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Mittwoch, 14. Februar 2018

Kims schrille Girls, Zonenjubel: So bizarr ist koreanisches Olympia-Eishockey

Von Tobias Nordmann, Pyeongchang

Das koreanische Vereinigungsteam ist bei den Olympischen Spielen chancenlos. Dennoch ziehen die Fans massenweise in die Eishockey-Arena, um die Frauen anzufeuern. Das ist durchaus skurril, was auch an Kims "Beauties" liegt.

Ein Eishockeyfeld besteht aus drei Zonen, der Verteidigungszone, der neutralen Zone und der Angriffszone. Das ist internationaler Standard. Was abweicht, ist die Größe der Eisfläche. In Nordamerika etwa ist sie deutlich kleiner als in den europäischen Ligen, das Spiel dadurch schneller. Das ist sportliches Basiswissen, belanglos für den gesamtkoreanischen Eishockey-Fan. Er beschäftigt sich beim Olympischen Heimspiel in Pyeongchang lieber leidenschaftlich mit der Wissenschaft atmosphärischer Zonen-Kultur. Eine durchaus lustige Disziplin ist das, aber auch sehr anstrengend. Schwer dagegen ist sie nicht.

Ein Tor, ein Tor!
Ein Tor, ein Tor!(Foto: dpa)

Ist das eigene Team in der Verteidigungszone, singen die Zuschauer laut. Schaffen es die überforderten Spielerinnen einmal über die erste blaue Linie (kommt durchaus regelmäßig vor), eskalieren die Fans vorsichtig. Spielt sich das Team über die zweite blaue Linie (kommt manchmal vor), eskalieren sie kontrolliert. Schießt eine Spielerin aufs Tor (kommt selten vor), eskalieren sie kollektiv und komplett. Und erzielt das Team aus Nord- und Südkoreanerinnen gar einen Treffer, tja, was geht dann noch? Nicht vorgesehen, weil unmöglich? Vielleicht, ja. Weder beim 0:8 gegen die Schweiz gelang ein Tor, noch beim 0:8 gegen Schweden. Und auch im dritten Vorrundenspiel gegen Japan läuft's an diesem Mittwochabend bitter.

Nach vier Minuten steht's bereits 0:2. Die Wissenschaft der atmosphärischen Zonen-Kultur behandelt nur das Grundrauschen. Also singen, den Geist des international beachteten, im eigenen Land aber durchaus kritisch gesehenen Gemeinsamen feiern: "We are one, we are one." Doch dann, nach ein paar wenigen (weil seltenen) vorsichtigen, kontrollierten und kompletten Eskalationen "are we überrascht". Tor für Korea! Randi Griffin lümmelt den Puck in Minute 30 mit so viel Schussglück und Torwartpech über die Linie, dass es ihr selbst peinlich ist. Und jetzt? Erstmal schreien. Weiß ja keiner, was die Zonen-Wissenschaft über die kollektive Eskalation stellt. Auch Kim Jong-un's professionelle "Army of Beauties" ist überfordert. Sie wippt einfach weiter, schwenkt das Vereinigungsfähnchen. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur beleidigt, weil ihnen, den züchtig Gekleideten, in der Drittelpause eine koreanische Sängerin mit weißen Stiefeln und kurzem Kleid vorgesetzt wurde?

Das erste koreanische Olympiator!

Nun, egal. Bully, das Spiel läuft wieder. Jetzt aber im Vollrausch. Irgendjemand scheint den 4111 Zuschauern im Kwandong Hockey Center dann doch gesteckt zu haben: "Leute, das war Geschichte!" - das erste koreanische Olympiator! Die Halle ist von jetzt auf gleich maximal am Anschlag. Wie bei einer Sturmflut schwappen die Wellen jetzt über die Tribünen, orchestriert von der Chefchoreografin des nordkoreanischen Kim-Regimes. Die Fahne als Taktstock schwingend läuft sie vor ihren diesmal in weiß-blau-rote 70er-Jahre-Trainingsanzüge gekleideten Cheerleadern her. Aufstehen, setzen, aufstehen, setzen - ganz schön anstrengend ist das. Aber es beansprucht endlich auch mal andere Muskelgruppen als der sonst übliche, unersättliche monotone Links-Rechts-Links-Rechts-Akkord.

Wie eine Sturmflut klatschen nun auch die koreanischen Angriffswellen in die japanische Verteidigungszone. Finte Jongah Park, Schuss Jongah Park, der Puck rasiert den kurzen Pfosten. Aus der Ferne grölt Mickie Krause "Reißt die Hütte ab". Die atmosphärische Zonen-Wissenschaft ist komplett ausgehebelt. Die gemischten Koreanerinnen, die in dieser Halle kollektiv geliebt, im Land aber auch durchaus kritisch gesehen werden, drängen mutig und vehement auf den Ausgleich. Präziser, eigentlich nur ihre Amerikanerin und Jongah Park. Der Rest bemüht sich. Motiviert geht's aber bei allen nach vorne, weniger motiviert nach hinten.

Auf eine Chance der Gastgeberinnen folgen so meist vier der Gäste. Was Japan daraus aber macht, ist nix. Wieder und wieder rasen sie alleine, zu zweit oder zu dritt auf Koreas Keeperin Jongso Shin zu, die offenbar so etwas wie der asiatische Eishockey-Manuel-Neuer ist. Ein Schuss, kein Treffer - so geht das minutenlang. Fanghand, Schoner, Stock, Maske, Schulter. Sie setzt alles ein, was sie besitzt. Einmal sogar bäuchlingsliegend die Kufe. Ein "scorpion kick" auf dem Eis, ein Wahnsinn. Die Zuschauer nehmen das aber kaum noch wahr, oder doch? Die Stimmung hat einfach jede Amplitude überholt, ist konstant am Anschlag.

Dann der nächste Konter, drei gegen eins, Shiori Koike wird freigespielt und findet die Lücke zwischen Fanghand, Schoner, Stock, Maske, Schulter und Kufe. 1:3, die Entscheidung. Zurück zur geordneten Zone. Die Eskalationen wieder richtig sortieren. Das Spiel endet 1:4, Korea fängt sich in der letzten Minute noch ein "Empty-net-goal". Von den Rängen gibt's erst sehr höflichen Beifall - die radikale Eskalationsebbe - und dann Kuscheltiere in den Farben braun, grau, weiß. Warum? Weiß irgendwie niemand. Auch die Spielerinnen offenbar nicht. Die meisten Plüschdinger bleiben auf dem Eis liegen. Die "Army of Beauties" singt derweil in nahezu perfekter Synchronität und mit ihren schrillen Stimmen Neujahrslieder. Freitag ist hier Jahreswechsel.

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Quelle: n-tv.de