Olympia

Stolzer Tom Daley erfüllt Traum "Schwuler Mann und Olympiasieger"

94d4602b1df68ea843ec66b72c6fb925.jpg

Tom Daley ist jetzt auch Olympiasieger.

(Foto: REUTERS)

Bei seinen vierten Olympischen Spielen erfüllt sich Tom Daley seinen großen Traum: Im Synchronspringen gewinnt er gemeinsam mit Matty Lee Gold. Nach seinem Triumph sprudelt es aus ihm heraus. Als schwuler Ehemann, als Vater, als großes Vorbild macht er mit bewegenden Worten Mut.

"Ich bin ein schwuler Mann und außerdem ein Olympiasieger." Tom Daley hat auf der Pressekonferenz nach dem Wettkampf im Synchronspringen der Männer vom Zehn-Meter-Turm seine Stimme wiedergefunden. "Und ich fühle mich dadurch sehr bestärkt, denn als ich jünger war, hatte ich das Gefühl, dass ich nie etwas erreichen würde, weil ich so bin, wie ich bin." Es sind Sätze mit Strahlkraft, voller Stolz, Selbstbewusstsein und Zuversicht. "Ich hoffe, dass jede junge LGBT-Person da draußen sehen kann, dass, egal wie allein man sich gerade fühlt, man nicht allein ist. Du kannst alles erreichen." Es sind Worte, die anderen Mut machen sollen.

Zuvor in der Halle: Es erklingt die britische Nationalhymne, die wenigen versammelten Teamkollegen singen lauthals "God save the Queen" mit, doch dem Mann ganz oben auf dem Podium fließen die Tränen, er schluchzt unter seiner Mund-Nasen-Bedeckung. "Ich konnte noch nicht einmal mehr mitsingen. Ich hab nur noch geheult. Ich kann es einfach gar nicht fassen." Daley ist nach der Siegerehrung völlig fertig, aufgeregt und überdreht redet er im BBC-Interview. Der Superstar der Wasserspringer und Social-Media-Star mit 2,1 Millionen Followern bei Instagram und 895.000 Abonnenten bei Youtube ist Olympiasieger. Endlich.

"Mein Sohn hat am Fernseher gesehen, wie ich ein Olympiasieger wurde. Es gibt nichts, dass sich besser anfühlt als das", sagte der Vater des dreijährigen Robbie und: "Mein ganzes Leben wollte ich das erreichen, und ich springe jetzt schon seit 20 Jahren. Ein Traum wird wahr."

"Mein Sohn und mein Ehemann lieben mich"

Zum vierten Mal ist der 27-Jährige schon bei Olympischen Spielen dabei, 2008 wird er als 14-Jähriger Siebter und Achter - und springt sich schon damals in die Herzen der Fans. Jetzt, in Tokio, tritt er mit Matty Lee im Synchronspringen vom Zehn-Meter-Turm an und holt nach zweimal Bronze in London 2012 und Rio 2016 endlich das so ersehnte Gold.

Es ist die letzte Goldmedaille, die Daley noch in der Sammlung fehlte. Dreimal Weltmeister - 2009 als jüngster Springer aller Zeiten -, fünfmal Europameister sowie viermal Sieger der Commonwealth Games ist er bereits. Es ist aber auch das Gold, das ihn zuletzt nicht mehr ganz so unter Druck setzte. Weil er andere Prioritäten setzt. "Ich denke, jeder Athlet lügt, der behauptet, er möchte keine olympische Goldmedaille gewinnen. Aber am Ende des Tages bin ich ein Vater und ein Ehemann", sagte er der "Sun". "Früher habe ich mich darüber definiert, wie gut ich beim Turmspringen war. Aber jetzt gibt es andere Dinge in meinem Leben, die genauso wichtig sind."

Er meint sein Privatleben, seine Ehe mit dem amerikanischen Filmemacher und Oscarpreisträger Dustin Lance Black, ihren Sohn Robert Ray, der im Juni 2018 zur Welt kam. "Dank dieser Perspektive, dass mein Sohn und mein Ehemann mich lieben werden, egal wie gut ich springe, kann ich mein Bestes geben und bin in der Lage, es einfach zu genießen", sagte er der "Sun" vor Tokio. Daley nimmt seine Fans regelmäßig mit, gibt Familien-Einblicke, beantwortet gemeinsam mit Black Fan-Fragen. Sein Leben abseits des Beckens sorgt für noch mehr Aufsehen als seine überaus erfolgreiche sportliche Karriere.

