Olympia

Eislaufklatsche und Dopingfrust Pechstein vergeigt es - und blafft genervt

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"Ob ich nun Vierte oder Achte bin, ist doch scheißegal": Claudia Pechstein.

(Foto: dpa)

Über 5000 Meter will Claudia Pechstein ihre zehnte olympische Medaille. Der Traum überlebt aber nicht mal die Hälfte der Eisschnelllaufstrecke. Die Watsch'n muss die 45-Jährige erstmal verkraften - doch ein allzu eiliger Doping-Kontrolleur funkt dazwischen.

In Südkorea ist heute Seollal, der Neujahrstag. Für die südkoreanische Gesellschaft war und ist er der wichtigste kulturelle Feiertag. Ein Tag mit festen Ritualen und mit guten Vorsätzen. Zwar wünschen sich die meisten Koreaner auch zum 1. Januar bereits das Allerbeste für das kommende Jahr. Aber es schadet sicher nix, die Wünsche jetzt noch einmal zu erneuern - oder zu verändern. Für Claudia Pechstein ist es daher also kein schlechter Tag, denn so kann sie ihre Pläne ja mal fix korrigieren. Bislang galt nämlich: eine Medaille bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Dieses Ziel hatte sie aber ausgerechnet am Seollal gehörig vergeigt. Über ihre Paradestrecke, die 5000 Meter, bekam die noch 45-Jährige eine schmerzhafte Eislauf-Watsch'n.

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Oranje boven: Esmee Visser.

(Foto: imago/Pro Shots)

Die 23 Jahre jüngere Niederländerin Esmee Visser holte in 6.50:23 Minuten überraschend Gold, vor Topfavoriten Martina Sablikova aus Tschechien (6.51:85) und der olympischen Athletin Russlands, Natalia Voronina (6.53:98). Pechstein landete nur auf Rang acht, gedemütigte 15 Sekunden hinter der jungen Siegerin. Bitter, "aber ob ich nun Vierte oder Achte bin, ist doch scheißegal. Wenn ich bis dahin noch lebe und mich qualifizieren kann, dann mache ich halt weiter bis Peking", sagte sie. Das sind allerdings noch vier Jahre. Bei einer jungen Athletin wie Visser, würde niemand einen solchen Satz wahrnehmen. Es ist halt normal. Andersherum wäre es eine Geschichte.

Bei Pechstein ist's dagegen natürlich eine Story. Sie ist 45 Jahre alt, wird in sechs Tagen 46. In der chinesischen Hauptstadt, wo 2022 tatsächlich Olympische Winterspiele stattfinden sollen, wäre sie 50. Ein ziemlicher Wahnsinn, fand eine Journalistin und haute verdutzt dazwischen: "Meinen Sie das wirklich ernst?" Eine tatsächlich berechtigte Frage, die im Pechstein-Lager aber nicht gut ankam. Wie so viele Fragen, die sie von Reportern gestellt bekommt - mindestens seit ihrer sehr umstrittenen Doping-Sperre 2009 wegen erhöhter Blutwerte - eine von Experten nachgewiesene, geerbte Anomalie gilt mittlerweile als Grund ihrer Werte. In großen Teilen ist sie rehabilitiert. Nur vom Weltverband, der die Sperre verhängt hatte, nicht. Das nagt bis heute heftig an ihr. Pechstein will endlich Genugtuung. "Sehen wir unernst aus", wuffte also Lebenspartner und Mentaltrainer Matthias Große auf die Nachfrage in der Medienrunde. Nein, das taten sie nicht. Eher wirkte das Duo total genervt. Und das hatte tatsächlich wieder mit Doping zu tun.

"Das kann doch nicht wahr sein"

Diesmal mit einem offenbar sehr aufdringlichen Abgesandten der Probensammler. "Das Rennen war noch nicht zu Ende, da kam sofort die Dopingkontrolle", schimpfte die Berlinerin. Stinksauer zerriss sie das Formular für den Test - zur Probe ging's dann später erst, nach der Medienrunde. Dort aber wütete Pechstein vorher nochmal tüchtig: "Das kann doch nicht wahr sein. In diesem Moment mit dem Formular zu winken." Ein echtes Unding. Erst recht nach einem Lauf, der ebenfalls ein ziemliches Unding - ein sportliches, gemessen an Pechsteins Ambitionen - war und nichts mit dem zu hatte, was die fünffache Olympiasiegerin noch bei der WM im vergangenen Jahr hier im Ice Oval von Gangneung gezeigt hatte, nämlich eine ganz starke Leistung in 6.53:93 Minuten. Eine Zeit, die am Seollal ganz knapp für Bronze gereicht hätte. Und für ihre Genugtuung gegenüber ISU-Präsident Jan Dijkema, den sie vor für ihre Sperre verantwortlich macht. Der Niederländer hätte ihr in Südkorea die anvisierte Medaille überreichen müssen.

Die sechsfache Weltmeisterin, die den einzigen 5000-Meter-Weltcup in dieser Saison gewonnen und sich so sportlich souverän für ihre siebten Spiele qualifiziert hatte, musste im vorletzten von sechs Paaren aufs Eis. Die stramme Bestzeit von Visser stand bereits auf der Uhr. Der Angang der "Eislaufoma" schnell, bis 2200 Metern ging der Plan mit 32er-Rundenzeiten auf - Platz eins in der virtuell mitlaufenden Wertung. Doch dann begann das Rennen rasant zu kippen, erst zog ihre kanadische Duellpartnerin Ivanie Blondin vorbei, dann brach der Zeitplan zusammen: Bei 3000 Metern stand eine 33er- Runde, dann folgten zwei 34er und der Sturz vom Podium, Platz vier, Platz fünf. Die letzten 1200 Meter stand sogar eine fünf hinter der drei. Die Zuschauer, so sie für Pechstein waren, stöhnten von Zwischenzeit zu Zwischenzeit immer lauter auf. Eine Legende strauchelt kämpfend nach 7.05:43 Minuten ins Ziel.

Ausgepumpt, abgeschlagen. Aber warum eigentlich? "Ich bin mit guten Rundenzeiten gestartet", sagte Pechstein. "Das ging bis zur sechsten, siebten Runde gut. Danach konnte ich das Tempo nicht mehr halten, ich weiß auch nicht, wieso." Es kam einfach kein Druck mehr, wie ihr Partner eilig analysierte. Der Versuch "voll auf Medaille zu gehen" war gescheitert. "Siegen oder sterben", sagte Pechstein, "Ich war heute eher Richtung sterben unterwegs." Und das mit fast 46. Wie soll das dann erst mit fast 50 werden?

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Quelle: n-tv.de

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