Technik

Paketbote in der Postapokalypse "Death Stranding" ist genial frustrierend

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Das Bridge-Baby ist ein Bindeglied zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten.

(Foto: Sony Playstation)

Lange fiebert die Gaming-Gemeinschaft dem neuen Blockbuster von Star-Entwickler Kojima entgegen. Doch als "Death Stranding" endlich auf den Markt kommt, stellen sich viele Spieler die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?

Saurer Regen prasselt unerbittlich auf die mit Moos und Steinen bedeckte Erde. Sam zieht seine Kapuze tiefer ins Gesicht und beschleunigt seinen Schritt. Er ächzt und schwankt unter der schweren Last auf seinem Rücken. Nur noch wenige Meter bis zum Ziel. Doch dann reicht ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit. Er stolpert. Die Gepäckstücke fallen krachend zu Boden. Ein Meer aus öligem Schlamm breitet sich unter ihm aus. Teerverschmierte Hände greifen nach ihm. Er versucht sich zu befreien. Doch die dunklen Wesen ziehen ihn immer weiter in die Tiefe.

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Im neuen Spiel "Death Stranding" von Star-Spieledesigner Hideo Kojima ist das Jenseits in die Welt der Lebenden eingedrungen. Eine dunkle Bedrohung hat die USA vollkommen zerstört. Unheimliche, schattenähnliche Wesen bevölkern die Erde. Die Menschheit oder zumindest das, was von ihr übrig geblieben ist, hat sich in weitverstreute Bunker zurückgezogen. In dieser toten und lebensfeindlichen Welt bekommt der Kurier Sam Porter Bridges, verkörpert von Serien-Star Norman Reedus ("The Walking Dead"), die Aufgabe, die Überlebenden mit dem Nötigsten zu beliefern und sie über ein Netzwerk wieder miteinander zu verbinden. So soll wieder eine funktionierende Gemeinschaft entstehen.

Dafür durchquert Sam als einsamer Held das postapokalyptische Amerika. Auf seinem beschwerlichen Weg muss er sich gegen abtrünnige Banditen behaupten, sich vor dem Regen schützen, der die Zeit schneller laufen und Dinge altern lässt, und finsteren Wesen aus dem Reich der Toten entkommen. Ausgerüstet ist Sam mit einem ungeborenen Baby in einer künstlichen Gebärmutter, die er auf dem Bauch trägt. Das sogenannte Bridge-Baby (Brücken-Baby) ist ein Bindeglied zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Es erlaubt Sam, die bedrohlichen Schattenwesen zu sehen und ihnen auszuweichen.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft

Das klingt zwar ziemlich verrückt, doch das Spielprinzip von "Death Stranding" ist simpel: Sam muss Pakete von A nach B bringen und dabei unwegsames Gelände überwinden. Das ist nicht nur langwierig, sondern auch mühselig und immer wieder frustrierend.

So verkürzt klingt das erst einmal gar nicht reizvoll. Kojima schafft es aber, uns genau das schmackhaft zu machen. Er verlangt dem Spieler viel Geduld und Durchhaltevermögen ab. Stundenlang stapft Sam von einem Ort zum anderen - wankend, immer darauf Bedacht die Balance zu halten. Auf seinem Rücken türmen sich meterhoch Aluminiumbehälter. Doch dann erklingt sphärische Musik. Die Kamera fährt in eine Art Totale und gibt Blick auf eine wunderschöne Landschaft frei, die eher an Island als an die USA erinnert - nur dass hier noch weniger Menschen anzutreffen sind.

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Stundenlang stapft Sam durch eine karge, menschenleere Landschaft, die eher an Island als die USA erinnert.

(Foto: Sony Playstation)

Die drückende Einsamkeit ist in „Death Stranding“ allgegenwärtig. Technologie gibt es im Überfluss. Zwischenmenschliches bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Es ist selten, dass Sam einem anderen Menschen persönlich begegnet. Wenn er ein Paket abliefert, schickt der Empfänger nur ein Hologramm von sich an die Oberfläche, um sich bei Sam zu bedanken oder ihm einen neuen Auftrag zu geben.

Die Sehnsucht nach einem Miteinander, nach einer Gemeinschaft ist die treibende Kraft in "Death Stranding". Das Spiel motiviert den Spieler die Einsamkeit durch virtuelle Brücken zu bekämpfen. Zwar trifft man online nicht auf andere Spieler, dafür aber auf Pakete, die diese verloren haben. Außerdem kann man Unterschlüpfe, Wachttürme und andere Bauten, die sie hinterlassen haben, nutzen und vergibt dafür dankbar Likes. Schnell lernt man auch selbst zu teilen, indem man Leitern an schwer zu erklimmenden Stellen hinterlässt oder wertvolle Ressourcen spendet. Die Vernetzung mit anderen Spielern erleichtert die beschwerlichen Aufgaben.

Gratwanderung zwischen Genialität und Langeweile

So ist auch auf der Meta-Ebene die Botschaft von "Death Stranding" eindeutig: Zusammen ist man stärker. Das mag zunächst etwas oberflächlich klingen, offenbart jedoch einen scharfen Blick auf unsere heutige Gesellschaft. In den zahlreichen Zwischensequenzen, Briefen und Enzyklopädie-Einträgen entfaltet sich eine hochkomplexe Geschichte über das menschliche Zusammenleben. Allein mit der Entschlüsselung der unzähligen Anspielungen und Allegorien könnte man mehrere Bücher füllen. So kommentiert Kojima zum Beispiel mit einem Augenzwinkern gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Übermacht der Sozialen Medien oder die ausufernde Bestell- beziehungsweise Lieferkultur.

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Zudem besticht "Death Stranding" mit viel Liebe zum Detail und einer atmosphärisch dichten Welt. Das Sounddesign ist preisverdächtig. Gleichzeitig steht das Spiel immer kurz davor, lästig und eintönig zu werden. Es entsteht der Eindruck, dass Kojima diese Gratwanderung absichtlich wählt, um die Monotonie einer zerrütteten Welt zu unterstreichen. "Death Stranding", so verkündete Kojima vor der Veröffentlichung, solle weder Baller- noch Schleichspiel sein, sondern etwas ganz Neues. Und tatsächlich: Der erste Gegenstand, der einer Waffe ähnelt, taucht erst nach zwölf Stunden Spielzeit auf. Und auch sonst ist man sich die meiste Zeit nicht sicher, was man hier eigentlich spielt. Womöglich ein Grund, warum viele enttäuschte Spieler "Death Stranding" als langweiligen "Walking-Simulator" abgetan haben.

Wer also viel Action mag und einen kurzweiligen Zeitvertreib sucht, muss sich bei "Death Stranding" auf viel Frustration und Langeweile einstellen. Doch diejenigen, die sich auf das Spiel einlassen, werden mit einer außergewöhnlichen und einmaligen Spieleerfahrung belohnt.

"Death Stranding" ist ab sofort für die Playstation 4 ab 50 Euro erhältlich.

Quelle: n-tv.de

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