Olympia

TV liefert, San Siro leidetMailand stirbt einen schmerzhaften olympischen Tod

06.02.2026, 23:42 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Mailand
Parade-of-athletes-of-Greece-during-the-Opening-Ceremony-of-the-Olympic-Winter-games-Winterspiele-Spiele-Summer-games-Milano-Cortina-2026-on-February-06-2026-at-the-Milano-San-Siro-Olympic-Stadium-in-Milan-Italy-PUBLICATIONxNOTxINxITA-Copyright-xLucianoxMariaxBisi-IPAxSportx-xipa-agency
Wo sind die griechischen Sportler? In Mailand waren sie nicht. (Foto: IMAGO/IPA Sport)

Die Olympischen Spiele sind eröffnet. Auf ungewöhnliche Weise. Die Dezentralisierung der Wettkampfstätten sorgt für ein Novum, das in Mailand nicht aufgeht. Was im TV funktioniert, geht im Stadion komplett schief.

Die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Mailand beginnt überraschend. Es ist schrill, es ist bunt. Es ist so, wie das in einer extravaganten Modehauptstadt sein soll. Mailand feiert die Heimkehr der Spiele in die Alpen und die eigene Geschichte, die so reich ist an Kunst, Kultur und Musik. Plötzlich tanzen Komponisten-Legenden wie Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini and Gioachino Rossini als "Big Heads" zu einer umkomponierten Olympia-Variante des Italo-Disco Kultsongs "Vamos a La Playa". Ob den Grandi signori das gefallen hätte? Egal, Mailand war Mailand. Wild, bunt, verrückt. Und dann kam Mariah Carey.

Der US-Superstar verzückte den längst nicht ausverkauften Fußball-Tempel. Der von ihr als Ballade vorgetragene Klassiker "Volare" brachte große Magie in Europas charmanteste Bruchbude, die auf ihren letzten Metern vor dem anstehenden Abriss noch einmal ein außergewöhnliches Highlight bekam. Die Eröffnungsfeier war auf einem guten Weg. Sie war spektakulär inszeniert, dicht, hinreißend. Bis die Athleten kamen. Die eigentlichen Protagonisten der Veranstaltung. In diesem Moment starb Mailand einen olympischen Tod. Es war einer mit Ansage. Die Zersplitterung der Wettkampforte im Sinne der Nachhaltigkeit raubte San Siro die Stimmung. Die 2900 Athletinnen und Athleten wurden quer über Norditalien verteilt.

Und das ausgerechnet nach Paris. Nach den emotionalsten Spielen seit einer gefühlten Ewigkeit. 2024 heilte in Frankeich eine Wunde, die bei den Spielen zuvor aufgegangen war. Olympia war wieder eine Familie. Aber es war Sommer. Und Sommerspiele sind vom Wetter (noch) nicht so abhängig wie der Winter. Dort wird die Ressource Schnee immer knapper, die infrage kommenden Ausrichter rarer.

Griechenland läuft in Mailand ohne Sportler ein

In der TV-Inszenierung ging der Plan auf, die Nationen zusammen einlaufen zu lassen. Doch ausgerechnet in der Herzkammer, in San Siro, setzte der atmosphärische Pulsschlag aus. Zahlreiche Nationen liefen nur als stilisierter Eisblock durch die Arena, getragen von einer Hostess. Es waren lange Wege. Es fing mit den Griechen an, den Gründervätern der Spiele. Kein einziger Athlet war in San Siro. Da die Sportler in den Alpen-Destinationen ihre Wettkämpfe bestreiten, sollten sie eben auch dort an der Parade teilnehmen. Die Griechen selbst hatten sich das offenbar anders gewünscht, durften aber nicht. Deswegen blieben alle hier fern. Es reihte sich eine Nation an die nächste, die außer einem illuminierten Eis-Namensschild nichts nach Mailand mitbrachten. Andere Nationen traten in Kleingruppen an. So etwa die Österreicher, die im Eishockey nicht vertreten sind und daher kaum Athleten in der Metropole haben.

