer, zweimal siegten sie im Finale des Stanley-Cups. Und so kassierte der gebürtige Kölner am Abend nicht nur harte Checks, sondern auch stumpfe Beleidigungen. "Immer nur der Zweite, was, Leon?", pöbelte er, während er an den Spielerbänken vorbeifuhr. "Immer nur die Brautjungfer, nie die Braut." Sportlich konnte Draisaitl nichts mehr erwidern.
Und dennoch hatte das deutsche Team schon während des ersten Drittels eine gute Nachricht erreicht. Dänemark besiegte Lettland im anderen Gruppenspiel mit 4:2. Weil alle Mannschaften hinter den USA nur einen Sieg hatten und Deutschland im Dreiervergleich am besten abschnitt, geht's nun gegen Frankreich. Es hätte echt schlimmer kommen können. Die Franzosen beendeten ihre Vorrunde nach Spielen gegen Kanada, die Schweiz und Tschechien mit null Punkten und 5:20 Toren.
Müller mahnt davor, Frankreich zu unterschätzen
Die Einsicht, dass es hätte schlimmer kommen können, sollte sich aber besser nicht in den Köpfen der Spieler breitmachen, findet Müller. Sonst könnte der Traum von einer Medaille ratzfatz als historisches Desaster enden. Die beste Mannschaft aller Zeiten hätte sich dann blamiert. Müller wünscht sich für diesen Montag eine Aussprache. Der langjährige DEB-Kapitän gehört in Mailand nicht mehr zum Kreis der drei Mannschaftsführer. Diese Rollen wurden an Draisaitl sowie seine Assistenten Stützle und Seider vergeben.
Doch trotz seines mittlerweile hohen Alters von 39 Jahren ist er immer noch ein emotionaler Leader. Einer, der vorlebt, wie man die Tugenden des Eishockeys auf die Fläche bringt. Einer, der Dinge anspricht, die niemand gerne hört. "Wir haben ganz tolle Eishockey-Spieler, die zu den besten auf der Welt gehören. Aber wir müssen als Mannschaft einfach besser spielen." Den Wert von Müller hat auch der Bundestrainer (wieder) erkannt. Nach zuvor geringen Eiszeiten spielte er gegen die USA deutlich mehr. Und war einer der Besten seines Teams. Und hier ist das Eishockey dem Radsport ganz nah: Ohne unermüdlich arbeitende Wasserträger können Stars nicht glänzen. "Wir sollten demütig genug sein, dass wir gegen jeden Gegner hier verlieren können. Das muss in unseren Kopf rein", mahnte Müller. Das Team müsse sich "die ersten 20 Minuten" gegen die USA "anschauen und daraus 60 machen." Dann, aber auch nur dann "können wir gegen jede Nation mitspielen".
Müller erinnert sich an den Spirit der deutschen Erfolgsmannschaften von 2018 und 2023: "Im Vorfeld ist viel darüber gesprochen worden, wie gut diese Mannschaft ist. Die besten Mannschaften, die ich bei Deutschland erlebt habe - das war 2018 und 2023. Da muss diese Mannschaft erst noch hinkommen." In Pyeongchang gab es die olympische Silbersensation, allerdings in einem Turnier ohne all die NHL-Superstars. 2023 holte man ebenfalls sensationell Silber bei der WM. Die Eishockey-Coups waren möglich, weil jeder für jeden arbeitete, weil alle auf Augenhöhe agierten und es eben nicht diese Gedanken gab, dass es die Superstars schon richten werden. "Vielleicht haben wir ein bisschen zu oft gehört, wie gut unsere Mannschaft ist." Vor der Kür steht der Kampf, vor der Magie die Maloche, findet Müller. Alles andere baut sich auf den Basics auf. Am Dienstag (12.10 Uhr, ARD, Eurosport und im Liveticker bei ntv.de) geht es aber erstmal nur gegen die drohende Olympia-Blamage.