Technik
Android ist nicht untrennbar mit Google verbunden.
Android ist nicht untrennbar mit Google verbunden.(Foto: imago/Christian Ohde)
Dienstag, 01. Mai 2018

Entwickler zeigt, wie's geht: Android ohne Google ist möglich

Von Dierk-Bent Piening

Es ist nicht ganz einfach, ein Android-Smartphone zu "entgoogeln", aber es ist möglich, wenn man es wirklich möchte. Entwickler Dierk-Bent Piening hat den Selbstversuch gewagt und erklärt, wie er es hinbekommen hat.

Datenschutz ist ein großes Thema geworden - auch für den normalen Nutzer. Denn immer mehr Menschen misstrauen nach den vielen Skandalen den großen Technologie-Konzernen. In meiner Funktion als Datenschützer und IT-Sicherheitsberater werde ich immer wieder gefragt, ob man Android-Geräte nicht auch ganz ohne Google nutzen kann. Man kann, aber es ist nicht ganz einfach.

Android ist das meistverbreitete Betriebssystem weltweit, es läuft nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf Netbooks, Mini-Computern und TV-Boxen. Aber es ist nicht untrennbar mit Google verbunden. Android ist Open Source. Das bedeutet, jeder darf den Code (von Android) anpassen und auch veröffentlichen. Amazon macht das zum Beispiel für seine Fire-Geräte. Deshalb gibt es auch Möglichkeiten, Android ganz ohne Google zu nutzen, wenn man dies wirklich möchte. Es funktioniert, ich habe mein Smartphone "entgoogelt".

Die Herausforderung

Entwickler und IT-Sicherheitsexperte Dierk-Bent Piening.
Entwickler und IT-Sicherheitsexperte Dierk-Bent Piening.(Foto: Dirk-Bent Piening)

Ich selbst nutzte vorher auf dem Gerät regelmäßig Google, bewertete Restaurants und Geschäfte, navigierte zu Fuß oder im Auto mit Google Maps. Im Play Store und im Play Kiosk gab ich das in Google-Umfragen verdiente Guthaben aus, kaufte Apps und Zeitungen. Wenn ich mein Handy suchte, ließ ich es mit dem Gerätemanager orten und klingeln. Unterschiedliche Google-synchronisierte Kalender erinnerten mich an meine Termine. Ich verwaltete diverse Mail-Konten und durchsuchte oft das Archiv nach alten Mails. Geht das alles mit einem Android-Smartphone, das keine Google-Apps hat?

Aller Anfang ist schwer

Um Android ohne Google-Apps zu betreiben, muss man sich zunächst uneingeschränkten Zugriff auf das Gerät verschaffen. Das ist vergleichbar mit den Administrator-Rechten bei Windows und heißt bei Android-Geräten Root. Erst mit diesen Rechten kann man die bestehende Firmware des Smartphones löschen und ersetzen - beispielsweise über die alternative Recovery TWRP.

Dierk-Bent Piening

Dierk-Bent Piening ist IT-SIcherheitsexperte und Software-Entwickler. Hauptschwerpunkt seiner Arbeit sind Durchführungen von Penetrations-Tests in der Industrie und bei Endanwender-Geräten. Als ehemaliger Black-Hat-Hacker teilt er heute sein Wissen und schärft die Sensibilität für das große Thema IT-Sicherheit in Unternehmen und in den Medien. Privat steckt er seine Zeit in die Linux-Community und entwickelt an Android-Modulen. Er ist überzeugter Android-Nutzer auf Smartphones und Apple-Fan bei Tablets und Notebooks.

Beide Prozeduren sind je nach Hersteller und Gerät mal einfacher oder schwerer. Anleitungen kann man im Internet finden. Ich helfe bei Interesse auch gerne selbst, wenn man mich über Facebook (Facebook.com/dierkpiening) kontaktiert. Englischsprachige Anleitungen für TRWP bietet dessen Team selbst an. Um diese zu finden, gibt man auf deren Website im Suchfenster einfach den Namen seines Smartphones ein.

Wichtig: Es kann dabei immer etwas schiefgehen. Deshalb sollte man kein Smartphone rooten oder mit einem alternativen ROM versehen, das für den Alltag unabkömmlich ist.

Nacktes Android

Ich habe mich für LineageOS entschieden. Es ist meiner Meinung nach die derzeit beste alternative Firmware (Custom-ROM) für die verschiedenen Android-Geräte. Ich habe bei der Installation auf das Google-Apps-Paket verzichtet. Das Ergebnis: reines Android mit einigen kleinen Extras und ohne die diversen Google-Apps und -Dienste.

