Olympia

Fragwürdige 200-Meter-Show Zum Glück kein Weltrekord

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Thompson-Herah (gelbes Trikot) auf dem Weg zum Olympiasieg.

(Foto: REUTERS)

Nach dem phänomenalen Halbfinale wäre alles andere eine Überraschung gewesen: Gold über 200 Meter geht nach 2016 in Rio auch bei den Olympischen Spielen in Tokio an Elaine Thompson-Herah. Die Zeit der Jamaikanerin ist erneut sensationell, aber kein Weltrekord. Das ist irgendwie eine gute Nachricht.

Womöglich waren sie selbst erschrocken von der Macht der Bilder. Also machten sie es nun besser. Kaum war der Sprint über 200 Meter beendet, ging Shelly-Ann Fraser-Pryce zu Elaine Thompon-Herah und umarmte ihre jamaikanische Kollegin, die neue alte Olympiasiegerin. Nicht sonderlich herzlich, aber immerhin ein bisschen. Das sah schon deutlich weniger nach Wut und Missgunst aus als noch am Samstag.

Nach Thompson-Herahs Triumph über 100 Meter war sie von ihren Kolleginnen gnadenlos alleine gelassen worden. Die Blicke, voller Kälte. Dann gab's einen Klaps auf die Schulter. Die höchste Form der Anerkennung in einem offenbar nicht freundschaftlichen Jamaika-Team. Tatsächlich mögen sich die beiden Super-Sprinterinnen nicht, sie respektieren sich bloß. Bestenfalls.

Die zweite Kollegin, die sich neben Fraser-Pryce nicht für Thompson-Herah freuen konnte und wollte, war Shericka Jackson. Auch über 200 Meter wäre sie eine Frau für das Finale gewesen. Aber sie hatte sich im Vorlauf brutal verzockt, hatte viel zu früh und ohne jede Not das Tempo rausgenommen und wurde böse bestraft. Weder über ihren Platz, noch über ihre Zeit schaffte sie es ins Halbfinale. Das wurde dann bereits zur ganz großen Show der neuen Olympiasiegerin. Mit einer Leichtigkeit war die 27-Jährige über die ultraschnelle Mondo-Bahn gerauscht, die an die größte Sprinterin erinnerte, die es je gab. An die ebenso legendäre wie umstrittene Florence Griffith-Joyner. Thompson-Herah ließ den Lauf so phänomenal lässig aussehen, dass man noch reichlich ungenutztes Potenzial witterte.

Wohl niemand hätte sich also gewundert, wenn an diesem Dienstagabend (Ortszeit) auch der 33 Jahre alte Rekord der längst verstorbenen Legende gefallen wäre. Nachdem am Mittag (Ortszeit) bereits Karsten Warholm für eine surreale Zeit über 400 Meter Hürden gesorgt hatte. Als erster Mensch überhaupt war der Norweger unter 46 Sekunden über diese Distanz geblieben. Aber die beste Zeit der Geschichte fiel nicht. Thompson-Herah dominierte das Rennen zwar, bei dem sie nur etwa bis zur Hälfte ernsthafte Konkurrenz von Fraser-Pryce und der Amerikanerin Gabrielle Thomas fürchten musste, aber am Ende fehlten ihr 19 Hundertstel. Als Trost für den verpassten Weltrekord steht die Jamaikerin nun immerhin mit der zweischnellsten Zeit in den Büchern, mit 21,53 Sekunden.

Das Ende einer langen Leidenszeit

Tatsächlich sind in den schnellen Wettbewerben von Tokio in den vergangenen Tagen erstaunliche Dinge passiert. Unter anderem ja auch der spektakuläre und völlig unerwartete Erfolg von Marcell Jacobs über 100 Meter. All diese erstaunlichen Dinge lediglich mit der neuen Generation von Spikes an den Schuhen und der Hightech-Laufbahn zu erklären, fällt schwer. Wirklich sehr schwer. Viel zu belastet ist die Vergangenheit. Sünder über Sünder stehen in den Listen. Und sicher kommen weitere hinzu. Durch die Pandemie hat die WADA rund 45 Prozent weniger Dopingtests durchführen können. Eine Einladung. Zudem zeigt eine ZDF-Recherche, dass das so engmaschige Kontrollnetz nach den Wettbewerben direkt im Stadion ganz und gar nicht so engmaschig ist, wie es sein sollte. Selbst wenn Medaillen aberkannt und Rekorde annulliert wurden und werden, die erst phänomenalen, dann zweifelhaften Geschichten der Sünder sind bekannt. Vielleicht ist es deswegen auch eine besonders gute Nachricht, dass die ewige Marke von 21,34 Sekunden eben weiter Bestand hat.

