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Deutsche NHL-Profis fiebern mit Wenn der kleine Bruder auf den Olymp stürmt

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Schöne Grüße in die USA: Yannic Seidenberg, rechts, nach dem Sieg gegen Kanada mit seinem Kollegen Matthias Plachta.

(Foto: REUTERS)

Das ist eine Riesensensation, ein echtes Eishockeywunder: Das deutsche Team stürmt in Südkorea ins Finale und kämpft gegen die Olympischen Athleten Russlands um Gold. Die NHL-Kollegen in Amerika schauen zu - und sind nervös.

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag ist für Philipp Grubauer kurz. Um drei Uhr kommt der Torhüter der Washington Capitals vom Spiel in der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL bei den Florida Panthers zurück, 30 Minuten später liegt er daheim in Arlington im Bett. Und nur knapp drei Stunden später klingelt der Wecker. Doch Grubauer ist sofort hellwach und voller Freude. Er greift zu seinem iPad und verfolgt, wie seine Kollegen von der deutschen Nationalmannschaft in Pyeongchang gegen Titelverteidiger Kanada um den Einzug ins olympische Finale spielen. Und wie sie es tatsächlich schaffen.

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"Wenn ich dabei gewesen wäre, wären die NHL-Spieler der anderen Länder auch dabei. Und dann wäre es unwahrscheinlicher für Deutschland gewesen, ins Finale zu kommen": Dennis Seidenberg.

(Foto: imago/Icon SMI)

In Toronto sitzt zur gleichen Zeit Dennis Seidenberg im Hotelbett. Er ist am Abend zuvor mit den New York Islanders bei den Toronto Maple Leafs zu Gast gewesen. Auch er hat sich den Wecker früh gestellt. Auch er fiebert mit dem Nationalteam, das gerade in Südkorea Geschichte schreibt. Seidenberg kennt alle Spieler bestens - einen jedoch ganz genau. Den Mann mit der Rückennummer 36. Yannic Seidenberg, seinen jüngeren Bruder.

In Kalifornien ist es bei Spielbeginn erst kurz nach vier Uhr. Doch im Haus von Korbinian Holzer in Irvine brennt trotzdem bereits Licht. Der Verteidiger der Anaheim Ducks ist natürlich aufgestanden, um seinen Jungs im Halbfinale von Pyeongchang die Daumen zu drücken. Dass Holzer, Seidenberg und Grubauer ebenso wie Leon Draisaitl, Tobias Rieder, Tom Kühnhackl und Thomas Greiss nicht selbst auf dem olympischen Eis stehen, sondern ihrem Arbeitsalltag in Nordamerika nachgehen, liegt daran, dass die NHL es ihren Profis erstmals seit 1994 nicht erlaubt hat, an den Winterspielen teilzunehmen.

"Würden alle gerne für Deutschland spielen"

Er ärgere sich, nicht dabei zu sein, sagt Seidenberg im Gespräch mit n-tv.de, betont aber zugleich: "Wenn ich dabei gewesen wäre, wären die NHL-Spieler der anderen Länder auch dabei. Und dann wäre es unwahrscheinlicher für Deutschland gewesen, ins Finale zu kommen." Ebenso wie Grubauer, Draisaitl, Rieder, Kühnhackl und Holzer hatte er die Sommerpause im August 2016 verkürzt, um beim Qualifikationsturnier in Riga spielen zu können. Kühnhackl schoss beim entscheidenden 3:2 gegen Lettland das Siegtor, Grubauer rettete mit großartigen Paraden in der Schlussphase den Erfolg - dennoch schauen sie jetzt nur zu.

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"Wir würden alle gerne für Deutschland spielen: Philipp Grubauer.

