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Sie fliegt höher und schöner als alle anderen: die erst 17-jährige Chloe Kim.
Sie fliegt höher und schöner als alle anderen: die erst 17-jährige Chloe Kim.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 13. Februar 2018

Superjung, streng - und hungrig: Snowboard-Überfliegerin Kim hasst Schnee

Die US-Amerikanerin Chloe Kim ist die strahlende Olympiasiegerin im Halfpipe-Wettbewerb der Snowborderinnen. Die 17-Jährige bietet in der südkoreanischen Heimat ihrer Eltern den Stoff fürs perfekte Märchen. Dabei kann sie eins überhaupt nicht leiden - Schnee.

Den olympischen Snowboard-Triumph in der Heimat ihrer Familie widmete Supertalent Chloe Kim ihren Eltern und ihrer Großmutter. Mama Boran Yun Kim und Papa Jong Jin Kim waren 1982 aus Südkorea in die USA ausgewandert. Nun reiste Chloes Oma aus Seoul an, um ihrer Enkelin in Pyeongchang zum ersten Mal bei einem Halfpipe-Wettkampf zuzuschauen. "Als ich herausgefunden habe, dass sie hier ist, habe ich gedacht: Das ist für sie", sagte die 17 Jahre alte Kim. "Das ist alles verrückt. Meine Geschichte mit der Welt zu teilen, ist unglaublich."

Ihre Mutter weint, ihr Vater nicht - sehr zum Entsetzen von Chloe Kim.
Ihre Mutter weint, ihr Vater nicht - sehr zum Entsetzen von Chloe Kim.(Foto: REUTERS)

Ihre Beziehung zum Gastgeberland hatte für einen riesigen Hype und Andrang gesorgt, wie es ihn vor dem Finale mit Superstar Shaun White im Phoenix Snow Park noch um keinen der Snowboard- und Ski-Artisten gegeben hatte. Längst gilt sie als weibliches Pendant zu ihrem Landsmann: "Sie erinnert mich definitiv an mich", sagte White. Die Erwartungen also waren riesig. Doch der Teenager steckte all den Druck auf der größten Sport-Bühne weg. Auf dem Podium im Zielbereich wischte sich Kim die Freudentränen aus dem Gesicht. Sie hasst es eigentlich, zu weinen.

Ihre Eltern, Geschwister und weitere Verwandte standen im Publikum. Als sie den ersten Interview-Marathon bewältigt hatte, floh sie in die Arme ihres Vaters. "Mein Vater hat nicht geweint, was ich überhaupt nicht verstehen kann", erzählte Kim. Ihre Pflichten als Olympiasiegerin löste die Jugendliche lässig und ebenso souverän, wie sie das Finale in der Halfpipe zuvor dominierte. Auf Koreanisch heißt Kim übrigens "Gold".

"Ich bin ein bisschen streng mit mir"

Sie selbst wäre nicht zufrieden gewesen, ohne ihre Topleistung mit Gold in die USA zurückzukehren. So bewies es sich Kim im letzten Lauf noch einmal selbst, obwohl ihr der Sieg schon nicht mehr zu nehmen war. Sie brillierte mit zwei Sprüngen namens 1080, jeweils drei Drehungen um die eigene Achse. Zur Maximalpunktzahl von 100 fehlte bei der Wertung von 98,25 Punkten kaum etwas. "Ich hätte auch den dritten Run noch ein bisschen besser machen können, ich bin ein bisschen streng mit mir", sagte Kim, die als damals 15-Jährige als erste Frau eine 100 von der Jury erhalten hatte.

Klar abgeschlagen holte Liu Jiayu mit Silber die erste Snowboard-Medaille bei Olympia für China (89,75). US-Teamkollegin Arielle Gold (85,75) wurde Dritte. Kims Vorbild, Kelly Clark, blieb nur Platz vier: "Chloe ist reifer als normal für ihr Alter", sagte die erfolgreichste Snowboard-Olympionikin. Sie ist nicht nur reif, sondern auch verdammt talentiert. Schon 2014 hätte es Kim ins Olympia-Team der USA geschafft, mit 13 war sie für Sotschi aber schlicht zu jung. Bei den X-Games, dem Hochamt der Snowboarder diesseits von Olympia, belegte Kim 2016 zwei erste Plätze, seitdem galt sie als Golden Girl für Pyeongchang. Sie wird unterstützt von keinem Geringeren als dem Szene-Patriarch Jake Burton, Miterfinder des Snowboards.

"Ich hasse Schnee"

Dabei ist es ziemlich überraschend, dass die Südkalifornierin in einer Wintersportdisziplin für Furore sorgt. "Ich hasse Schnee", sagte Kim. "Wenn es an einem Tag, an dem ich  trainieren soll, schneit, schaue ich in voller Ausrüstung aus dem  Fenster und denke mir: hm, vielleicht heute lieber nicht. Ich hasse  es, zu frieren. Wenn meine Hände kalt werden, gehe ich rein, wärme  sie auf und gehe grundsätzlich nicht mehr raus. Ich bin ein Weichei."

Weichei kann nicht stimmen - sie arbeitet hart für ihre Karriere: Kim begann schon als Vierjährige mit dem Snowboarden, weil ihr Vater es wollte. Mit sechs fuhr sie den ersten Wettkampf und entwickelte so großes Potenzial, dass ihr Vater für die Reisen seinen Beruf aufgab. Auch ansonsten ist ihre Geschichte ziemlich kitschig. Als Vater Jong Jin in die USA kam, hatte er nur 800 Dollar in der Tasche. Er kaufte sich ein Auto davon. Es wurde ihm geklaut. Er fing von vorne an, machte in Immobilien, hatte Erfolg. Tochter Chloe folgte ihm, besitzt mittlerweile einen Apartmentkomplex in Südkorea und ein Bleibe in Las Vegas. Sie fährt einen aufgemotzten Toyota Prius - aber die Eltern gewähren ihr nur 800 Dollar Taschengeld im Monat.

Nun ist die jüngste Snowboard-Olympiasiegerin der USA der Typ neue Generation, den sich IOC-Präsident Thomas Bach für die Fun-Sportarten wünscht. Sie tritt erfrischend auf, könnte ein Vorbild für andere Jugendliche sein. Fans mit amerikanischen und südkoreanischen Fahnen riefen ihren Namen. Auf Twitter hat sie an Beliebtheit gewonnen. Bei der Qualifikation dachte Kim an ein Eis - und teilte das prompt im Internet mit. Selbst mitten im Finale hatte sie Zeit für die sozialen Netzwerke. Wieder berichtete sie über Appetit, weil sie ihr Frühstückssandwich nicht aufgegessen hatte. Der Gedanken an Essen schien auch nach ihrem Olympiasieg ihr größtes Problem: "Ich habe so einen Hunger", klagte das Supertalent.

Quelle: n-tv.de