Auch die von "Flo-Jo", wie die Sprint-Legende Griffith-Joyner genannt wurde. Des Dopings wurde sie nie überführt, an Verdächtigungen und harten Vorwürfen allerdings mangelte es nicht. Erstaunliche Steigerungen, erstaunliches Muskelwachstum und eine veränderte Stimme, da kam viel zusammen, was die Amerikanerin belastete. Sie blieb schadlos. 1989, im Jahr nach ihrem Doppel-Gold bei den Olympischen Spielen von Seoul, beendete sie ihre Karriere. Ihr Rücktritt auf dem Leistungszenit kam zeitnah zur Einführung von Dopingkontrollen auch außerhalb der Wettkämpfe. Natürlich wurden da neue Verdachte geäußert. "Flo-Jo" überstand auch diese unbeschadet, weil nicht überführt.

Wann immer nun eine Frau auch nur zart in den Dunstkreis der Dimensionen der amerikanischen Sprint-Ikone läuft, läuft das Misstrauen als nicht abzuschüttelnder Schatten hinterher. Wie nun bei Thompon-Herah, die die kurze Sprint-Distanz auf eine erstaunliche, auf eine wundersame Weise dominiert hatte. Auch über 100 Meter gilt, was nun über 200 Meter manifestiert wurde: Die 27-jährige Jamaikanerin ist die zweitschnellste Frau der Welt. Nach dem Double von Rio holt sie nun auch das Double von Tokio. "Oh mein Gott, es ist unglaublich, dass ich das noch einmal geschafft habe. Es fühlt sich großartig an, wieder zwei Goldmedaillen zu gewinnen", sagte Thompson-Herah nach ihrem historischen Erfolg: "Ich hatte eine anstrengende Woche. Aber ich bin so, so glücklich." Auch ohne neuen Weltrekord.

Zwischen den glücklichen Momenten in Brasilien und den nun glücklichen Momenten in Tokio lag aber auch eine Zeit des langen Leidens. Massive Probleme mit der Achillessehne zwangen sie immer wieder zu längeren Pausen. Teilnahmen an Wettkämpfen endeten immer wieder mit Tränen und mit starken Schmerzen. Erst 2019 meldete sie sich mit starken Zeiten in der absoluten Weltspitze zurück.

Die Regeln für das Testosteron

In der mischt nun auch endgültig das namibische Supertalent Christine Mboma mit. In der ebenfalls erstaunlichen Zeit von 21,81 Sekunden holte sie Silber, Dritte wurde Gabrielle Thomas aus den USA (21,87). Sie war vor den Spielen die Weltjahresbeste gewesen. Auf dem so bitteren vierten Rang blieb übrigens mit Fraser-Pryce noch eine weitere Läuferin unter 22 Sekunden. So etwas hatte es in der olympischen Geschichte erst einmal gegeben, bei "Flo-Jos" Wunderlauf 1988. Damals waren auch Grace Jackson (Jamaika), Heike Drechsler (DDR) und Merlene Ottey (ebenfalls Jamaika) unter der magischen Marke geblieben. Es war, das ist leider die traurige Wahrheit, die Hochzeit des Dopings. Im Zwielicht stand nicht nur Griffith-Joyner, sondern auch Drechsler und Ottey.

Die Vierte von heute, Mboma, auch sie hat eine besondere Geschichte zu erzählen. Die 18-Jährige galt eigentlich als Top-Favoritin auf Gold über 400 Meter. Doch ihr wurde in Tokio das Startrecht verweigert, denn der natürliche Testosteronwert liegt über fünf Nanomol pro Liter. Das ist einer umstrittenen Regel des Weltverbands zufolge zu hoch. Deshalb darf sie international bei Rennen von 400 Metern bis zur Meile nicht starten - es sei denn, sie senkt ihren Testosteronwert durch Medikamente oder einen chirurgischen Eingriff. Ein Testosteronwert über dem Wert von fünf Nanomol soll einen unerlaubten Vorteil über die Distanzen bringen. Auf den beiden Sprintstrecken scheint das nicht der Fall zu sein.

Bekanntestes "Opfer" dieser Regel ist Caster Semenya, die 800-Meter-Olympiasiegerin von London und Rio. Was durchaus spannend ist: Auch bei Beatrice Masilingi, ebenfalls 18, ebenfalls über 400 Meter am stärksten und ebenfalls aus Namibia, ist der Wert zu hoch. Auch sie darf nur auf den kurzen Strecken laufen, über 200 Meter wurde sie Sechste.

Einen erneut enttäuschenden Abend erlebte Fraser-Pryce. Nach ihrer Enttäuschung über Silber auf der 100-Meter-Strecke hatte sie ihren mächtigen Haarschopf nun von Gelb-Orange auf Grün-Pink umgefärbt. Als Glücksbringer taugte das nicht: Als Vierte erlebte sie nun eine echte Enttäuschung. Eine Chance auf Gold hat sie aber noch: Mit der 4x100-Meter-Staffel, ausgerechnet an der Seite von Thompson-Herah.

Quelle: ntv.de

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