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Fünf Kameras zu viel des Guten Das Nokia 9 scheitert in Schönheit

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Das Nokia 9 Pureview hat auf der Rückseite fünf Kameras, einen TOF-Sensor und einen LED-Blitz.

(Foto: kwe)

Mit fünf Kameras auf der Rückseite tritt das Nokia 9 Pureview an, um König der Smartphone-Fotografie zu werden und ist mit der Aufgabe überfordert. Immerhin aber ist es ein sehr schönes Gerät und die Hersteller HMD und Zeiss zeigen Mut, der in Zukunft belohnt werden könnte.

Es hat lange gedauert bis HMD das Nokia 9 Pureview endlich beim Mobile World Congress (MWC) in Barcelona vorstellen konnte. Man hatte es eigentlich schon ein Jahr früher erwartet. Grund für die lange Verzögerung war die ehrgeizige Penta-Kamera auf der Rückseite, die die Finnen in Zusammenarbeit mit Zeiss entwickelten. Die Erwartungen an ihre Fähigkeiten waren hoch, nichts anderes als der neue Kamera-König der Smartphones sollte es sein. Doch Anspruch und Realität klaffen beim Nokia 9 weit auseinander, stellte n-tv.de im Alltagstest fest.

Schickes Design, tolles Display

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Das Display kann für einen OLED-Bildschirm ziemlich hell leuchten.

(Foto: kwe)

Der erste Eindruck des neuen HMD-Flaggschiffes ist aber erstmal positiv, denn das Nokia 9 ist ein sehr attraktives Smartphone. Der dunkelblaue Rahmen mit geschliffenen Kanten an den Übergängen zu den im gleichen Ton gehaltenen gläsernen Vorder- und Rückseiten sieht klasse aus. Beeindruckend ist auch, dass es dem Hersteller gelungen ist, alle Kameras in einem 8 Millimeter dünnen Gehäuse unter dem Deckglas unterzubringen. Und trotz aller Schönheit ist das Gerät nach IP67 staub- und wasserdicht.

Der rund 6 Zoll große Bildschirm hat zwar keinen so schmalen Rahmen, wie ihn andere aktuelle Top-Smartphones bieten, aber das OLED-Display ist eine Pracht. Es ist mit einer Pixeldichte von rund 540 ppi sehr scharf, kann hell leuchten, liefert knackige Kontraste und schöne, natürliche Farben.

Kräftig, aber nicht besonders ausdauernd

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Bei gutem Licht kann die Kamera mit kräftigen Farben und Kontrasten sowie vielen Details glänzen.

(Foto: kwe)

Auch leistungsmäßig enttäuscht das Nokia 9 nicht, obwohl wegen der langen Verzögerung "nur" ein Snapdragon 845 mit 6 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher an Bord ist und nicht Qualcomms jüngster Top-Chip. Das Gerät arbeitet in jeder Situation flüssig und reagiert zackig auf Eingaben. Das liegt unter anderem am puren Android 9, das unbelastet von einer Hersteller-Oberfläche perfekt funktioniert. Der interne Speicher ist mit 128 GB großzügig bemessen.

Nicht so berauschend ist dagegen die Akkulaufzeit. Die Batterie mit 3320 Milliamperstunden bringt das Gerät zwar normalerweise über den Tag, nach längeren Fotosafaris kann es allerdings knapp werden. Nicht so schlimm: Geht dem Nokia 9 die Puste aus, lässt es sich mit dem leistungsstarken Netzteil aber schnell wieder aufladen. Außerdem kann das Gerät auch induktiv mit Strom versorgt werden.

Unsensibler Fingerabdrucksensor

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Auch dar künstliche Bokeh-Effekt überzeugt unter den richtigen Bedingungen.

(Foto: kwe)

Die erste Begeisterung geht in Ernüchterung über, wenn man den optischen Fingerabdrucksensor einrichtet, den das Nokia 9 unterm Display hat. Denn er ist extrem unsensibel und man wird immer noch aufgefordert, fester zu drücken, wenn man sich schon Sorgen um das Display macht. Oft kommt man gar nicht ans Ziel. Das nervt unglaublich und man wünscht sich schnell einen stinknormalen Sensor auf der Rückseite, der ganz einfach funktioniert.

Die Kamera ist nicht wirklich eine Enttäuschung, kann die hohen Erwartungen aber nicht erfüllen. Bei guten Lichtverhältnissen ist sie zwar in der Lage, hervorragende Ergebnisse mit tollen Farben und Kontrasten sowie vielen Details zu liefern. Aber das klappt leider bei weitem nicht immer und wenn es dunkel wird, versinkt die Pracht der Penta-Kamera in Mittelmäßigkeit. Das ist furchtbar schade, denn in manchen Situationen sieht man, welches Potenzial das Fünfauge hat.