Schon im Kindesalter wird er von einem TV-Sender begleitet, das große Talent schon damals gehyped. Wie sehr, zeigt sich an einer Anekdote aus der Jugend, die sein Sprungpartner Lee nun bei der Pressekonferenz erzählt: "Ich war ein Riesenfan. Ich erinnere mich, wie ich zu ihm gerannt bin, um ihn nach Fotos und Autogrammen zu fragen." Lee ist nur vier Jahre jünger. "Es gibt ein Foto von mir und Tom um das Jahr von Peking herum und es ist lustig, weil ich nur ein Kind mit einem großen Kopf bin. Wir haben sie mit einem anderen Foto zusammengefügt, das aktueller ist. Es ist lustig, wie sich die Dinge ändern. All diese Jahre war ich ein Fan, ein kleines Kind, das zu ihm aufschaute. Jetzt sind wir beste Kumpel und Olympiasieger." Für Lee ist es mit 23 Jahren der erste Olympia-Start, den er gleich mit Gold krönt.

"Dieser jemand ist ein Mann"

Nach Daleys Teilnahme in Peking wird der Hype immer größer. Und zieht weite Kreise, in der schwulen Szene ist er immens beliebt. Die Popularität steigt ins Unermessliche, als er im Dezember 2013 ein kleines Youtube-Video mit großer Explosionskraft veröffentlicht: "Im Frühling dieses Jahres hat sich mein Leben verändert, und zwar sehr", sagt er in dem Clip, der ihn zeigt, wie er gemütlich auf einer Couch sitzt, im Hintergrund Kissen in den Farben der britischen Flagge. "Ich habe jemanden getroffen, der mich glücklich macht und mir Sicherheit gibt. Es fühlt sich großartig an", sagt der damals 19-Jährige weiter. Dann holt er tief Luft: "Dieser jemand ist ein Mann." Tom Daley hat sein Coming-out, das Video ist seitdem knapp 13 Millionen Mal geklickt worden.

Der Mann, um den es 2013 geht, ist der, mit dem Daley seit Mai 2017 verheiratet ist: der 20 Jahre ältere Dustin Lance Black. Dieser postet bei Instagram nach dem Olympiasieg seines Mannes ein Video von sich und Daleys Mutter, mit der er den Wettkampf gemeinsam geschaut an: Beide rasten völlig aus, übertitelt ist das Video mit den Worten "Ich habe gesagt, dass sie uns von Kanada aus hören werden!"

Zittern müssen die beiden, wie Millionen Fans und auch Daley und Lee selbst bis zum Schluss. Hauchdünn setzen sich die Briten gegen die Chinesen Cao Youan und Chen Aisen durch - 1,23 Punkte trennen Gold und Silber, Bronze geht an die Russen Aleksander Bondar und Viktor Minibajew. Sie durchbrechen damit die chinesische Übermacht in ihrem Sport, alle vier Goldmedaillen zuvor gingen nach China. "Wir waren total im Flow, alles hat ineinander gegriffen", so Daley nach dem Triumph. Ein zweiter könnte folgen: Daley geht auch noch im Einzelspringen vom Zehn-Meter-Turm an den Start. Die Qualifikation, bei der auch die Deutschen Timo Barthel und Jaden Eikermann antreten, ist am 6. August, das Finale einen Tag darauf.

Daley ist wie viele Olympiasieger einer, der es nicht fassen kann. Dabei ist er - wäre es nur so einfach - seinem Motto gefolgt: "Ich bin in dieser Hinsicht auch ziemlich impulsiv. Egal, ob es darum geht, ein viertes Mal bei Olympischen Spielen dabei zu sein, Stricken und Häkeln zu lernen, oder Vater zu werden. Ich bin ein großer Träumer, aber ich setze dem, was ich erreichen kann, auch keine Grenzen, und ich denke, das habe ich einfach noch nie getan." Sein Coming-out, sein Sohn, sein Olympiasieg beweisen es.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.