Es ist der schmale Grat, auf den sich die Winterspiele nun aufmachen. Die Zeiten des ausufernden Gigantismus von Sotschi oder Peking sind abmoderiert. Sinnlose Bauten, die Once-in-a-lifetime-Moments liefern und danach als Umweltsünden verrotten, soll es nicht mehr geben. Ebenso wenig Kettensägen-Massaker in geschützten Wäldern, um neue Pisten zu schaffen. Das sind die richtigen Wege. Sie haben aber die Konsequenz, dass sich die Spiele geografisch weit verzweigen. Wie in Italien nun. Wettkampforte auf 22.000 Quadratmetern Fläche verteilt. Teilweise stundenlange Anfahrtswege. Das raubt den Spielen die große olympische Idee des gemeinsamen Miteinanders, dem friedlichen Zusammenleben aller Nationen. In kriegerischen und spalterischen Zeiten ist diese Botschaft von Olympia eigentlich viel mehr als Symbolpolitik.

Wie angespannt die geopolitische Stimmung ist, wie sehr sie sich auf das vom IOC als unpolitisch erwünschte Olympia-Terrain laut hineindrängelt, bekam das Team aus Israel zu spüren. Es wurde deutlich ausgepfiffen. Die "neutralen" Russen und Belarussen durften gar nicht erst einlaufen. Die emotionale Wut bekam auch US-Vizepräsident JD Vance zu hören, der beim Einlauf des amerikanischen Teams kurz eingeblendet und vehement ausgebuht wurde. Weil er vor Ort der höchste Vertreter der Trump-Regierung ist, deren mitgereiste ICE-Agenten für so viel Wirbel gesorgt hatten. Das Gegenteil, maximale Empathie und Liebe, empfing derweil die von Russland überfallene Ukraine. Es war der zweitlauteste Moment des Mailänder Einlaufs, nach den heimischen Italienern. Eine Welle der Euphorie schwappte durch San Siro. Das war einer der wenigen Gänsehautmomente an diesem Abend.

Sportler in Cortina wissen nicht, wohin

Was im Stadion als Idee gnadenlos scheiterte, es war eine bisweilen kaum auszuhaltende Leerlaufveranstaltung über anderthalb Stunden, untermalt von belangloser Musik, wurde von den TV-Bildern kaschiert. Inhaber von 2000-Euro-Tickets im Stadion dürfte das nicht gefallen haben. Aber wofür wird's gemacht? Fürs Stadion? Fürs Fernsehen? Durch den Effekt des goldenen Einlaufrings als Tor zwischen den Wettkampforten wurden gute, stimmungsvolle Bilder für die Welt produziert. Die Freude der Athleten etwa.

Doch es gab auch andernorts Probleme abseits der Kameras. In Cortina etwa gab's nach der Parade durchs Dorfzentrum keine Möglichkeit für die Athleten, sich zu versammeln. Sie mussten umkehren und an der Seite des Bürgersteigs zurücklaufen. Als später das Feuer - das parallel auch in Mailand entzündet wurde - durch die Gassen getragen wurde, war es fast menschenleer. Nur am Platz der Flamme waren noch Zuschauer. Ein großer Moment vor kleiner Kulisse. Ein weiterer Preis der Dezentralisierung.

Noch ein paar wenige Male wurde es derweil richtig stimmungsvoll und laut im Mailänder Fußballtempel: Als Star-Tenor Andrea Bocelli sein legendäres "Nessun dorma" sang, als Italiens Präsident Sergio Mattarella um 22.51 Uhr, nach einer leider nur (erwartbar) wachsweichen und alle heiklen Themen aussparenden Rede von IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, die traditionelle Eröffnungsformel sprach. Und als die großen italienischen Helden eingeblendet wurden, die das Feuer entzündeten. Ein letzter magischer Moment an einem ungewöhnlichen Abend, der eine große olympische Idee zu Grabe trug.

Quelle: ntv.de

Olympische Winterspiele 2026Olympische Spiele