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So sieht ein JPG bei eigentlich noch ganz guten Lichtverhältnissen aus.

(Foto: kwe)

Das Funktionsprinzip ist eigentlich überzeugend: Zwei Farb- und drei Schwarz-Weiß-Kameras nehmen gleichzeitig Bilder mit je zwölf Megapixeln und Blende f/1.8 auf, die dann zu einem Foto zusammengerechnet werden. Theoretisch sollte man so nicht nur sehr detailreiche Aufnahmen erhalten. Die lichtempfindlichen Schwarz-Weiß-Sensoren versprechen auch nach Sonnenuntergang gute Fotos und HDR sollte die Penta-Kamera mit einem großen Dynamikumfang auf ein neues Niveau heben.

Zu schwach für die Monster-Kamera

Dass die Ergebnisse aber nur selten den hohen Erwartungen gerecht werden, liegt möglicherweise an der enormen Rechenleistung, die für das Zusammenfügen der Einzelaufnahmen nötig ist. Der Snapdragon 845 hat zwar für die hohen Anforderungen einen Koprozessor zur Seite, ist aber offensichtlich trotzdem überfordert. Bis man das fertige Foto sehen kann, dauert es rund zehn Sekunden, bei Serienaufnahmen auch deutlich länger. Man muss aber nicht nach jeder Aufnahme warten, sondern kann weiter fotografieren.

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Aus den RAW-Dateien lassen sich viel bessere Fotos entwickeln.

(Foto: kwe)

Es wäre auch zu verkraften, dass die von einer einzelnen Kamera gelieferte Vorschau nicht mal andeutet, wie das Ergebnis aussehen wird, wenn man sich darauf verlassen könnte, dass am Ende gute Fotos entstehen. Das ist aber leider nicht immer der Fall. Warum die Penta-Kamera trotz der beiden Schwarz-Weiß-Sensoren vor allem bei schwächer werdendem Licht Schwierigkeiten bekommt ist rätselhaft. Weshalb sie Bewegungen nicht mag, liegt dagegen auf der Hand: Keine Kamera wird optisch stabilisiert.

Gelungener Bokeh-Effekt

Recht gut funktioniert dagegen das künstliche Bokeh, bei dem zusätzlich ein TOF-Sensor zum Einsatz kommt, der mit einem Lichtstrahl Entfernungen zu Objekten präzise bestimmen kann. Fokus und Unschärfe lassen sich auch im Nachhinein noch festlegen und solange man den Regler nicht zu weit nach rechts zieht, sehen die Ergebnisse auch meistens natürlich aus. Allerdings ist der Bokeh-Effekt nicht gelungener als bei anderen Top-Smartphones, feine Übergänge bekommen Konkurrenten wie das iPhone XS oder das Huawei P30 Pro sogar besser hin.

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Man versucht besser nicht, mit dem Nokia 9 zu zoomen.

(Foto: kwe)

Vielleicht ist die Schwäche des Nokia 9 auch nur eine Software-Schwäche. Die besten Resultate erhält man nämlich dann, wenn man die RAW-Aufnahmen entwickelt und nicht die JPGs akzeptiert. Dann kann man deutlich mehr aus den vielen Bildinformationen herausholen und man sieht, dass das Fünfauge vor allem bei Details stark ist. Der bescheidene Pro-Modus, bei dem man lediglich Weißabgleich, Belichtungszeit und ISO einstellen kann, ist dagegen nur bedingt hilfreich.

Videos des Nokia 9 sehen vernünftig aus und werden recht gut elektronisch entwackelt. Hier kommt aber auch nur eine einzelne Kamera wie bei jedem Durchschnitts-Smartphone zum Einsatz.

Vielleicht beim nächsten Versuch

Schade, man möchte das Nokia 9 Pureview eigentlich gernhaben. Das Kamerakonzept ist außergewöhnlich und faszinierend und das Gerät bis auf den nervigen Fingerabdrucksensor gelungen. Allerdings liefert es eben nicht die überragenden Ergebnisse, die man sich von dem Fünfauge versprochen hatte. Andere Smartphones mit Superweitwinkel- und Teleobjektiven sowie optischen Stabilisatoren können in Sachen Fotografie mehr überzeugen.

Vielleicht kommt ja noch ein Software-Update, das beim Nokia 9 den Kamera-Turbo zündet. Die RAW-Dateien lassen erahnen, was vielleicht möglich ist. Wer sich auf den Versuch einlässt, muss nicht allzu tief in die Tasche greifen. Man bekommt es aktuell online für rund 630 Euro und der Preis wird wohl zügig noch tiefer fallen. Vielleicht sollte man aber erstmal abwarten, ob nicht doch schon bald ein kräftigerer Nachfolger kommt, der die Monster-Kamera zähmen kann.

Quelle: n-tv.de

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