Erster Heli-Einsatz auf StelvioSki-Giganten fürchten das dunkle "Gemetzel"

Dunkel und eisig: Die Stelvio in Bormio ist eine berüchtigte Abfahrtsstrecke. Schon im Training fliegt der Rettungshubschrauber. Die Experten erwarten auch bei den olympischen Rennen Bedrohliches.
Es dauerte nicht lange, da knatterten schon die Rotorblätter. Gleich beim ersten Training für die Olympia-Abfahrt der Männer am Samstag in Bormio musste der gelbe Rettungshubschrauber aufsteigen - ans Seil gehängt wurde der Norweger Fredrik Möller. Er hatte sich die Schulter ausgekugelt. So schlimm wie 13 Monate zuvor, als der Franzose Cyprien Sarrazin nach seinem furchterregenden Sturz auf der Stelvio mit dem Tode rang, war es nicht, trotzdem: Auf der Strecke im Schatten des Stilfserjochs ist immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Die Stelvio, sagte Weltcup-Dominator Marco Odermatt noch am Tag vor Sarrazins Unfall, der sich damals im zweiten Trainingslauf ereignete, sei "ein Kampf ums Überleben". Aber: Das wisse man, "wenn man Weihnachten verlässt und nach Bormio kommt". In der Tat stehen die Rennen auf der Stelvio im Weltcup traditionell Ende Dezember auf dem Programm, dann ist die Piste eisig, ruppig - und die Lichtverhältnisse sind suboptimal. Es sind diese Bedingungen, die die Stelvio so berüchtigt und gefährlich machen.
"Wenn die Piste so präpariert ist, dann kommt kein exotischer Fahrer herunter", behauptete der Schweizer Stefan Rogentin nach dem Sturz von Sarrazin mit Blick auf Olympia. Sarrazins Mannschaftskollege Nils Allègre echauffierte sich: "Mit einer Piste wie dieser verdienen sie keine Olympischen Spiele." Es blieb die Hoffnung, dass sich alles bessern würde - vor allem, weil das Rennen am Samstag (11.30 Uhr/ARD und Eurosport) im Februar ausgetragen wird. Die Sicht soll nun besser sein. Soll.
"Es ist immer noch dunkel und eisig"
Nach dem ersten Trainingslauf gingen die Meinungen allerdings weit auseinander. Da es viel geschneit hat in den vergangenen Tagen, liegt stellenweise noch Neuschnee auf der 3,5 Kilometer langen Strecke, "es war schon sehr wechselhaft", berichtete Simon Jocher, einziger deutscher Starter am Samstag. Sein ehemaliger Teamkollege Josef Ferstl, der 15 Weltcup-Rennen auf der Stelvio bestritt (und dabei nie über Rang elf hinauskam), formulierte es am Mikrofon von Eurosport/HBO Max drastischer: "Das wird ein Gemetzel da runter."
Ein Gemetzel? "Es ist ganz anders als im Dezember", bestätigte der Österreicher Vincent Kriechmayr, Weltmeister von 2021. Er betonte aber zugleich: "Die wahre Stelvio werden wir am Samstag sehen." Franjo von Allmen, amtierender Weltmeister aus der Schweiz, berichtete: "Wir dachten, im Februar ist es besser. Aber es ist immer noch dunkel und eisig. Es ist die Stelvio."
Und die zeigte auch im zweiten Training ihre Krallen. Der Österreicher Daniel Hemetsberger verlor bei einem Sturz seinen Helm und zog sich blutende Gesichtswunden zu - bei strahlendem Sonnenschein. "Also familiär ist es nicht", bekräftigte von Allmen.
Als Meister der Strecke gilt Dominik Paris. Siebenmal hat der Südtiroler dort im Weltcup schon gewonnen, fünfmal eine Abfahrt, zweimal einen Super-G. "Sie ist noch nicht in einem perfekten Zustand", sagte er, die Bedingungen seien "wechselhaft", aber: "Es ist schön, hier zu sein."