Apps gibt's auch ohne Google Play

Trotz der Tatsache, dass ich keinen Play Store auf dem Smartphone hatte, musste ich nicht auf Apps verzichten, denn es gibt gute Alternativen. Meine erste Wahl ist Aptoide, da ich dieser App-Quelle vertraue. Meine zweite Wahl ist Amazons App-Shop, weil es dort Paid-Apps gibt, und häufig auch kostenpflichtige Apps als Werbegeschenke verteilt werden.

Auf die praktischen Google-Apps zu verzichten, fällt schwer, ist aber machbar.
Auf die praktischen Google-Apps zu verzichten, fällt schwer, ist aber machbar.(Foto: imago/ZUMA Press)

Eine weitere Alternative ist es, Apps auf den Webseiten der Hersteller als .apk-Datei herunterzuladen und zu installieren, so wie man es mit Setup-Dateien unter Windows gewöhnt ist. Das ist aufwändiger, führt aber auch zum Ziel. Leider stellen nicht alle Hersteller ihre Apps zum Download bereit. Achtung: Auf Apk-Archiv-Seiten sollte man nach Möglichkeit verzichten, da diese meistens nicht geprüft sind und somit Viren oder Trojaner enthalten können.

Was fehlt?

Der Verzicht auf die Google-Apps und -Dienste hat einem spürbaren Preis. Nicht nur alte Bekannte wie Youtube, Drive oder Maps fehlen, sondern auch wichtige Extras, auf die nur über die Google-Play-Dienste zugegriffen werden kann. Die Google Mobile Services (GMS) beinhalten unter anderem den fast unverzichtbaren Ortungsdienst, der von vielen Apps vorausgesetzt wird.

Das ist zwar ein Plus für die Privatsphäre, da unser Bewegungsprofil auf diese Weise nicht mehr von Google erfasst wird, doch bedeutet es meistens ein Minus in Sachen Komfort. Will man Apps nutzen, die den Standortzugriff benötigen, ist dies häufig nicht möglich. Es gibt mit microg eine Location-Provider-Alternative, die Fake-Play-Dienste und WLAN-Ortung ohne Google auf ein Android Smartphone bringen. Doch die Einrichtung ist mühselig und fehleranfällig.

Navigieren ist ohne Google-Apps aber unproblematisch und komfortabel möglich. Mit Here Maps oder der Open Source Alternative OsmAnd konnte ich mich einwandfrei sowohl auf dem Land als auch auf Berlins Straßen orientieren. Ob mit dem Fahrrad, öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto: Ich bin immer sicher an mein Ziel gekommen.

Und womit suche ich jetzt?

MetaGer ist eine Alternative zur Google-Suche, die Datenschutz erst nimmt.
MetaGer ist eine Alternative zur Google-Suche, die Datenschutz erst nimmt.(Foto: n-tv.de)

Android ohne Google bedeutet logischerweise auch den Wegfall der Google-Suche. Aber auch für die Websuche gibt es Ausweichmöglichkeiten. Googles größter Konkurrent Microsoft zum Beispiel bietet mit Bing eine ganz passable Alternative und hat auch gleich die passende App dafür. Die Optik ist zwar anders, liefert aber vergleichbare Ergebnisse - und das sogar recht zuverlässig. Microsoft bietet auch selbst einen Launcher an, in dem die Bing-Suche standardmäßig bereits integriert ist.

Startpage schützt die Privatsphäre, nutzt aber über Umwege die Google-Suche. So erhält man fast die gleichen Resultate, ohne seine Daten preiszugeben. Sehr interessant ist auch MetaGer des deutschen gemeinnützigen Vereins Suma-EV.

Eine Cloud, die nicht klaut?

Eine der für mich wichtigsten Funktionen bei meinem Smartphone ist, schnell und unkompliziert auf die gleichen Dateien wie auf meinem Rechner zugreifen zu können. Der einfachste und günstigste Weg dafür ist die Verwendung einer Cloud. Ich habe mich für OneDrive von Microsoft entschieden, da diese einen akzeptablen Preis hat und gleichzeitig auch durch Office Online ein gutes Gegenstück zu Googles Office-Web-Apps ist.

Fazit

Android ohne Google ist möglich, wenn man seine Gewohnheiten überwinden kann und sich ein wenig tiefer mit der Materie Android auseinandersetzt. Ich konnte fast jede App nutzen, die ich benötige. Auch habe ich die meisten Apps in den alternativen App-Shops oder auf den Websites der Hersteller gefunden.

Wo ist der Haken? Es ist unbequem und für jemanden, der bislang viele Google-Dienste nutzt, ist die Umstellung ein Sprung ins kalte Wasser. Android ohne Google bedeutet nicht nur den Verzicht auf Google Drive, sondern auch auf Youtube und Google Music. Doch wer motiviert ist und ein wenig Zeit zur Einarbeitung hat, findet im gigantischen Android-App-Kosmos für alles eine passende Alternative.

Quelle: n-tv.de