Pfiffe gegen Vance und IsraelMit Show-Novum: Mailand und Cortina eröffnen die Olympischen Winterspiele

Ein großes Spektakel über Norditalien verteilt: Die 25. Olympischen Winterspiele sind eröffnet. Erstmals wird die Eröffnungsfeier über verschiedene Orte gestreckt. Im Mailänder San Siro singt Superstar Mariah Carey auf italienisch, ein Teil der Deutschen läuft mit Fahne in Predazzo ein.
Der Lärm war groß vor diesen Olympischen Winterspielen. US-amerikanische ICE-Agenten in Mailand, massive Schneesorgen in den Alpen und eine Zersplitterung der Athleten auf eine olympische Rekordfläche. Doch mit der Eröffnungsfeier im legendären Stadion San Siro am Freitagabend legte sich vorerst Frieden über all die Debatten. Mit einer beeindruckenden Show, mit zwei olympischen Feuern - in den offiziellen Ausrichterstädten Mailand und Cortina d'Ampezzo - sind die 25. Winterspiele offiziell eröffnet worden.
Italiens Präsident Sergio Mattarella sprach um 22.51 Uh die traditionelle Eröffnungsformel. "Durch euch sehen wir das Beste in uns. Wir können aufstehen, egal wie hart wir gefallen sind. Wir sind alle eins. Möge die Flamme Hoffnung und Freude entfachen", hatte zuvor Kirsty Coventry, die Nachfolgerin von Thomas Bach an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees, in ihrer Rede an die Adresse der Athletinnen und Athleten gesagt – und verlieh ihrem Wunsch, ihrer Hoffnug, Ausdruck auf 16 mitreißende Tage, in denen die tobenden Konflikte in der Welt ein wenig in den Hintergrund rücken mögen. Das gelang schon bei der Zeremonie unter dem Motto "Armonia" (Harmonie) nun nicht immer: Als Israels Delegation einlief, setzte es laute Pfiffe und Buhrufe.
Besonders emotional wurde es um 23.26 Uhr, als Alberto Tomba, Deborah Compagnoni und Sofia Goggia das Olympische Feuer in Mailand und Cortina d'Ampezzo entzündeten. Die italienischen Ski-Legenden waren die letzten der offiziell 10.001 Fackelträgerinnen und -träger. Tomba und Compagnoni entzündeten das Feuer auf dem Arco della Pace in Mailand, Goggia erfüllte die Aufgabe auf der Piazza Dibona in Cortina.
Showkonzept im Stadion geht nicht auf
Die Eröffnungsfeier bot ein Novum. Nie zuvor gab es zwei Gastgeberstädte. Nie zuvor wurde die Zeremonie dementsprechend an mehreren Orten inszeniert. Neben dem großen Einlauf der Athletinnen und Athleten im altehrwürdigen Fußballtempel San Siro gab es auch in Cortina d'Ampezzo, Predazzo und Livigno Paraden der Sportler, teilweise Hunderte Kilometer voneinander getrennt. Für den Standort Mailand funktionierte das Konzept nicht. Das bei vielen Nationen nur der Ländername als stilisierter Eisblock von einer Hostess durch das Stadion getragen wurde, trübte die Stimmung auf den Rängen massiv. Dass auf den Leinwänden die TV-Bilder der anderen Destinationen mit Sportlern gezeigt wurden, half nicht.
Die Stimmung unter den Athletinnen und Athleten war dennoch prächtig. Angeführt wurde die deutsche Equipe in Mailand von Eishockey-Superstar Leon Draisaitl. Skispringerin Katharina Schmid trug die deutsche Fahne in Predazzo. In den beiden Hauptorten Mailand (61/48 Eishockey, 11 Eisschnelllauf, 2 Eiskunstlauf) und Cortina (34/2 Biathlon, 5 Curling, 10 Bob, 11 Rodeln, 6 Skeleton) sind die beiden größten deutschen Delegationen vertreten. In Predazzo (16/2 Nordische Kombination, 8 Skilanglauf, 6 Skispringen) und Livigno (19 Snowboard) nahmen weitere deutsche Wintersportler an der Show teil.
JD Vance, Frank-Walter Steinmeier, António Guterres
In 15 Disziplinen geht es für die Sportlerinnen und Sportler bis zum 22. Februar um insgesamt 116 Goldmedaillen. Das letzte Edelmetall wird traditionell im Männer-Eishockey vergeben.
Die Eröffnungszeremonie fand unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Bereits am Vormittag war das Stadion umgeben von Polizisten und anderen Sicherheitskräften. Die Metro, die zum Stadion führt, war schon zwei Stunden vor Beginn der Zeremonie restlos überfüllt. Erfreulicher lief es am Einlass - trotz flughafenartiger Kontrollen blieb es unaufgeregt und reibungslos.
Bis zu 8000 Sicherheitskräfte sollen am Abend rund um die Feier im Einsatz gewesen sein, darunter auch zahlreiche Militärbedienstete. Neben dem Ärger um den Einsatz der umstrittenen US-Einwanderungsbehörde ICE zum Schutz von US-Vizepräsident JD Vance, der im Stadion massiv ausgebuht wurde, wurde bekannt, dass Russland Cyberattacken auch auf Standorte der Winterspiele lanciert hatte. Am Tag der Eröffnungsfeier nahm Berichten zufolge eine prorussische Hackergruppe dann auch noch verschiedene olympische Internetseiten ins Visier - zeitweilig war auch der digitale Auftritt des DOSB nicht erreichbar.
Im Mailänder Stadion waren mehr als 50 Staats- und Regierungschefs dabei und darunter auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres. Deutschland wurde durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vertreten.
Bei der Eröffnungszeremonie, die weltweit übertragen wurde traten Weltstars wie Andrea Bocelli und Mariah Carey auf. Zudem war die Show eine Hommage an die Schönheit des Landes, an die große künstlerische und musikalische Geschichte der Nation. Immer wieder wurde auf große Persönlichkeiten, wie etwa dem Komponisten Giacomo Puccini, der italienischen Geschichte referiert. Die Show war bunt. Ein bewusstes oder unbewusstes Statement, wie eine Gesellschaft. Nicht nur eine olympische sein sollte.
Ärger hatte es vorab um den Auftritt von Italo-Rapper Ghali gegeben. Der in Deutschland lebende Musiker aus Mailand hatte vor zwei Jahren beim Musikfestival von Sanremo Schlagzeilen gemacht, weil er mit Blick auf Israels Vorgehen im Gazastreifen von "Völkermord" gesprochen hatte. Dass er in San Siro auftrat, hatte für Kritik aus Italiens rechter Regierung gesorgt. Sportminister Andrea Abodi kündigte an, Ghalo werde "auf der Bühne seine Meinung nicht äußern". Bei der Eröffnungsfeier müssten "Grundsätze der olympischen Werte" eingehalten werden. Sie wurden.