Olympia

Olympia-Abschied ins Ungewisse Vonn deutet ihre Erfolgsgeschichte um

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Bronze halt: Lindsey Vonn.

(Foto: dpa)

In Pyeongchang tritt Lindsey Vonn an, um auf der olympischen Bühne ein letztes Mal Gold zu holen. Das misslingt gleich zweimal, doch schwerer als die verpassten Siege wiegt ohnehin der Abschied - und ihre Sorge vor dem Danach.

Kein Drama, eher Demut, dafür wieder ein kleines bisschen Diva. Den großen Auftritt bei der Pressekonferenz als letzten, als wichtigsten Akteur mit statusangepasster Verspätung, den beanspruchte Lindsey Vonn für sich. Trotz "nur" Bronze in der Abfahrt, in der sie an diesem Mittwoch doch eigentlich Gold gewinnen wollte. Für sich und für ihren verstorbenen Opa, der eine ganz besondere Beziehung zu dem Gastgeberland der Olympischen Spiele hat. Er hatte für die USA im Koreakrieg kämpfen müssen. Tränenintensiv hatte die amerikanische Ski-Rennläuferin die geplant große Show am Tag der Eröffnungsfeier eingeläutet. Nicht gespielt, sondern ehrlich, aber eben vor einer Kulisse, die sich anbietet, das perfekte Manuskript zu schreiben, schreiben zu wollen.

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Die Besten: Ragnhild Mowinckel, Sofia Goggia - und Lindsey Vonn.

(Foto: AP)

Doch die emotionale Heldengeschichte bleibt in der Schublade. Weil es Sofia Goggia gibt. Die starke Italienerin, die immer mal wieder für einen schweren Patzer bekannt ist, setzte diesmal die perfekte Fahrt in den Schnee am Berg Gariwang und ist nun Olympiasiegerin von Pyeongchang. Nicht aber, ohne einen kurzen Ester- Ledecká -Moment zu durchzittern. Diesmal war's nicht die Nummer 26, die Glückszahl der tschechischen Super-G-Sensation, die für spätes Adrenalin in der Leaders Box sorgte, sondern die Nummer 19, getragen von Ragnhild Mowinckel. Bestzeit, Bestzeit, Rückstand, Bestzeit, 0,09 Sekunden Rückstand im Ziel. Die Winzigkeit von 2,51 Metern, nach mehr als 100 Fahrsekunden auf der 2775 Meter langen Piste. "Bitte Jesus, lass mir die Goldmedaille", schoss der Siegerin bei der Fahrt der Norwegerin fortwährend durch den Kopf, wie sie hinterher sagte.

Mit derweil Aufwallungen musste sich Ski-Darling Vonn nicht beschäftigen. Als Siebte ging die Amerikanerin ins Rennen, als zweite Läuferin nach der Goggia. Und als Zweite kam sie unten an, als erste Läuferin hinter Goggia. Wieder geschlagen, wie schon im Super G, als sie sich mit einem wuchtigen Ausritt kurz vor dem Ziel selbst alle Chancen nahm. Der Traum vom zweiten Abfahrtsgold nach Vancouver hatte sich so nun früh erledigt. Aber es war eben auch nur auf dieses Duell angekommen: "Ich wusste, dass sie es ist, die ich heute schlagen muss", erklärte Vonn. "Ich hatte eigentlich einen guten Lauf, aber vielleicht war ich zu präzise unterwegs. Ich bin aber trotzdem sehr glücklich und sehr stolz darauf auf dem Podium zu stehen." Aus der tragischen Heldengeschichte soll eine emotionale Abschiedsstory werden. Die Hoheit der Interpretation, Vonn versteht sie perfekt.

"Habe es geliebt, hier zu fahren"

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Und tatsächlich liefert sie die Geschichte. Nicht die der geschlagenen Topfavoritin, sondern die der wehmütigen Olympionikin. Die Abfahrt in Jeongseon war ihr vorletzter Wettkampf bei Winterspielen. Die weniger wertige Kombination am Freitag  fährt sie noch. "Natürlich werde ich die Olympischen Spiele vermissen. Ich habe es geliebt, hier zu fahren, diesen besonderen Druck im Starthaus zu spüren", sagte sie mit feuchten Augen. Ein letztes Mal hatte sie sich reingeschmissen in dieses besondere Gefühl, das es nur alle vier Jahre gibt. Vor den Augen ihrer Familie. Auch vor den Augen ihres Vaters Alan Kildow, zu dem sie wegen ihrer ersten Ehe mit Thomas Vonn jahrelang ein schwieriges bis gar kein Verhältnisse hatte. "Es bedeutet mit sehr viel, dass sie hier sind. Ich bin auch für sie gefahren."

Und am liebsten würde sie weiterfahren, immer weiter. Die Momente auf ihren Skiern sind die Konstante im Leben von Lindsey Vonn. Seit Jahren leidet sie an Depressionen, wird mit Medikamenten, mit Angsthämmern behandelt. Es gibt Tage, da kann sie nicht aufstehen. Da ist sie von ihren Zweifeln gelähmt. Über das Motivationsbuch "Stark ist das neue schön", das sie im Oktober 2016 herausgebracht hat, schrieb sie: "Ich fühle mich stark, wenn ich trainiere und ich fühle mich stark, bei allem, was ich auf dem Berg tue. Oft aber fühle ich mich auch unsicher, habe kein Selbstbewusstsein. Nur auf dem Berg, da bin ich zu 100 Prozent sicher."

Doch die Konstante Berg, sie ist nur noch eine auf Zeit. Der Körper der Amerikanerin ist vom Spitzensport und einem Wahnsinn an Verletzungen zerstört. Ein, maximal zwei Jahre wird sie noch im Weltcup fahren. Was dann kommt? Eine konkrete Perspektive für das Leben abseits von Ski und Schnee hat Vonn nicht. Eine Leidenschaft auch nicht, außer Hündchen Lucy freilich. Auch einen Mann gibt's nicht. Am Valentinstag startete sie via Twitter einen halb lustig gemeinten, halb verzweifelten Dating-Aufruf. Die Rückmeldungen? So zahlreich wie plump. Ziel verfehlt. Zwei andere Ziele möchte sie dagegen auf gar keinen Fall auslassen: Den Weltcup-Siegrekord der schwedischen Legende Ingemar Stenmark. Er steht bei 86, die Amerikanerin bei 81. Und einen Start in einem offiziellen Abfahrtsrennen der Herren, denn in der Damenkonkurrenz war sie sich zwischenzeitlich selbst zu dominant geworden.

Neue, starke Konkurrenz ist aber mittlerweile erwachsen. Zwei 25-Jährige, die die Ski-Diva bei den Spielen in der Abfahrt geschlagen haben. Beim Super G war's gar eine 22 Jahre alte Snowboarderin. Bei Twitter postet die Amerikanerin nun aber euphorisch: "Ich bin die älteste weibliche Olympiamedaillengewinnerin, wie cool." Lindsey Vonn schreibt ihre Erfolgsgeschichte einfach um. Bronze? "Amazing!"

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Quelle: n-tv.de

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