Riesiges Zuschauerchaos drohtLindsey Vonn rast olympischem Ski-Wunder entgegen

Lindsey Vonn ist bis zum letzten Renn-Wochenende vor den Olympischen Spielen die Topfavoritin auf Abfahrtsgold. In Crans-Montana stürzt sie, reißt sich das Kreuzband und fährt trotzdem. Im Training deutet sie an, dass die Sensation gelingen könne.
Das erste Training der Abfahrerin am Donnerstag wurde abgesagt. Zu viel Neuschnee in Cortina d'Ampezzo. Die zweite Einheit am Freitag begann mit einer Schrecksekunde: Altmeisterin Ilka Stuhec stürzte, das Training wurde unterbrochen. Die Piste an der Stelle neu präperiert. Weicher Schnee wurde abgetragen. Kurze Zeit danach die nächste Unterbrechung: Eine hartnäckige Wolke war in die Tofana-Piste reingezogen. Keine Sicht, zu gefährlich. Lindsey Vonn, die doch unbedingt beweisen wollte, dass ihr schwer verletztes Knie hält, wurde in den ersten Olympia-Tagen auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Um etwa 13.15 Uhr durfte sie dann endlich ran und hatte die volle Aufmerksamkeit.
Vonn fuhr ohne jeden Zweifel los. Im oberen Teil war sie nah dran an der Bestzeit der Deutschen Kira Weidle-Winkelmann. Im mittleren Abschnitt war sie trotz weiter Wege abseits der Ideallinie sehr schnell unterwegs, erst im unteren Teil verlor sie viel auf die bis dahin Trainingsschnellste. Im Ziel guckte die Amerikanerin zunächst verkniffen, dann fand sie in den Armen ihrer Kollegin Breezy Johnson schnell zum Lachen zurück. Was war das nun gewesen? Trainingsfahrten sollten niemals überbewertet werden. Viele Athletinnen fahren nicht am Limit. Auch Vonn hatte die letzten Meter in aufrechter Pose ausgefahren.
"Nichts macht mich glücklicher"
Nicht gut lief es derweil für Emma Aicher, Deutschlands große Hoffnungsträgerin. Sie hatte, wie zuvor auch die italienische Rückkehrerin Francesca Brignone, massive Probleme und verpasste einige Tore. Die lange Wartezeit hatten die Fahrerinnen unterschiedlich überbrückt. Während einige versuchten, ihre Konzentration hochzuhalten, machten sich die US-Fahrerinnen locker. Typisch amerikanisch. Irgendwann führten sie eine Tanzchoreografie auf. Selbst Vonn mit dem maladen Knie machte dabei mit.
Der Ski-Superstar hatte sich schon am Morgen gut gelaunt präsentiert. Bei Instagram postete sie ein Foto von sich vom Start und schrieb dazu: "Nichts macht mich glücklicher! Niemand hätte geglaubt, dass ich hier sein werde... aber ich habe es geschafft! Ich bin hier, ich lächle, und egal was passiert, ich weiß, wie glücklich ich bin. Ich werde mir diese Chance nicht entgehen lassen."
Geht am Sonntag noch mehr?
Das in Crans-Montana vor genau einer Woche gerissene Kreuzband stört sie offensichtlich nicht, um eine Fahrt auf hohem Niveau zu bestreiten. Ob sie aber wirklich in der Lage ist, am Sonntag ans Limit zu gehen, ihrem Körper so blind zu vertrauen, dass all die harten Schläge allein von der Muskulatur abgefedert werden? Es ist und bleibt ein wahnsinniges Unterfangen. Aber eben auch eine Geschichte, die die Menschen lieben. In den ersten Tagen gehört allein Vonn der Raum in der Berichterstattung, erzählt eine US-amerikanische Journalistin. Am Ende der Erzählung steht vielleicht eine (goldene) Heldengeschichte oder das ganz große Drama. Beide Szenarien würden der offenbar geplanten Doku über Vonn eine entsprechende Würze verleihen.
Gold, um nichts anderes geht es der Amerikanerin, die auf der Piste Olimpia delle Tofane eigentlich unschlagbar ist. Zwölf Siege in der Abfahrt hat sie hier geholt. 2008 gewann sie zum ersten, 2018 zum bislang letzten Mal. Danach verschwand sie bis zur vergangenen Saison in der Ski-Rente. Doch der Reiz von Gold auf ihrer Piste. Der Reiz, es der Welt zu beweisen, mit einer Teilprothese noch die Beste der Welt zu sein, der hatte Vonn gepackt. Mit maximaler Härte trieb sie ihr Comeback voran, gegen großen Spott. Manch einer, wie der deutsche Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier, sah in der Rückkehr der mittlerweile 41-Jährigen eine "Verarschung". Alle Zweifel sind abgeräumt. Vonn ist wieder die beste Abfahrerin der Welt. Wenn sie unverletzt ist.
Die Seilbahn wird nicht fertig
Nun gibt es aber die neuen Zweifel. Ob die Teilprothese rechts und frischer Kreuzbandriss links nicht doch eine zu große Hypothek sind. Die Antwort wird es erst am Sonntag geben, wenn alle Welt nach Cortina schaut. Auf Vonn. Diese Aufmerksamkeit mag sie. Sie liebt sie. Und sie befeuert ihre Geschichte über Instagram. Sie zeigt Bilder beim Krafttraining, betont ihren Kampfgeist und ihren immensen Glauben an die große Sache. Flankiert wird das durch Reels der gelaunten morgendlichen Abreise zum Training.
Ihre mögliche Gold-Party hatte Vonn übrigens bereits geplant. Im Haus der Österreicher solle sie stattfinden. Mit dabei: zahlreiche Promis. An erster Stelle Olympia-Derwisch Snoop Dogg. Sollte sie stattfinden, Cortina hätte ein Ski-Wunder zu feiern.
Bis zu 7000 Zuschauer werden an der Strecke erwartet. Eigentlich. Denn es gibt ein großes Problem. Die Seilbahn Apollonio-Socrepes, die die Massen an Zuschauer an die Piste hätte bringen sollen, wird nicht rechtzeitig fertig. Ein internes Schreiben, von dem das Portal Südtirolnews berichtet, offenbart das große Dilemma. Andrea Francisi, Chief Games Operations Officer, warnt: "Der Verlust dieser strategischen Infrastruktur kurz vor Beginn der Olympischen Spiele stellt uns vor erhebliche organisatorische Herausforderungen." Es sollen verstärkt Shuttle-Busse eingesetzt werden. Für die folgenden Tage und Wettbewerbe wird offenbar sogar darüber nachgedacht, die Schulen in Cortina zu schließen, um das Verkehrsnetz zu entlasten.
Um den Bau der Seilbahn hatte es offenbar größere Probleme gegeben. Die Marktführer Doppelmayr und Leitner hatten sich laut Südtirolnews an der Ausschreibung wegen "geologischer Unsicherheiten" nicht um den Auftrag beworben. Und tatsächlich kam es im Zuge der Arbeiten zu einem Riss, der den Boden offenbar über mehrere Meter aufriss. Ob die Seilbahn bei diesen Spielen noch einsatzfähig ist? Ein Bauarbeiter sagte gegenüber RTL/ntv: "Eine Woche dauert's mindestens noch."