(Foto: imago/Icon SMI)

"Wir würden alle gerne für Deutschland spielen", betont Grubauer. Andererseits, so der 26-Jährige, öffne die jetzige Situation halt "die Türen für andere Spieler, die ansonsten vielleicht nicht die Chance gehabt hätten." Nach dem ersten Drittel führt Deutschland gegen Kanada 1:0. Grubauer legt sein iPad weg. Er will den Rest des Spiels auf dem Großbildfernseher im Wohnzimmer verfolgen. Als der Mittelabschnitt gespielt ist, steht es sogar 4:1 für den Außenseiter. In Toronto nutzt Seidenberg die Drittelpause, um "schnell zu frühstücken." Holzer packt in Irvine zur gleichen Zeit seine Trainingstasche. Er spielt derzeit im Farmteam der Ducks, den San Diego Gulls. Bis zur Trainingshalle ist es etwas mehr als eine Stunde Fahrzeit. Eigentlich hätte er schon längst im Auto sitzen müssen, doch die mögliche Sensation in Pyeongchang hält ihn bis zur fünften Minute des Schlussdrittels vor dem heimischen Fernseher.

In Südkorea beginnt für das deutsche Team gerade die schwerste Phase. Kanada verkürzt auf 3:4. In Kalifornien leidet Holzer. Wie steht's? Wie lange ist noch zu spielen? Wie wackelig ist die deutsche Führung? Über Social Media verfolgt der Verteidiger im Auto das Spiel so gut es eben geht. Zudem versorgt ihn Freundin Daniela von daheim mit Textmitteilungen. Am anderen Ende der USA kommen Grubauer erste Gedanken ans Finale - eine völlig neue und irgendwie beunruhigende Situation. "Als mir im letzten Drittel durch den Kopf ging, dass die es tatsächlich schaffen können, wurde ich schon ein wenig nervös", sagt der Torwart. "Die letzten fünf Minuten habe ich fast kaum hinschauen können."

Es ist ja nur ein Spiel - "Warum nicht?"

Seidenberg textet derweil im Hotel mit seinen kanadischen Mitspielern hin und her. Vor allem mit Stürmer John Tavares gibt es einige Frotzeleien. Als in Pyeongchang die Schluss-Sirene ertönt, lacht Seidenberg laut und ein wenig ungläubig auf. Holzer ist regelrecht sprachlos. "Mir fehlen immer noch ein bisschen die Worte. Das muss man ja alles erstmal einordnen und realisieren." Grubauer spricht von einem "super Spiel. Die Jungs haben wie immer gefighted. Unglaublich."

Seidenberg versucht, seinen Bruder zu erreichen. Eine halbe Stunde nach Spielende reden beide via Facetime. Dennis Seidenberg bekommt die Freude in der Kabine live mit. "Das war sehr schön, das zu sehen." Seidenberg hat nach Bundestrainer Marco Sturm von allen Deutschen die meisten NHL-Spiele (922) absolviert. Er hat 2011 als zweiter Deutscher nach Uwe Krupp den Stanley Cup gewonnen, war dreimal bei Winterspielen dabei und wurde im Vorjahr zum besten Verteidiger der Weltmeisterschaft gekürt.

Doch beim größten Erfolg der langen deutschen Eishockeygeschichte steht nicht er auf dem Eis, sondern sein unbekannterer Bruder, der es nie in die NHL geschafft hat. "Ich freue mich für Yannic, dass er Gold oder Silber gewinnen wird. Das gönne ich ihm richtig, weil er sehr hart dafür gearbeitet hat", sagt Dennis Seidenberg. Im Finale gegen die favorisierten Olympischen Athleten Russlands traut er Deutschland alles zu. Es sei ja nur ein Spiel. "Warum nicht?"

Holzer sieht das Team als "eingespielte Truppe", dessen Akteure sich "kennen und deshalb bei Turnieren nie viel Eingewöhnungszeit brauchen." Die Mannschaft, so Holzer, stehe über allem - und alle würden zusammen halten. Und so könne man eben "Bäume ausreißen." Grubauer glaubt Deutschland trotz des Finaleinzuges noch nicht am Ziel. Er erwartet eine "jetzt erst Recht-Einstellung". Sich jetzt mit Silber zufriedenzugeben, sagt Grubauer, wäre "wie einen Marathon zu laufen und bei Kilometer 40 aufzuhören".

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Quelle: n-tv.de

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